Tiroler Tageszeitung 1945
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- S.67
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stummer 129/ 1. Jahrgang
Redaktionelle Einsendungen an die Schriftleitung der „T. T.“, Innsbruck, Andreas=Hofer=Straße 4, Telephon Nr. 3941. — Druck: Tyrolia, ebendort.
Mittwoch, 21. November 1848
Die Wahlkampagne
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Telephonbericht unseres Wiener A.R.=Korrespondenten
Wien, 20. November.
„In den Qualen des Lagerlebens haben wir uns gefunden — wie könnten wir je wieder gegeneinander kämpfen?“, sagte mir bei einem Regierungsempfang ein sozialistischer Minister. Die umstehenden Politiker der anderen Gruppen stimmten eifrig zu. „Fast alle, die wir hier sind, um das neue Österreich zu bauen, waren nämlich in Konzentrationslagern zusammen“, erklärte dazu ein Staatssekretär — das war gelegentlich der ersten Zusammenkunft der Delegierten aus den Bundesländern. Eine Zeit ewigen Friedens schien angebrochen — im gleichen Geist der Geneinschaft und der Einigkeit der drei Parteien wurde die Wahlkampagne eröffnet.
Diese weise Zügelung der Parteileidenschaften hat jedoch den Beginn der Wahlkampagne nicht lange überdauert. Auch heute hat der Wahlkampf nicht jene heftigen Formen angenommen, die er in früheren Jahren meist äußerte, doch lassen es die Parteien mit zunehmender Dauer des Wahlkampfes an immer schärferen Angriffen nicht fehlen.
Man wird sich zur richtigen Beurteilung dieser Wahl vor Augen halten müssen, unter welchen Umständen sie erfolgt — eine halbe Million Toter, eine halbe Million Abwesender, kriegsgefangen, vor den Nazi emigriert oder jetzt als Nazi flüchtig — dies bewirkt ein übermaß der weiblichen Wähler gegenüber den männlichen im Verhältnis von 61:39 Die Frau wird also über den Ausgang der Wahlen entscheiden.
Andererseits sind die Nazi vom Wahlrecht ausgeschlossen. In unterrichteten Kreisen schätzt man die Zahl der eingeschriebenen Parteimitglieder und Anwärter auf 600.000, während auf Grund der Bahlanlageblätter nur 250.000 registriert sind. Lemman auch eine beträchtliche Reserve an Lesllenen, Kriegsgefangenen und Flüchtigen zu brücksichtigen hat, zeigt sich doch, daß von den Nazi eine beträchtliche Zahl sich gesetzwidrig das Pahlrecht zu erschleichen versucht. Allerdings stellt das Gesetz dieses Vergehen unter schwere Strafe — 1 bis 5 Jahre Kerker. Strenge Maßnahmen gegen die Schuldigen wurden durch eine neue Wahlgesetznovelle erlassen. Amtlich wird dazu erklärt: Durch die Wahlgesetznovelle wird erwirkt, daß wohl kein Mensch, dem aus politischen
Gründen das Wahlrecht aberkannt wurde, es wagen wird, zur Urne zu schreiten, und sich somit die Wahlkommission am Wahltage auf die einzige ihr durch Gesetz übertragene Befungnis beschränken kann, lediglich die Identität des Abstimmenden festzustellen.
Im großen gesehen stehen in diesem Wahlkampf die Volkspartei auf der einen Seite und Sozialisten und Kommunisten auf der anderen einander gegenüber, auch wenn die Sozialisten die wiederholten Vorschläge der Kommunisten auf Vereinigung zurückwiesen.
In kommunistischen Kreisen werden die eigenen Wahlaussichten mit 12 bis 15 Prozent angegeben. Für Wien bieten die Zahlen der letzten Volksbefragung der Landtags= und Gemeindewahlen vom April 1932 einen gewissen Schlüssel. Von 1,158.000 Stimmen entfielen damals
683.000 Stimmen auf die Sozialisten
233.000 Stimmen auf die Christlichsozialen
201.000 Stimmen auf die Nationalsozialisten
40.000 Stimmen waren zerspillert.
Ziemlich übereinstimmend wird erwartet, daß Tirol, Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich # eine starke Mehrheit für die Volkspartei erge
# ben, während Wien, Niederösterreich, das Burgenland und Kärnten vorwiegend für die marxistischen Parteien stimmen werden. Die Haltung der steirischen Wählerschaft bildet eine unbekannte Größe, von der es abhängen wird, ob die Volkspartei oder die beiden Linksparteien zusammen die Mehrheit davontragen werden.
