Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 2 Nr 151
Tiroler Togeszeitung
Dienstag, 18. Dezember 1945
Füdische Frage in Österreich
Von unserem Wiener A. R.=Berichterstatter
Gegen keine Menschengruppe hat der Nationalso##alismus so furchtbar gewütet, wie gegen die Juden In österreich gab es bis zum Einbruch Hitlers 206.000 Juden, von denen 186.000 allein in Wien ansässig waren Von den österreichischen Juden sind 136.000 emigriert, 15.500 nach Theresienstadt und 36 000 nach dem Osten verschleppt worden, 15.000 sind in Wien eines langsamen Hungertodes gestorben. Nur 200 Juden, als solche bekannt und mit dem gelben Stern gekennzeichnet, konnten den Krieg in Wien überleben.
Heute sind Gruppen ausländischer Juden, die aus den Konzentrationslagern befreit wurden, von der amerikanischen Hilfsorganisation Joint in verschiedenen Lagern in Bregenz, Innsbruck, Salzburg, Linz untergebracht. Sie warten auf die Möglichkeit der Weiterwanderung nach Palästina.
Wien ist die einzige Stadt, in der sich die überlebenden österr ichischen Juden sammeln. Es sind heute an 4000, kaum einige Dutzend Kinder der Geretteten darunter, sehr viele Greise. Ein Teil konnte sich als sogenannte „U=Boote“ alle diese Jahre verborgen halten, die anderen entgingen durch irgend einen Zufall dem Tod in den Vernichtungslagern. Mit 35 und 40 Kilo Gewicht kamen viele von ihnen zurück; die meisten sind verurteilt, den Rest ihrer Tage als menschliche Wracks zu verbringen. Sie werden in besonderen Heimen der Wiener Kultusgemeinde „aufgepäppelt“. Eine Liste der überlebenden ist angelegt, die den auswärtigen Angehörigen die Nachforschung erleichtern soll. Ein paar Innsbrucker sind darunter.
Von den Verjagten haben sich die meisten nach der Neuen Welt gewandt, nach den Vereinigten Staaten, doch auch vielfach nach den südamerikanischen Republiken und nach Australien. Auch Großbritannien hat eine größere Anzahl österreichischer Juden ausgenommen. Viele traten in das britische und in das amerikanische Heer ein.
Nicht wenige haben es im Ausland zu hohem=Ansehen auf wirtschaftlichem, geistigem und künstlerischem Gebiet gebracht. Es sei darauf hingewiesen, daß 1 ehrere österreichische Juden entscheidenden Anteil an der Atomforschung nahmen. Viele der Emigranten scheuen davor zurück. nach österreich zurückzukehren, andere freilich wünschen sehnlichst den Tag der Rückkehr in die Heimat herbei.
Die Regierung Renner hat zunächst von sich aus der Wiener Kultusgemeinde einen Vorstand gegeben. Demnächst aber sollen Wahlen für einen Kultusvorstand auf demokratischer Grundlage erfolgen.
Der provisorische Kultusrat ist schon jetzt mit Richtlinien für die Wiedergutmachung an die Regierung herangetreten. Gefordert wird eine offizielle Vertretung der österreichischen Juden bei allen Beratungen und Beschlüssen über die Frage der Wiedergutmachung. Die öffentlichen Angestellten sollen in ihren früheren Dienstbereich wieder eingesetzt werden, die Privatangestellten Anspruch auf Wiederaufnahme in ihre früheren Unternehmungen haben, soweit diese noch derzeit bestehen. Die Juden sollen ihre Häuser und Liegenschaften zurück erhalten, gleichgültig, ob ihnen diese geraubt wurden oder ob sie zum Verkauf derselben gezwungen wurden. Unternehmungen sind den jüdischen Besitzern zu restituieren. Sofern Liegenschaften, Betriebe oder sonstige Rechte
nicht zurückgestellt werden können, sollen die Geschädigten eine angemessene Wiedergutmachung erhalten.
Die Behandlung der Wiedergutmachungsansprüche ist dem Staatsamt für Vermögenssicherung unter Leitung des Staatssekretärs Ing. Vinzenz Schumy anvertraut. Alle drei die Regierung tragenden P eien sind sich einig über die Notwendigkeit der Wiedergutmachung. Wie uns der designierte Staatskanzler Ing. Figl versicherte, wird die Regelung dieses Fragenkomplexes mit zu den vordringlichsten Aufgaben der neuen Regierung gehören..
