Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:6
- S.15
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Aoise Saas. —
Herausgegeben von den amerikanischen Streitkräften für die österreichische Bevölkerung
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Nummer 8/ 1. Jahrgang
Redaktionelle Einfendungen und Aufragen sind zu richten an IS B. Innsbruck, Andrens=Hofer=Straße 4. — Druck: Tyrolia, Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4
Samstag, 30. Juni 1955
Die Besetzung Oesterreichs
Die Eenennung des General Claek
Washington, 29. Juni. Der stellvertretende Kriegsminister der Vereinigten Staaten, Robert Patterson, bestätigte heute die Ernennung des Generals Clark zum Kommandierenden der amerikanischen Besatzungskruppen in Oesterreich. Patterson erklärte außerdem, daß Oesterreich mit gewissen Unterschieden genau so besetzt werden wird wie Deutschland, nämlich in vier Zonen, je einer für die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Rußland und Frankreich. Auch die Hauptstadt Wien wird nach dem gleichen Schema wie Berlin in vier Zonen aufgeteilt werden.
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General Mark Wayne Clark wurde im Jahre 1887 als Sohn einer der wenigen amerikanischen Offizierssamilien geboren, in denen der Dienst mit der Waffe Tradition geworden ist. Er besuchte die Militärakademie in Westpoint. Als er 1918 mit dem amerikanischen Expeditionskorps an die französische Front kam, bekleidete er das Amt eines Bataillonskommandeurs. Clark wurde in den Vogesen schwer verwundet, konnte aber noch kurz vor dem Waffenstillstand die ArgonnenOffensive mitmachen. Im Jahre 1924 wurde er in das Kriegsministerium in Washington berufen. Nach weiteren Truppenkommandos und dem Besuch der Generalstabsakademie übernahm er 1937 die taktische Abteilung im Kriegsministerium. Im folgenden Jahre kam Clark zum Stab der 3. Division in Fort
Lewis. Die Art, in der er hier die Truppe ausbildete, lenkte die Aufmerksamkeit seines vorgesetzten Generals Marshall auf ihn. Marshall 1940 Generalstabschef wurde, übertrug er Clarh die Ausbildung, Modernisierung und Koordinierung der neuen amerikanischen Armee. Mit General Eisenhower ging Clark als Befehlshaber der 5. Armee nach Europa. Er führte die Ver
handlungen über geheime Abmachungen mit jenen Offizieren der französischen Generalität, die sich damals vom Vichy=Regime abkehrten. Zu diesem Zweck ließ er sich im Sommer 1942 von einem englischen Unterseeboot an die nordafrikanische Küste bringen, wo er mit den betreffenden französischen Unterhändlern eine geheime Zusammenkunft hatte, ein Unternehmen, das wegen seiner Waghalsigkeit großes Aufsehen erregte. Nach der siegreichen Beendigung des Tunis=Feldzuges führte General Clark im September 1943 die erfolgreiche Landung der 5. Armee an der italienischen [Küste bei Paestum durch. Unter seiner Führung wurde am 4. Juni 1944 Rom befreit. Nach der erfolgreichen Ueberschreitung des Arno wurde General Clark Oberbefehlshaber der 15.
Heeresgruppe. Ende 1944 wählte der amerikanische Kongreß ihn zum Voll=General. Nun beruft ihn ein neuer Auftrag an die Spitze der amerikanischen Besatzungstruppen in Oesterreich.
Bis September räumen die Besatzungstruppen Italien
Washington, 29. Juni. Der amerikanische General Josef Me Narney, der stellvertretende Oberbefehlshaber im Mittelmeerraum, erklärte, daß Italien bis zum September von den Besatzungstruppen geräumt sein wird. Die einzigen Ausnahmen werden möglicherweise die Provinzen Bozen und [Venetia Giuglia sein, wo einige Besatzungstruppen auch nach dem September noch bleiben werden. MeNarney erklärte, daß alle amerikanischen Truppen mit Ausnahme von 1600 Mann für Bergungsarbeiten und möglicherweise eine Division für die Beinetia Giuglia bis zum nächsten Jänner aus Italien zurückgezogen werden.
