Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 4 Nr. 136
Tiroler Tageszeitung
Donnerstag, 29. November 136
Amtliche Fittellungen
Die Wegräumung des Schuttes in Innsbruck
Donnerstag, 29. November, 12.15 Uhr Einsatzgruppe 1: Sammelplatz Ursulinenkirche— Innrain: Sillgasse 3, 5, 7, 9, 11, 13, 15. 17, 19, 21, 23; Museumstraße 7, 9. 11, 13a, 15, 17, 17a. 17b. 19, 21, 31.
Einsatzgruppe 2: Sammelplatz Ecke Ing.=EtzelStraße—Bienerstraße: Falkstraße 1, 4, 7, 9, 11, 13, 14, 20, 21, 25, 31, 35, 37; Vienerstraße 27a, 29.
Freitag, 30. November, 12.15 Uhr Einsatzgruppe 1: Sammelplatz Ursulinenkirche—. Innrain: Museumstraße 30, 23, 25, 29; Brunecker Straße 2, 6, 8, 10; Brirner Straße 4, 6; Meinhardstraße 1, 3, 4, 5, 6, 8, 12, 14, 16.
Einsatzgruppe 2: Sammelplatz Ecke Ing.=EtzelStraße—Vienerstraße: Dreiheiligenstraße 9, 10, 10a, 11, 13, 17, 19, 21, 23, 29, 31, 33.
Samstag, 1. Dezember, 12.15 Uhr Einsazgruppe 1: Sammelplatz Ursulinenkirche—. Innrain: Maria=Theresien=Straße 1, 3, 5, 7, 9, 11, 13, 15, 16, 17. 19, 21 Stöckl, 23, 25, 27, 29, 33, 35, 37, 43, 57; Meraner Straße 3, 5, 7; Wilhelm=Greil=Straße
1, 3, 5, 7, 9. 19. 19a, 23, 25; Museumstraße 2, 4, 6, 8, 10, 20, 22. 24, 26, 28; Erlerstraße 1, 3, 4, 5, 6, 8. 10,
11, 12, 13. 14, 15, 16, 17; Burggraben 3, 4, 6, 31; Gilmstraße 6, 3; Innrain 3, 25, 27, 29, 31, 33, 35, 37, 39, 41.
Einsatzgruppe 2: Sammelplatz Ecke Ing.=EtzelStraße—Bienerstraße: Jahnstraße 1, 3, 4, 6, 8, 10. 12, 14, 15, 16. 18. 20, 21, 23, 22, 24, 25, 26, 28. 29, 31, 33. 35, 37, 39: Zeughausstraße 4a, 5. 6, 7, 8. 9, 10; Grillparzerstraße 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 14; Bienerstraße 31.
Achtung Kanaltaler und Südtiroler!
Alle seinerzeit aus dem Kanaltal und Südtirol ausgesiedelten und derzeit in Österreich wohnhaften. Personen werden in ihrem eigenen Interesse gebeten, mit Karte ihre Anschrift an Herrn Fritz Santler, Klagenfurt, Hasnerstraße 7, ehestens bekanntzugeben.
Hilferuf für Grins
Die Österreichische Volkspartei erläßt folgenden Aufruf:
„Ein schwerer Schlag hat die Gemeinde Grins bei Landeck heimgesucht. Nahezu das ganze Dorf ist eingeäschert. Fast 400 Tiroler Landsleute sind obdachlos!
Trotz der ungeheuren Auslagen in den vergangenen Wochen hat die Österreichische Volkspartei unverzüglich der Bezirkshauptmannschaft zunächst 10.000 Reichsmark zur Verfügung gestellt.
Tiroler und Tirolerinnen! Wir erwarten von euch das gleiche! Wir erwarten von euch, daß ihr uneigennützig und von Herzen durch Geld=, Sachoder sonstige Spenden euren verarmten, frierenden Landsleuten zu Hilfe eilt! Helft sofort und tatkräftigst!
