Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:7
- S.21
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Herausgegeben von den französischen Streitkräften für die österreichische Bevölkerung
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Nummer 197 1. Jahrgang 29 Freitag, 13. Juli 1915
„Arbeiten? Kommt nicht in Frage!“
Seit dem Umbruch zeigt sich besonders bei jüngeren Leuten ein starker Widerwille gegen eine geregelte Arbeitsaufnahme. Man hat einige Ersparnisse gemacht oder beim Umbruch fremdes Gut sich widerrechtlich angeeignet, das einem für einige Zeit die Möglichkeit gibt sich in den vermeintlich wohlverdienten Ruhestand zu begeben.
Ein Appell zur Wiederaufnahme der Arbeit hatte bisher nur geringen Erfolg, weshalb in den letzten Tagen zu schärferen Maßnahmen gegriffen werden mußte. Eine davon ist die Versagung der Lebensmittelkarten an Drückeberger und Arbeitsverweigerer. Daß es dabei manchmal zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Letztgenannten und den damit befaßten Angestellten und Beamten kommen mußte, war im vorhinein zu erwarten. Auch ist trotz der scharfen Kontrolle noch mancher Drückeberger durch die Lappen gegangen.
„Arbeiten? Kommt nicht in Frage!“ So und ähnlich waren meist die Außerungen, die von nicht wenigen entrüstet, oft auch höhnisch und schnippisch bei der Aufforderung zum Arbeitseinsatz gegeben worden sind. Was kümmert diese Arbeitsverweigerer männlichen und weiblichen Geschlechts die Not der Allgemeinheit! Daß die Arbeit aller im Interesse der Gesamtheit heute die unerläßliche Voraussetzung zur Ankurbelung unserer Wirtschaft ist, schert die Drückeberger wenig. Sie raunzen darüber, daß der Schutt noch in den Straßen liegt, aber keiner rührt eine Hand, an seiner Beseitigung mitzuhelfen. Sie machen sich keine Gedanken darüber, daß durch ihr Beiseitestehen die schnelle Inbetriebsetzung der Verkehrsmittel, die Ab= und Zufuhr von Lebensmitteln und wichtigen Bedarfsartikeln verzögert wird; in ihrem hemmungslosen
Eigennutz übersehen sie geflissentlich, daß sie nicht nur die Interessen der Gesamtbevölkerung, sondern auch sich selbst schwer schädigen.
Von der Bevölkerung Innsbrucks wird besonders der Mangelan Frischgemüse beklagt. Es ist nicht zu leugnen, daß hier von verschiedenen Seiten mancherlei Schiebungen vorliegen. Aber auch der Mangel an Arbeitskräften in den Gärtnereien trägt dazu bei, daß das Frischgemüse nicht rechtzeitig den Konsumenten zugeführt werden kann. In der Landwirtschaft macht sich ebenfalls das Fehlen von Hilfskräften, sehr zum Nachteil der Bevölkerung, bemerkbar. Die zeitgerechte Einbringung der Ernte wird dadurch gefährdet und unsere Ernährung im kommenden Herbst und Winter in Frage gestellt.
Außerst kritisch steht es derzeit auch mit der Broterzeugung für die Innsbrucker Bevölkerung, weil es an Holz und Kohle fehlt. Wohl sind elektrisch geführte Bäckereien vorhanden, ihre Zahl ist jedoch zu klein, um einen größeren Teil des Bedarfes an Brot für die Innsbrucker Bevölkerung zu decken. In den Wäldern der Umgebung aber liegen Tausende von Kubikmetern an geschlägertem Holz, die nur auf den Abtransport warten, jedoch fehlt es an Arbeitskräften. 30 Mann würden genügen, die Zufuhr zu bewerkstelligen und die Gefahr des Brotmangels zu beseitigen. Aber man lungert lieber am See, nimmt Sonnenbäder und pfeift auf die Interessen der Allgemeinheit. Arbeiten kommt ja nicht in Frage!