Ein menschliches Schlachthaus“
London, 29. Juni. Ein Sonderberichterstatter Reuters berichtet über die Prager Hinrichtungskammer, in der die Deutschen 1068 tschechische Patrioten, darunter 25 Frauen, enthaupteten oder hängten. Diese Hinrichtungskammer kann man als modernes menschliches Schlachthaus bezeichnen. Sie mißt ungefähr 20 Meter im Quadrat. ist weiß getäfelt und der Boden gepflastert. Unter der Guillotine befindet sich eine Vorrichtung zum Aufsangen des Blutes. Zwei Wasserschläuche dienen zu dessen Beseitigung. Waschbecken mit fließendem warmem und kaltem Wasser ermöglichen den Henkern nach ihrer gräßlichen Arbeit die Reinigung der Hände. Nicht weniger als 25 bis 30 Menschen wurden stündlich getötet. Das schwere dumpfe Aufschlagen des Fallbeiles, war bis auf
die Straße hinaus zu hören.
Juden wurden auf Haken erhängt, die an Rollen angebracht waren, welche über eine Eisenschiene liefen. Ein Stoß und der freischwebende Körper rollte fleich der Gardine auf der Vorjangstange durch die Kammer bis zu dem anschließenden Raum, wo die unbehauenen Holzsärge aufgeschlichtet waren. Diese Schreckensstätte ist nun über und über mit Blumen bedeckt. Im Hintergrund hängen die Fahnen der Tschechoslowakei. Als die tschechischen Freiheitskämpfer in das Gefängnis eindrangen, nachdem sie die deutschen Wachen getötet hatten, retteten sie gerade noch fünf Menschen, darunter drei Frauen, vor der Hinrichtung.
An einem hölzernen Schemel sind rührende Worte verurteilter Patrioten, deutlich mit Bleistift geschrieben, entdeckt worden. Diese Botschaft ist vom 20. Dezember 1944 und drückt den Wunsch aus, daß alle tschechischen Freiheitskämpfer fröhliche Weihnachten seiern möchten. Unterzeichnet wurde die Botschaft von sechs verurteilten Männern. Selbstverständlich sind die hier vollzogenen Hinrichtungen nur ein kleiner Teil der deutschen Massenmorde in Prag. Die schauspielerische
Art, in der diese blutigen Szenen ausgeführt wurden hinterließ bei den Besuchern einen tiefen Eindruck.
Ein neues Massengrab in der Tschechoslowakei
Radio Prag meldet, daß in der westlichen Tschechoslowakei neuerdings ein Massengrab entdeckt wurde, in welchem mehr als tausend politische Gefangene aller Nationalitäten verscharrt worden sind. Es handelt sich um eine Gruppe politischer Häftlinge, die im Frühling auf dem Transport nach Theresienstadt von der SS gemartert und dann ermordet wurde. Die Namen zweier dieser Henker sind bekannt. Es sind ein gewisser Fink und Best.
Die Konferenzder großen Drei in Potsdam
Ende der nächsten Woche
London, 29. Juni. Wie „Daily Telegraph“ meldet, wird die Konferenz zwischen [Truman, Churchill und Stalin voraussichtlich Ende nächster Woche in Potsdam stattfinden.
Die amerikanische Armee und die Versorgung der befreiten Länder
Washington, 29. Juni. Die Armee der Vereinigten Staaten hat, so sagte der Berichterstatter der „New York Post“ über die Versorgung der befreiten Länder, eine gewaltige Leistung vollbracht. Ueber zehn [Millionen Tonnen an Lebensmitteln und Treibstoff sind nach Italien, Frankreich, Holland und in kleineren Mengen nach anderen Ländern geschickt worden. Zur Zeit werden allmonatlich fast eine Million Tonnen nach diesen Ländern geliefert. Dank dieser Armeelieferungen sind Hungersnot und völliger Zusammenbruch in Europa vermieden worden. Diese Lieferung aus Armeevorräten an die befreiten Gebiete soll bis September dieses Jahres fortgesetzt werden. Dann
sollen die europäischen Regierungen mindestens theoretisch in der Lage sein, mit einiger Hilfe aus den USA. die Versorgung ihrer Länder selbst zu übernehmen.
Ein Buchenwalder Postminister in Frankreich
Paris, 29. Juni. Eugen Thomas, ehemaliger Gefangener im Konzentrationslager Buchenwald und Mitglied der französischen Widerstandsbewegung, wurde zum Minister für Post= und Telegraphenwesen ernannt.
Der Hauptmitarbeiter Lavals verhaftet
Rom, 29. Juni. Josef Darnand, Staatssekretär des Innern der Bichy=Regierung und Generalsekretär der französischen Miliz, wurde in seinem Versteck nördlich Bergamo unweit der Schweizer Grenze verhaftet. Durch die Tätigkeit seiner Miliz, die er rücksichtslos gegen die französische Widerstandsbewegung einsetzte, wurden viele Franzosen den Deutschen ausgeliefert.