Spenden werden jederzeit in der Stadtparteileitung der ÖVP., Innsbruck, Museumstraße 12, entgegengenommen.“
D
Photo: Günther Thien, Innsbruck
en
Erfassung der Berufsmilitärpersonen Zur Regelung der Ruhe= und Versorgungsbezüge der Berufsmilitärpersonen gem. Verfüg. Staatskanzlei=Heeresamt Grp. III/ VG. Zl. 23.819 v. 16. 11. 1945 haben sich alle Berufsmilitärpersonen ehestens bei einer der folgenden Dienststellen zu melden: Heeresamtsstelle Tirol, Innsbruck, Hofburg, 2. Tor, I. Stocks Heeresamtsnebenstelle Landeck, Urichstraße 7, Heeresamtsnebenstelle Landeck, Zweigstelle Imst, Imst, Kaserne, Block II, Heeresamtsnebenstelle Hall i. T., Kloster Thurnfeld, Heeresamts
nebenstelle Schwaz, Gasthaus Himmelhof, Spornbergerstraße 19, Heeresamtsnebenstelle Kufstein, Schillerstraße 3, Heeresamtsnebenstelle Kitzbühel, Bichlstraße 10.
Die Meldung hat in der Regel bei jener Stelle zu erfolgen, die dem derzeitigen Wohnsitz am nächsten liegt. Militärdokumente sind mitzubringen. Unter Berufsmilitärpersonen sind zu verstehen: Offiziere, Beamte und Berufsunteroffiziere österreichischer Staatsbürgerschaft, die a) als solche im österr. Bundesheer am 13. 3. 1aktiv gedient haben, b) die in der Deutschen Wehrmacht rufsmilitärpersonen waren, c) die aus dem österr. Bundesheer aus politischen Gründen (nicht aber wegen nationalsozialistischer Betätigung) entlassen worden sind.
Heeresamtsstelle Tirol.
THEATER UND KUNST
Wohltätigkeitsveranstaltung. Man schreibt uns: Am
18. Rov. veranstaltete die „Tiroler Volksbühne“ zugunsten der „Freien Österreichischen Jugend“ im Werkssaal in
Jenbach die Aufführung der Posse „Die verkehrte
Braut“ unter der bewährten Leitung Rudolf Rones. Die
Aufführung war gut und straff inszeniert und fand beim Publikum lebhafte Anteilnahme. R. Rones als Bauer und Spielleiter hielt das Spiel kräftig in seinen Händen und trug am Ende in origineller Weise zur Entwirrung der Fäden bei. Herr Dick als Koflinger Vestl und Gretl Zimmermann als Gusil brachten eine äußerst gelungene, herzerfrischende Komik zur Darstellung, die im Publikum viel Heiterkeit auslösien. Rudi Golger als Liesl und Pepi Nairz als Hans zeichneten sich durch ihr sicheres Auftreten sowie durch richtiges Erfassen und Beherrschen ihrer Rollen aus. Durch ihr gutes Zusammenspiel hoben sie aus dieser verzwickten komischen Lage den ernsten Sinn der Handlung heraus. Anna Zimmermann entwickelte viel Humor. Zum Schlusse seien noch die musikalischen
Einlagen der Tiroler Volksmusiker unter der Leitung Franz Östermünchner erwähnt, welche das Programm wesentlich reicherten und dem Abend den gewollten heimatlichen Rahmen gaben. Besonders erwähnt sei noch Herr Fredi Krautschneider jun., der eine gelungene Aufführung auf der singenden Säge brachte. E. Sch.
Eine Geige singt ...
Photo: Landesbildstelle Tirol
Die Brandkatastrophe in Grins
(Unsere Bilder zeigen das Ausmaß der Zerstörungen in der Nähe der alten Römerbrücke und diese selbst vor der unglück seligen Brandnacht)
Zum Violinkonzert Johanna Martzy
In der Reihe der laufenden Konzertveranstaltungen, isverschieden sie sind, bringen fast alle eine durchaus erftenliche Leistung. Restlos überwunden und in den kühnsten wartungen übertroffen aber sahen wir uns vorgestern aben in dem Violinkonzert Johanna Martzy, in dem wahrden vollendete Kunst und vollendete Natürlichkeit in den Da. bietungen der jungen ungarischen Geigerin Triumphe sen, # ten.