Die Arbeitsverweigerer sind mitschuldig an der Wohnungsnot, weil wegen der mangelnden Beistellung von Arbeitskräften die Dächer nicht gedeckt und die beschädigten Häuser bei weiterer Verzögerung der Instandsetzung durch Regengüsse nicht mehr bewohnbar gemacht werden können.
Die Versorgung der Stadt mit Gas und Strom wird auf viele Wochen hinausgeschoben, was bei dem Mangel an Holz und Kohle besonders schwer ins Gewicht fällt. Die durch Bombenschäden betroffenen Stadtteile müssen viel länger, als dies bei vollem Arbeitseinsatz notwendig wäre, auf die Zuleitung von Wasser, Gas und Licht warten. Das stark beschädigte Kanalisationsnetz unserer Stadt und die dadurch behinderte Ableitung der Abwässer erhöht in den heißen Sommermonaten bei der durch Unterernährung ohnedies geschwächten Bevölkerung die Gefahr des Ausbruches von Seuchen in drohender Weise.
Militärregierung, Landesregierung und Bürgermeister sowie alle angeschlossenen Am
Paris, 12. Juli.
Wie hier offiziell bekanntgegeben wurde, haben die französischen Truppen die Besetzung der ihnen in Deutschland zugewiesenen Zonen gestern abend beendet. General Emil Bethouard ist der Kommandant der französischen Besetzungszone in Österrreich. Er wird sein Hauptquartier in Innsbruck aufschlagen.
Französische Mission für die Tschechoslowakei
Paris, 12. Juli. General Leclerk wird sich binnen kurzem mit einer französischen Mission nach Prag begeben.
Frankreich fordert Reparationen
Paris, 11. Juli. (Reuter.) Die französische Kommission für auswärtige Angelegenheiten macht der französischen Regierung den Vorschlag, die Frage der Kriegsentschädigungen im Einverständnis mit den Alliierten so bald als möglich zu klären. Es soll anerkannt werden, daß Frankreich zu den Ländern gehört, die am meisten durch den Krieg gelitten
ter tun ihr Möglichstes um die drohenden Gefahren von der Bevölkerung abzuwenden. An dieser liegt es nun, alle Maßnahmen zur Wiederbelebung unserer Wirtschaft zu unterstützen, die Arbeitsverweigerer auf das Verwerfliche ihrer Handlungsweise hinzuweisen und sie bei weiterer Verweigerung zur Anzeige zu bringen. Sollten auch fernerhin den Notmaßnahmen der Behörden Unvernunft und Arbeitsunwille entgegengesetzt werden, so müßten, so bedauerlich dies auch ist,
[Zwangsmaßnahmen zur Anwendung gebracht werden. Die davon Betroffenen, die bisher bezahlter Arbeit geflissentlich aus dem Wege gegangen sind, haben sichs dann selbst zuzuschreiben, wenn sie nunmehr ausnahmslos unter strenger Aussicht unbezahlter Arbeit zugeführt werden.
Ernst Müller,
kommissarischer Leiter des Arbeitsamtes Innsbruck
Die französische Besetzung Österreichs und
haben und denen daher in erster Linie ein Anspruch auf Entschädigungen gebührt. Die Wiedergutmachungsleistungen an Frankreich sollen auch in der Form von Arbeit geleistet werden.
Allgemeine Wahlen in Frankreich
London, 12. Juli. Aus Paris wird gemeldet: In Frankreich werden am 14. Oktober allgemeine Wahlen abgehalten werden.
Forderungen der französischen Widerstandsbewegung
Paris, 11. Juli. (Reuter.) Der Verteidigungsausschuß der französischen Widerstandsbewegung hat einen Beschluß angenommen, in dem die nötige Rücksichtslosigkeit in der Verfolgung derjenigen, die mit Deutschland zusammengearbeitet haben, gefordert wird. Der Beschluß fordert weiters den Abbruch der Beziehungen zu Franco und die Austilgung der letzten Reste des Nazismus in Deutschland.