Auswärtige Parlamentarier kommen zu den Wahlen
R Heute ist eine Kommission englischer Parla## mentarier hier eingetroffen, die mit der Aufgabe ## betraut ist, den Verlauf der Nationalratswahlen # zu beobachten und darüber in London zu berichten. Die Gruppe besteht aus fünf Labourabgeord# neten, zwei Liberalen und einem Konservativen. # Für die nächsten Tage werden zwei französische Sozialisten erwartet, der Parteisekretär Verdier und der Abgeordnete Wagner aus Mühlhausen. Dieser Besuch gilt den österreis chischen Parteifreunden.
Der Beginn des Nürnberger Prozesses
Verlesung der Anklageschrift Fernschreibbericht unseres Sonderberichterstatter
Nürnberg, 20. November. Der internationale Militärgerichtshof zur Aburteilung der Hauptkriegsverbrecher eröffnete heute morgen wie vorgefehen um 10.00 Uhr Ortszeit im Nürnberger Justizpalast die Verhandlungen. Die Gefangenen wurden etwa eine Viertelstunde vor Beginn der Verhandlungen in den Gerichtssaal gebracht. Zuerst kamen Göring, Heß, Ribbentrop und Keitel, und sie nahmen in der rechten Ecke der Anklagebank Platz. Göring trug eine seiner phantastischen hellgrauen Uniformen, aber ohne jeden Orden oder sonstigen Schmuck. Er schien guter Stimmung zu sein und blickte sich lächelnd um. Dann wandte er sich Keitel zu, der gerade hinter ihm Platz genommen hatte. Heß sieht jetzt sehr dünn aus und seine Glatze wird immer stärker. Nachdem er sich
gesetzt hatte, öffnete er ein Buch und begann zu lesen. Ribbentrop saß mit überkreuzten Armen und starrte vor sich hin. Das vierte Mitglied der ersten Gruppe, Keitel, einmal deutscher Feldmarschall, war absolut unbewegt. Er trug eine feldgraue Uniform ohne jedes Rangabzeichen und saß mit steinernem Gesicht da. Es dauerte etwa fünf Minuten, ehe alle Angeklagten ihren Platz eingenommen hatten. Einer fehlte, Kaltenbrunner, der inzwischen krank geworden ist.
Für die meisten von uns war es das erste Mal, daß wir die Naziführer sahen. Ich erkannte von Papen, der immer noch untadelig angezogen ist. Er trug einen dunklen Anzug und ein kleines Taschentuch in der Brusttasche. Neben ihm saß Jodl, mit dem er sich unterhielt. Die deutschen Anwälte kamen nacheinander herein, unter ihnen Papens Sohn, der aus der Gefangenschaft entlassen wurde, um seinen Vater zu verteidigen. Er beugte sich über das Geländer und schüttelte seinem Vater die Hand. — Zehn Minuten ehe die Sitzung des Gerichtes begann, ereignete sich etwas, das mir wie ein Selbstmordversuch erscheint. Ich sah gerade, wie Julius Streicher seinen Platz einnahm. Streichers Anwalt ging zu ihm heran, holte etwas aus seiner Tasche und wollte ihm etwas in
die Hand drücken. Aber in diesem Augenblick faßte eine amerikanische Wache nach seiner Hand und zwang ihn, das, was er darin hatte, wieder in die Tasche zu stecken. Acht amerikanische Wachen mit weißen Stahlhelmen stehen hinter der Anklagebank, und nichts kann ihren aufmerksamen Blicken entgehen.
Um 10 Uhr betraten die acht Richter den Gerichtssaal, zuerst kamen die beiden Franzosen, dann die Amerikaner, die Engländer und zuletzt die Russen. Die Russen trugen militärische Uniform, alle anderen trugen schwarze Richterroben. Lordoberrichter Lawrence eröffnete feierlich die Sitzung. In seiner Erklärung sagte er, daß dieser Prozeß einzigartig in der Geschichte des Rechtswesens sei und höchste Bedeutung für Millionen von Menschen in der ganzen Welt habe. Deshalb müsse sich jeder klar darüber sein, daß es seine Pflicht ist, in übereinstimmung mit den Grundsätzen des Zivilrechtes zu urteilen Dann verfügte Richter Lawrence die Verlesung der Anklageschrift. Es dauerte etwas mehr als eine Stunde, bis diese verlesen war. Darauf vertagte sich der Gerichtshof
für eine Viertelstunde. Kurz nach der Vertagung versagte plötzlich die Beleuchtung und der ganze Gerichtssaal war dunkel. Die Angeklagten befanden sich noch im Saal. Aber bald war der Schaden behoben.