Hier wurde ein Instrument mit solcher Kraft, mit selsn# Innigkeit und mit solcher einzigartigen Virtuosität d# technischen Könnens zum Klingen gebracht, daß man d# besten Sinne des Wortes von der ungarischen Fiedel # # chen kann. Nur was dort die leidenschaftliche Volksse im Bogenstrich ihrer Pußtakinder zum Ausdruck bringt 33 hier bis ins Feinste veredelt, kultiviert in alle Scha, rungen und bis in die letzte Ruance erlesen nach den setzen der Formenlehre und nach denen künstlerischen 5. haltes.
Es ist überhaupt kaum zu glauben, welches edlen, nan, lich kraftvollen Striches dieses junge, in weißem Stilo rührend liebliche Geschöpf fähig ist. Da ist bei aller bei.? ten Tiefe nichts von Zimperlichkeit oder Sentimentaln Fest und klar, aber voll wundervollen Schmelzes sest ### Künstlerin an, läßt ansteigen, abschwellen, das Motid a## greifen, ballen, steigern — und voll zwanglosester Leist¬# keit wieder abfallen oder sich auflösen. — Ihr Beu# tanzt über die Saiten. Mit unerhörter Behendigkeit, an stets fehlerlos, stilecht und klangrein trifft sie die Ubergäs läßt Tonbilder vor uns aufstehen und abrollen, wie 8 # Meister ihrer schwierigen Interpretationen nicht vollsars ner verstanden haben konnten.
Ihre Führung ist tadellos. Der Aufbau, die Komposu und die Darstellung ihres Spieles sind so schimmernd so frei von jeder Effekthascherei und Zügellosigkeit, dasbei so viel Jugend ergriffen sind über die Reife de fassung. Richt einmal fällt sie aus dem Takt, auch nicht an dem Takt, der die ungeschriebenen Gesetze der Achtunge der Kunst beinhaltet. Dafür aber erschöpft sie das li ihrer Tonmittel. Wer ihre klingenden, hauchzarten Pach simis, ihre Mittellage voll Glut und Glanz und ihn schwebenden Alts gehört und die hundertfältigen Vanannen ihres seltenen, ausgewählten Programmes miterleit der weiß, daß in dieser Geige Gold ist, von dem sie nian und gibt, ohne darum ärmer zu werden in der Unerschan lichkeit ihrer reichen Gabe.
Kaum je hat ein verwöhntes Honzerthauspublikun 5s stürmischen, anhaltenden Applaus gespendet wie den Abend. Immer wieder mußte Johanna Martzy mit im Begleiter am Steinwanflügel, Bela v. Csillery, z gaben spielen. Sie nahm diese aus den rumänischen de nischen und italienischen Komponisten, wie sie überdam in der Klasse aller Meister zuhause ist. 63
SPORTUNDSPIEL
Arbeitsaufruf an alle Sportvereine
Zur Erhaltung des Sillsportplatzes ist es unbedingt notwendig, daß die noch offenen Bombentrichter vor Eintritt des strengen Winters aufgefüllt werden. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Platzwart Hefele wurde schon ein Großteil der Arbeit geleistet, er ist aber außerstande, alles rechtzeitig fertigzubringen.
Der Tiroler Sportausschuß verpflichtet daher alle Sportvereine in Innsbruck in ihrem eigenen Interesse an der Wiederherstellung und Benützbarkeit des Sportplatzes, beginnend mit kommenden Samstag, an allen Samstagnachmittagen ab 13 Uhr, Leute für die Auffüllungsarbeiten beizustellen. Jeder Verein soll mindestens 4 Leute zur Verfügung stellen, die sich ab 13 Uhr beim Sportwart am Sillsportplatz unter Angabe der Vereinszugehörigkeit und ihres Namens melden sollen. Arbeitsgeräte sind am Platze vorhanden.