Vorgeschichte des 20. Juli
Berlin, 12. Juli. Der ehemalige Reichsminister Hermes, der dem Zentrum angehörte und der am 11. Jänner 1945 von einem sogenannten Volksgericht zum Tode verurteilt worden war, hatte es erreicht, mit Hilfe von Berufungsanträgen und Bestechungen die Vollstreckung des Urteils so lange hinauszuziehen, bis schließlich die Russen in Berlin eintrafen. Wie Hermes erzählt, gehen die Anfänge der Verschwörung gegen Hitler bis auf das Jahr 1943 zurück. Dr. Gördeler weihte Dr. Hermes bereits im Februar 1943 in den Plan ein. Im Laufe der nächsten Monate wurden mehrere Zivilbeamte von Gördeler zur Mitarbeit gewonnen. Es gab zwei verschiedene Orsaanisationen, eine zivile, die von Gördeler und eine militärische, die von dem früheren Generalstabschef Generaloberst Beck geleitet worden ist. Im Dezember 1943 traf Hermes zum
ersten Male den Obersten von Stauffenberg, der damit beauftragt war, das Attentat gegen Hitler auszuführen. Bei der Zusammenkunft, der auch mehrere andere Persönlichkeiten beiwohnten, wurde beschlossen, nach Hitlers Beseitigung die von den Alliierten geforderte
bedingungslose übergabe Deutschlands anzunehmen und Deutschland vor völliger Zerstörung zu retten. Aus Hermes" Darstellungen geht hervor, daß die zivile Gruppe nur wenig von der Tätigkeit der militärischen wußte. Hermes ist der Ansicht, daß [Himmler von der Verschwörung Wind bekommen hatte, aber nichts dagegen tat, vielleicht weil er abwarten wollte, wie die
Sache ausgehen würde. Als schließlich die Bombe losging, war Hitler gerade auf der anderen Seite des Raumes an einer Landkarte und blieb so am Leben.
Hitlers Leibphotograph verhaftet
Luxemburg, 12. Juli. „Radio Paris“ teilt mit, daß Hitlers Leibphotograph Heinrich Hoffmann von den amerikanischen Behörden in Bayern verhaftet wurde. —
Die Massenmörder in Dachau
Bern, 11. Juli. Nach Aussagen von ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers in Dachau wurden dort etwa 200.000 Menschen von den Nazis ermordet. Als die Amerikaner das Lager befreiten, fanden sie noch 3500 Leichen vor. 2000 weitere Leichen wurden in einem Güterzug gefunden. Pastor Urghardt, der in Dachau interniert war. erklärte, daß vom Monat Jänner bis März 1945 14.000 Personen zum Opfer fielen.
Wegen verbotenen Waffenbesitzes enthauptet
Hamburg, 12. Juli. (Reuter.) Wie der Hamburger Rundfunk bekanntgab, wurden sechs Deutsche wegen verbotenen Waffenbesitzes enthauptet. Gemäß der Verordnung der Militärregierung ist für den Besitz verbotener Waffen die Todesstrafe angedroht. In anderen Fällen wurden Strafen bis zu 15 Jahren Zwangsarbeit verhängt. Es wurde jedoch eine Amnestie gewährt für alle diejenigen, die im Laufe der nächsten Woche Waffen, Munition und Sprengkörper bei der nächsten Polizeistation abliefern.
Rückkehr Kriegsgefangener
New York, 11. Juli. Ungefähr 10.280 deutsche Kriegsgefangene sollen während der Monate Juli, August und September zurückgebracht werden. Kranke und verwundete Gefangene, die transportfähig sind, werden aus den Lazaretten entlassen und so bald als möglich nach Hause gebracht werden. Nach ihrer Ankunft in Europa werden die Kriegsgefangenen nicht entlassen, sondern der Kommandantur Mittelmeer — oder einer Kommandantur der anderen europäischen Kriegsschauplätze unterstellt, um endgültige Verfügung abzuwarten.
Freilassung deutscher Kriegsgefangener in der britischen Besatzungszone
Köln, 12. Juli. 332.000 deutsche Kriegsgefangene, meistens Bauern, Grubenarbeiter, Eisenbahner und Postbeamte sind in der britischen Besatzungszone bereits freigelassen worden.