Um 12.30 Uhr erfolgte eine zweite Unterbrechung der Verhandlung, die den Abordnungen erlauben soll, das Mittagessen einzunehmen, wäh
rend die Angeklagten ihre Mahlzeiten im Sitzungssaal selbst einnehmen. Zum ersten Male seit ihrer Verhaftung haben die Angeklagten Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Nach der Wiederaufnahme der Sitzung beginnt Herr Mounier mit der Verlesung der französischen Anklageschrift. Um 14.30 Uhr verliest Oberst Prokowsky im Namen der Sowjetunion die russische Anklageschrift.
Im Laufe des Nachmittags wurde der Anhang zur Anklageschrift verlesen, in dem die Stellung und die Verbrechen der einzelnen Angeklagten aufgeführt sind. Diese Ausführungen wurden vom stellvertretenden russischen Anklagevertreter vorgetragen. Die Liste beginnt mit Göring. Göring hörte interessiert zu, als der ihn betreffende Teil verlesen wurde. Dann kam Ribbentrop an die Reihe. Er saß still und nur seine Hände verrieten, daß ihn die Anklage nicht ganz kalt läßt. Der nächste war Heß. Er benahm sich merkwürdig. Es ist sicher zu viel gesagt, daß er geistig nicht normal ist, aber dieses merkwürdige Vorsichhingrinsen war unheimlich. Merkwürdig verhielt sich auch Papen. Als der russische Vertreter über die Greueltaten in Polen sprach, bewegte er den Körper immer
hin und her, und als jetzt sein Name verlesen wird, macht er seltsame Handbewegungen und sein Gesicht ist ganz abwesend.
Streicher nicht geistesgestört
London, 20. November. Julius Streicher wurde von amerikanischen, russischen, britischen und französischen Psychiatern auf seinen Geisteszustand untersucht. Die Arzte erklärten, Streicher sei geistig gesund und in der Lage, sich selbst zu verteidigen.
Schwedischer Industrieller soll für Göring aussagen
Stockholm, 20. November. Die Verteidiger Görings beabsichtigen, den schwedischen Industriellen Birger Dahel Rush als Entlastungszeugen vorzuführen. Die Meldung führt an, daß er von Göring vor Ausbruch des Krieges nach London gesandt wurde, um in Verhandlungen mit dem britischen Außenministerium zu versuchen, den Ausbruch von Feindseligkeiten zu verhindern.
Der Todesmarsch der Dachauer
Dachau, 20. November.
Rudolf Wolf, ein früherer Häftling des Dachauer Konzentrationslagers, beschrieb als Zeuge im Prozeß gegen die Dachauer Kriegsverbrecher den Todesmarsch, den die KZ=Insassen bei der Annäherung der amerikanischen siebenten Armee mitmachen mußten und bei dem 6800 Menschen ums Leben kamen. „Am 25. April hörte man zum ersten Mal entfernten Kanonendonner, worauf sämtliche Arbeitsgruppen in ihre Zellen gebracht wurden. Zwei Tage später wurden wir nach unserer Nationalität eingeteilt und mußten losmarschieren. SS=Offiziere und Wachmannschaften auf Motorrädern trieben uns mit Peitschen an, während hinter uns schon die Kanonen der 7. Armee dröhnten. Die Menschen fielen vor übermüdung um. Zuerst einzeln, dann immer mehr und schließlich
brachen ganze Gruppen zu Tode erschöpft zusammen.“ Wolf berichtet weiter von der Gleichgültigkeit, mit der die Lagerführung die im Winter 1944/45 wütende Typhusepidemie hinnahm. Nach seiner Schätzung sind damals 810.000 Menschen ums Leben gekommen. „
Ein Brief Stalins an die österreichische Regierung
Wien, 20. November. Die Blätter berichten, daß Marschall Stalin an die österreichische Regierung einen Brief über die Kärntner Grenze gerichtet hat.