Französisches Auswahlteam von Tirol und Vorarlberg gegen Innsbrucker Sportklub Das französische Auswahlteam Tirol=Vorarlberg mit nicht weniger als 9 Liga=Spielern hat am Sonntag, den 2. Dez., um 14.30 Uhr am Klosterkasernenplatz den Innsbrucker Sportklub zum Gegner auserwählt. Dieses Spiel soll vor allem für die französische Mannschaft ein Auslese= und Bewährungsspiel für den Repräsentativkampf der Auswahlmannschaften der französischen und englischen Besatzungstruppen in Österreich sein, welcher demnächst ausgetragen werden soll. Es ist verständlich, daß die Franzosen mit bestmöglicher Aufstellung und nach reifester Prüfung ihres Spielermaterials den Kampf mit den Briten, dem alten und erfahrenen Lehrmeister des Fußballs, bestreiten wollen.
Daher wird auch das Prüfungsspiel gegen den Innsbrucker Sportklub beste franzosische Fußballklasse zeigen. Es wird unsere heimische Elf, die in diesem Jahre
so viele Erfolge zu verzeichnen hatte, so die besten Mannschaften von Vorarlberg und Salzburg besiegte, auch hier ihr Können unter Beweis stellen müssen.
Im Vorspiel treffen sich die 2. Mannschaft des oben angeführten Teams gegen eine französische Militärmannschaft.
Ergebnisse der Basketballwettkämpfe
Am wöchentlichen Wettkampfabend. spielte wieder die Universitätsmannschaft I gegen die Mannschaft I des Hochschulinstitutes für Leibesübungen 31:18 Punkte, wobei es in der Halbzeit 13:13 stand. Universitätsmannschaft II gegen die Mannschaft II des Hochschulinstitutes für Leibesübungen spielte 19:15, wobei die II. Mannschaft des Hochschulinstitutes für Leibesübungen in der 2. Halbzeit sehr aufgeholt hat. Frauen der Schulen für Leibeskultur gegen die Turnlehrerausbildung spielte 10:8. Frauen Schüler I gegen Schüler II 14:1. — Morgen Freitag fällt wegen dem internen Krampusabend des, Hochschulinstitutes für Leibesübungen der Wettkampfabend für Basketball am HIfL. aus.
Sportverein Innsbruck. Sämtliche Jugendspieler haben sich ausnahmslos am Freitag, den 30. Nov., zu einer Besprechung im Gasthof „Sailer“, Adamgasse, einzufinden! Erscheinen Punkt 20 Uhr Pflicht!
In der Reihe der Wochenvorträge des Hochschulinstitutes für Leibesübungen für alle Sportfreunde spricht am Donnerstag, den 29. November, um 20 Uhr im Hörsal 14/16, Parterre links der neuen Universität, Innrain 52, Prof. Dr. Hans Thirring über den „Schwebelauf“ (aerodynamischer Schilauf).
IAC. Am Donnerstag um 8 Uhr abends findet im Vereinsheim Gasthof „Scharfes Eck“, Pradler Straße eine Monatsversammlung statt, bei welcher der endgültige Zeitpunkt und Ort des Hallentrainings bekanntgegeben wird. Fußballer, Handballer und Leichtathleten haben bestimmt zu erscheinen.
Chorgesangschule St. Jakob. Zwecks Heranbildung de Nachwuchses für Oberstimmen des Pfarrchores St. Jats werden stimm= und musikbegabte Mädchen (Alter dor 1 Jahren aufwärts) in kostenlosen Unterricht aufgenommn Anmeldungen bei Chordirektor Karl Koch, Pfauplaz 21
WOHIN HE
HTE
Theater:
Landestheater: 20 Uhr „Polenblut“ mit Gretl Bei als Gast.