Die Deutschen verlassen Niederschlesien
London, 11. Juli. Der polnische Rund funk meldet, daß die Deutschen rasch aus Niederschlesien abgeschoben werden. Einige Deutsche bleiben in Arbeitslagern zurück. Sie werden als Industriearbeiter verwendet
Aufonomie für Val d’Aosta
London, 12. Juli. Die italienische Regierung hat gestern einen Plan gutgeheißen, wonach dem Val d"Aosta die Autonomie gewährt werden soll. Das Val d"Aosta ist ein Gebiet Italiens, in dem französisch gesprochen wird und aus dem erst kürzlich die französischen Besatzungstruppen zurückgenommen worden waren.
Italiens Beitritt zu den Vereinten Nationen
Washington, 11. Juli. (Reuter.) Der außenpolitische Ausschuß des Repräsentantenhauses stimmte heute dafür, den Präsidenten zu ermächtigen, Italien zum Beitritt zu den Vereinten Nationen einzuladen. Immmmmmmummmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmnnmmn
Deutschlands Goldschätze werden den Eigentümern zurückgegeben
12. Heeresgruppe, 12. Juli (Reuter). Wie ein Finanzfachmann feststellte, wird sämtliches in Deutschland gefundene Gold den nachgewiesenen Eigentümern zurückgegeben werden. Alle Gläubiger werden aufgefordert, eine genaue Beschreibung einzusenden, die mit den Funden übereinstimmen muß. Die Zurückgabe erfolgt erst, wenn die Fachleute überzeugt sind, daß der größte Teil des Goldes bereits ausgegraben und indentifiziert werden konnte.
Die Wiederherstellung des Eisenbahnnetzes in Deutschland
Berlin, 11. Juli. 85.000 Arbeiter haben in den von den Amerikanern besetzten Gebieten das Eisenbahnnetz soweit wieder hergestellt, daß der Verkehr bereits wieder 25 Prozent der ehemaligen Höchstleistung beträgt.
Der Kreuzer Präsident Trumans
Washington, 11. Juli. Das Schiff, mit dem Präsident Truman die Reise zur Dreierkonferenz zurücklegt, ist der Kreuzer „Augusta“. Es ist das der gleiche Kreuzer, auf dem Präsident Roosevelt und Premierminister Churchill 1941 zusammentrafen, um die Atlantik=Charta aufzusetzen.
Der Papst verschiebt seine Abreise in die Sommerresidenz
Paris, 12. Juli. Die französische Nachrichtenagentur gibt bekannt, daß der Papst die Abreise nach seiner Sommerresidenz Castell Gandolfo bis nach Abschluß des [Dreiertreffens in Potsdam verschoben hat. Der britische Gesandte beim Vatikan hatte eine lange Unterredung mit dem einstweiligen Staatssekretär Monsignore Monitini.
Jede 20. Minute ein Bomber gegen Zapan
San Franzisko, 11. Juli. (Reuter.) Seit 19. Mai hat an jedem Tage durchschnittlich alle zwanzig Minuten ein Bomber England verlassen, um gegen Japan neuerlich eingesetzt zu werden. Nur an sechs Tagen wurde diese Zahl nicht erreicht.
Ansichten über Japan
NewYork, 12. Juli. Harald Staaser vom Stabe des Admirals Asay sagte: „Ich glaube, wir müssen mit langen und bitteren Kämpfen rechnen, bevor der Krieg beendet ist.“ Generalmaior Chenault, der Befehlshaber der amerikanischen Luftstreitkräfte in China, sagte: „Es besteht immer die Möglichkeit einer japanischen Kapitulation.“ In Adelaide erklärte der Oberbefehlshaber der australischen Streitkräfte: „Die Japaner zeigen wenig Neigung, bis zum Tode zu kämpfen, außer sie sind eingeschlossen; aber es liegen keine Beweise dafür vor, daß die Moral des Feindes besonders im Mutterland geschwächt ist.“
Der Krieg in Birma
London, 12. Juli. (Reuter.) Reuters Kriegsberichterstatter aus Birma sagt: Der Krieg in Italien, in der Normandie, in Deutschland ist nie so bitter und so voller Schrecken gewesen wie der Einsatz der Soldaten in Birma.