Die neue Stellung Molotows
London, 20. November. Zur Zeit beschäftigt man sich viel damit, was die neue Stellung Molotows in Moskau bedeutet Viele Leute nehmen an, daß Molotows jetzige Stellung etwas Neues darstellt, doch andere behaupten, daß es nur eine Rückkehr zu den Zuständen vor 1941 ist. Bis kurz vor der deutschen Invasion war Molotow der Präsident des Rates der Volkskommissare. Stalin übernahm
diesen Posten erst kurz vor dem deutschen Einmarsch, und behielt ihn während des ganzen Krieges. Als Molotow vor dem Kriege Präsident des Rates der Volkskommissare war, hatte er auch zur gleichen Zeit den Posten des Außenkommissars inne. Seine heutige Stellung kann also als eine Rückkehr zu dieser Lage bezeichnet werden.
Leninorden für Kalinin
Sämtliche russischen Zeitungen veröffentlichen heute eine Erklärung des Präsidiums der obersten Sowjets der Sowjetunion, wonach Michael Kalinin für seine hervorragenden Verdienste um den Ausbau und die Festigung des Sowjetstaates der Leninorden verliehen wird. Kalinin beging am 20. November seinen 70. Geburtstag.
De Gaulle bemüht sich um Zustandekommen der Kegierung
20. November.
Die Besprechungen zwischen General de Gaulle und den Vertretern der drei großen französischen Parteien wurde nach eineinhalb Stunden heute nachmittags abgebrochen. über die bisherigen Ergebnisse der Verhandlungen ist noch nichts bekannt. Zwecks Weiterentwicklung wird General de Gaulle heute nachmittags mit den Führern der drei Parteien Einzelbesprechungen führen.
Noch vor der Besprechung mit General de Gaulle trat der Parlamentsausschuß der Kommunistischen Partei zu einer Sitzung zusammen. Auf der Sitzung wurde erklärt,
die kommunistische Partei beharre weiterhin
auf ihren Standpunkt und fordere eines der
drei Ministerien,
Außenministerium, Kriegsministerium oder Innenministerium.
Ein Schreiben de Gaulles
Paris, 20. November.
Gestern abends richtete General de Gaulle an Herrn Felix Gouin, den Präsidenten der konstituierenden Nationalversammlung folgendes Schreiben:
„Herr Präsident! Ich habe den von der konstituierenden Nationalversammlung im Verlauf der Sitzung vom 19. November abgestimmten Antrag zur Kenntnis genommen, dessen Inhalt Sie mir übermittelten. Da ich den Wunsch habe, auf die von der konstituierenden Nationalversammlung zum Ausdruck gebrachten Pläne zu antworten, wäre ich ihnen verbunden, wenn Sie die Abordnungen der drei Hauptgruppen morgen vormittags zu einer Versammlung einladen würden, in der sie mir ihre Gesichtspunkte auseinandersetzen sollen.“
Einheitliche Briefmarken für ganz Österreich
Telephonbericht unseres Wiener
„ A. R.=Korrespondenten Die österreichische Post= und Telegraphenverwaltung bringt eine neue Markenserie mit österreichischen Landschaftsbildern heraus. Sie wird die in der russischen Zone gültige Wappenserie und die in den übrigen Gebieten umlaufende Posthornserie ablösen, so daß künftig in ganz Österreich nur mehr einheitliche Marken im Verkehr sein werden. Die Ausgabe erfolgt ab 24. November, doch verbleiben vorläufig noch die beiden alten Serien daneben in ihren Zonnen in Geltung.
Es sei vermerkt, daß die Wiener Kriminalpolizei eine ungemein interessante Sammlung von Briefmarken besitzt, die die verschiedenen Notausgaben aus der ersten Zeit der russischen Besatzung umschließt Die Sowjetbehörden forderten von der Postverwaltung, nur solche Briefmarken zur Freimachung zuzulassen, auf denen der Hitlerkopf unkenntlich gemacht war. Die verschiedenen Postzentralen gingen nun daran, durch verschiedene überdrucke diesem Wunsch gerecht zu werden, so daß man einer großen Reihe unterschiedlicher Ausgaben aus diesen ersten Wochen begegnen kann.
Szene aus dem Salzburger Puppenspiel