Vortrag
Arbeiterkammer: 19.30 Uhr Prof. Dr. Burghald ## ner: „Erinnerungen an Sibirien“.
Filme:
Zentral: „Frau meiner Träume“
Triumph: „Die Gattin“
Laurin: „Am Abend auf der Heide.“ (Heute letzter Löwen: „Der Engel mit dem Saitenspiel“.
Hall: „Frauenliebe — Frauenleid“
Seefeld: „Lumpazivagabundus“
Telfs: „Der Engel mit dem Saitenspiel“
Kufstein (Egger): „Es fing so harmlos an“.
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Der Stadtpfarrchor Kufstein mit Mitglie
des Kirchenchores Zell bereitet für Sonntag de 2. Dezember, ein volkstümlich gehaltenes Viltätigkeits=Kirchenkonzert vor, zugunsten der Nu gründung „Pfarr=Charitas“, unter Ehrensch# H. H. Dekans geistl. Rat Josef Hintner unrgermeisters Andreas Rupprechter. Die Vei#### tung findet am ersten Adventsonntag um 16 lhr mit auserlesener Vortragsfolge weihnachtlicn Charakters statt. Neben unseren bewährtene# listen des Pfarrchores wirken mit Frau Zun Stohwasser (Sopran) und Herr Josef mer (Baß). Kartenvorverkauf Buchhandlung da
aus dem Nalde
Zeitgemäße Betrachtung zum Thema Waldmedizin
Von Medicus
Wenn wir vor einem zeitgenössischen Bild des Mannes stehen, der einst unser Weltbild maßgeblich geprägt und somit am Beginn der Neuzeit die große Tat eines allgemeinen Bewußtseinswandels vollbracht hat — Nikolaus Kopernikus —, so finden wir stets, daß der sein Bildnis schaffende Künstler dem Dargestellten ein Maiglöckchen in die Hand gegeben hat. Was hat es mit diesem Maiglöckchen auf sich, das wir auf sämtlichen Kopernikus=Bildern finden?
Nichts anderes soll es besagen, als daß dieser Kopernikus den Beruf des Arztes ausübte. Wenn wir allenthalben hören, Kopernikus sei Domherr gewesen, so vergessen wir gern dabei, daß man ihn, den Himmelsforscher, weitgehend von seiner amtierenden Aufgabe des Domherrntums entbunden hatte. Weil er als Arzt immer wieder am Krankenbett zu stehen und Heil zu wirken berufen war, deshalb hat ihn uns die Kunst seinerzeit als den „Mann mit dem Maiglöckchen“ überliefert.
Was heute in der Hand des Arztes die Herzarznei Digitalis ist — der Fingerhut unserer deutschen Wälder —. das war ehedem die Maiglöckchen=Pflanze. Gleich dem Fingerhut birgt ihr grüner, in kleinen weißen Glocken erblühender Leib
Wirkstoffe, die Herz und Kreislauf mächtig anregen und zu besserer Leistung leiten. Die Arznei
mittelkunde nennt solche Stoffe „herzwirksame Glykoside“. Zur Zeit des Kopernikus kannte man die herzwirksamen Glykoside des Fingerhuts noch
nicht, das Maiglöckchen war der alleinige Lieferant heilender Kräfte bei Fällen von versagender Herz= und Kreislauftätigkeit. Auch heute noch weiß man jenes Maiglöckchen der mittelalterlichen Heilkunst zu schätzen.
Außer dem Maiglöckchen bereiten zahlreiche Pflanzen unserer Wälder in ihrem grünen Leib
solche herzwirksame Stoffe. Der Fingerhut ist am bekanntesten unter ihnen. Sie alle welken mit dem Herbst dahin, werden vom Jahreslauf buchstäblich zu Tee getrocknet und sodann von den Regenwochen des Oktober und November ausgelaugt, vom schmelzenden Schnee durchfeuchtet und auf diese Weise mit ihren Wirkstoffen dem Erdreich zugänglich gemacht. Nun also erhält der Wald seinen kreislauffördernden „Tee“, seine alljährliche Herbst= und Winterarznei, die das Saftsteigen in den zum Lenz erwachenden Bäumen
beflügelt und somit ihre bedeutsame Rolle innerhalb der Lebensgemeinschaft spielt.