100 Millionen Brandbomben
New York, 29. Juni. Das amerikanische ninisterium gibt bekannt, daß die chemische Rüstungsindustrie eine weitere Erzeugung von 150 Millionen Brandbomben zum Einsatz gegen japanische Industriegentren für die nächsten zwölf Monate vorgesehen hat. Die chemische Rüstungsindustrie wird ihre Produktion in den nächsten sechs Monaten verdoppeln und in der ersten Hälfte 1946 fast verdreifachen.
Die Verlustliste von Okinawa Admiral Nimitz veröffentlicht die offizielle Verlustliste von den Kämpfen auf Okinawa. Die amerikanische Marine verlor 907 Tote und Vermißte und 4824 Verwundete. Zu
Lande betragen die Verluste 6990 Mann. Die Japaner verloren vom 1. April bis zum 27. Juni 101.853 Tote und 9498 Gefangene.
Eine moderne chinesische Armee
Tschungking, 30. Juni. General Tschiangkeischek erklärte, daß in Kürze eine in Amerika ausgebildete und mit amerikanischen Waffen ausgerüstete chinesische Armee bereit sein wird, gegen die Japaner zu kämpfen. Der General glaubt, daß eine große Anzahl von Truppen der Vafallenstaaten Japans sich im Falle einer amerikanischen Landung in China gegen die Japaner wenden würden.
Trauerfahnen ehren K3=Opfer
Salzburg, 27. Juni. Wenige Wochen nach ihrer Befreiung aus der Haft erlag die ehemalige politische Gefangene des FrauenKonzentrationslagers Lebenau. Käthe Novotny, einem Leiden, das sie sich in der Haft zugezogen hatte. Strahlender Himmel wölbte sich über Salzburg. Eine große Trauer
gemeinde hatte sich auf dem Salzburger Kommunalfriedhof eingefunden, um die treue Oesterreicherin Käthe Novotny, die das Bekenntnis zu ihrer Heimat mit den Qualen
des Konzentrationslagers Lebenau hatte bezahlen müssen, zu Grabe zu geleiten. Vor dem durch die rot=weiß=rote Fahne, Kränze und Blumen geschmückten Sarge der Abgeschiedenen hielten Kameraden aus verschiedenen Konzentrationslagern die Ehrenwache. Die blau=weiß gestreifte Uniform beherrschte diese Trauerfeier. Das frühere Strafgewand war die Ehrenkleidung dieses Tages, der eine eindrucksvolle Kundgebung gegen den KZ=Terrer darstellte. Unter den Klängen des Händelschen Largos wurde der Sarg von vier ehemaligen politischen Gesangenen aus der Einsegnungshalle getragen. Ein langer Zug folgte ihm und sammelte sich um das Grab. Hier standen die Vertreter verschiedenster Nationen mit ihren Fahnen in treuer Kameradschaft um die Tote. Der
Landeshauptmann Dr. Schemel und andere hohe Abgesandte der
Landesregierung sowie die Sekretäre aller drei Parteien Oesterreichs hatten dort Aufstellung genommen. Die Konzentrationslager Buchenwald, Auschitz, Ebensee, Mauthausen und Dachau sowie die früheren politischen Häftlinge der Zuchthäufer Straubing und Keilsheim waren durch ihre Delegationen vertreten. 38 Frauen aus dem Konzentrationslager Lebenau nahmen von ihrer Freundin, mit der sie Freud und Leid geteilt, Abschied. Zu Herzen gingen die Worte, die am Grabe der einsegnende Priester sprach. Er wies darauf hin, ein wie starker Halt Gott den Leidenden und Gequälten in der Haft war. Sodann sprach der Leiter der KZ=Betreuungsstelle und Sekretär der Kommunistischen Partei Matzlinger. Er prangerte die Verbrechen des Nationalsozialismus an, die der Welt
20 Millionen wertvollster Menschen geraubt haben. Käthe Novotnys Tod sei eine Verpflichtung für alle, an dem Wiederaufbau Oesterreichs zu einem freien demokratischen Staate tatkräftig mitzuarbeiten und eine Kampfansage an die Ueberreste dieses verruchten Systems und seiner Hintermänner. Erschüttert reichten die Trauernden der zurückgebliebenen Kusine der Abgeschiedenen die Hand. Unter den gesenkten Fahnen Oesterreichs, Polens, Frankreichs und Iugoslawiens wurde der Sarg der Erde übergeben.