Die Arznei, die der Wald uns schenkt, verordnet dieser Wald zunächst einmal Jahr für Jahr sich selbst. Herbst und Winter, seine großen Ruhe= und Rüstzeiten, bedeuten für ihn die Ausnutzung der in seinen eigenen Revieren geschaffenen Apotheke.
Kein Wunder, daß auch der Mensch — immerdar witternd nach Heilung und wach für das, was Heilung bringt — dem Wald viel entrungen hat für das ärztliche Werk. Das Mittelalter half dem Kreislauf; wenn er bei schwerer Krankheit zu versagen drohte, mit Hilfe von Maiglöckchen=Extrakten zur Norm zurück; die klassische Herzarznei der Gegenwart, die Fingerhutpflanze Digitalis, stammt ebenfalls aus dem Wald. Sie fand auf dem Weg über die Kräuterkunde des Volkes Eingang in die wissenschaftliche Medizin, ähnlich wie eine andere Baumarznei, die Chinarinde der Wälder Südamerikas. Da die Mehrzahl der unmittelbaren Todesursachen mit einem Herz= und Kreislaufversagen einhergeht, denkt man zuerst an Herzmittel, wenn von lebensrettender ärztlicher Tat die Rede ist.
Aber auch anderen Arzneigewinn beschert der Wald in überfülle. Die Belladonna, in der allopthischen Schule das wertvollste Mittel zum Lösen von Krämpfen, in der homöopathischen das Hauptmittel bei akuten Entzündungszuständen, ist ein Kind des Waldes Der Aronstab. der die entzündlichen Krankheiten des Rachens heilt, gehört ebenso zum Wald wie der Wacholder der kranken Nieren Genesung bringt, wie die der Lunge freundlich gesinnte Königskerze und wie die Nadelbäume insgesamt, die mit ihren Terpentinstoffen ein ganzes großes Gebiet der Arzneikunst beliefern.
Wichtiger aber als die Apothekergaben deske des ist wohl das, was er an Lebensweisheit Weltgefühl dem ärztlichen Bewußtsein zu remitteln berufen ist. Als die Medizin des span Mittelalters in voller Blüte stand, war ihr si bol der „Garten der Gesundheit“ Hübsch
faßt in Beete und Rabatten lag alles Wissen vor dem Arzt: die arabische, eines uns fremden Lebensraums beherrschte Feld in Gemeinschaft mit der auf Aristoteles insbesondere auf den griechischen, aber in tätig gewesenen Arzt Galen gegründeten lastik und Systematik, die dem Leben weit wen ger gerecht wurde als dem auf ihre Schulbegti! festgelegten Denken. Dabei war die Hochachtus vor den medizinischen Dogmen der Antike so grsf daß man deren Kräuterbucher einfach zur lage einer Heilkräuterkunde machte. Zu des 16. Jahrhunderts brach ein ärztlicher Riese den Garten ein, um diesen zu durchpflügen und zerstampfen: Theophrastus von Hohenheim, nannt Paracelsus. Seine reformatorische Tat die Heilkunde des Abendlandes ist heute jede mann bekannt,
seit mit dem Beginn der zigerjahre unseres Jahrhunderts eine förmlch Paracelsus=Renaissance eingesetzt hat.
Der waldige Lebensraum ist eine biologise Gegebenheit. Heute wissen wir sicherer denn daß bei nahezu jeder Krankheit eine seelisch Grundlage oder eine seelische überlagerung i spricht — und daß es damit des Arztes Pflicht # Leib und Seele als ein Ganzes zu behandeln. D# Seele aber sucht und findet immer wieder ihr Genesungsquellen in einer Wirklichkeit, die un aufhörlich waldverbunden bleibt.