„Die Frage Südtirols läßt sich regeln
Die Bezugsscheine (rot Kl. K.) für die Kohlenspende der französischen Militärregierung (Kundmachung in der Tagespresse vom 7. Dez. 1945) werden aus technischen Gründen direkt vom Wirtschaftsamt der Stadt Innsbruck (Kohlenstelle II) Salurner Straße 16, Parterre links, ausgegeben.
Die Ausgabe erfolgt buchstabenweise nach dem Namen der Antragsteller an folgenden Tagen und zwax ohne Ausnahme jeweilsnurzwischen 13 und 18 Uhr:
19. Dezember A bis 6
20. Dezember H bis M
21. Dezember R bis 3
Für Antragsteller, die es verabsäumt haben, auf dem Ansuchen ihre Anschrift anzugeben, erfolgt die Ausgabe am
22. Dezember 1945 von 9 bis 13 Uhr vormittags.
Die Bezugsscheine werden nur gegen Vorlage des mit dem Aufdruck „Kohlenspende“ abgestempelten Haushaltsausweises ausgefolgt. Antragsteller, die entgegen der seinerzeitigen Kundmachung ihr Ansuchen auf dem Postwege eingereicht haben, müssen, falls sie noch berücksichtigt werden wollen, vom 9. Dez. bis 21. Dez. 1945 vormittags zwischen 9 und 11 Uhr beim Wrtschaftsamt (Kohlenstelle II), Salurner Straße 16, Parterre links, mit dem Haushaltsausweis vorsprechen. Ansuchen die nach dem 13. Dezember 1945 durch die Post eingelangt sind oder noch einlangen sollten, können in keinem Falle berücksichtigt werden.
Die Kriegsversehrten der beiden Weltkrieße, soweit sie Mitglieder des Tiroler Kriegsopferverbandes sind und in Innsbruck wohnen:
a) der Stufen III und IV (= 70 bis 100prozentige Beschädigung) haben bereits bei der ersten Sonderzuteilung gelbe Bezugsscheine (Kr. I.) im Wege des Tiroler Kriegsopferverbandes erhalten.
b) Die Versehrten der Stufen I und II (= 30= bis 60= prozentige Beschädigung), die bereits im Besitze des Rentenscheines des Landesinvalidenamtes sind, haben ihre Bezugsscheine direkt in der Kanzlei des Tiroler Kriegsopferverbandes, Bozner Platz 4, in den nachstehenden Zeiten ab
Aus der Spende der Militärregierung
zuholen: 19. Dezember Abis G, 20. Dezember H bis M. 21. Dezember R bis 3, jeweils in der Zeit von 9 bis 17 Uhr.
Diese Kriegsversehrten werden automatisch im Rahmen der franz. Kohlenspende berücksichtigt und brauchen daher nicht mehr im Wirtschaftsamt, auch wenn sie in der Zeit vom 10. Dez. bis 13. Dez. 1945 ein schriftliches Ansuchen eingebracht haben, vorzusprechen, da die Bezugsscheine bereits beim Tiroler Kriegsopferverband aufliegen.
Es werden hiemit ab sofort die Abschnitte K IV und KV der roten (K. K.) und gelben (Kr. I.) Brenn
mittelbezugsscheine aufgerufen. Die Kohlenhandte
, Ing.=Etzes=Straße 12, kob, Leopoldstraße 23.
ohlenhändler haben gegen Abtrennung dieser aufgerufenen Abschnitte je 50 Kilo Kohle (also insgesamt 100 Kilo) an die Bezugsberechtigten gegen Bezahlung abzugeben.
Bezugsberechtigte, deren Einzelabschnitte (K IV und K V) ihres Brennmittelbezugsscheines mit dem Stempelaufdruck „Ohne Bezahlung“ versehen sind, erhalten die entsprechenden Kohlenmengen (100 Kilo) nur bei nachstehenden Kohlenhändlern ohne Bezahlung:
Fa. Müßiga Fa. Wurzer Jakob,
Die Abrechnung dieser Einzelabschnitte erfolgt zum 5. Jänner 1946. Die Abschnitte „A“ der neuausgegebenen gelben und roten Bezugsscheine sind bis 30. Dezember 1945 ebenfalls dem Wirtschaftsamte vom Kohlenhändler in der üblichen Form einzureichen. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß die entsprechenden Abschnitte der bereits früher ausgegebenenblauen (A) Brennmittelbezugsscheine von diesem Aufruf nicht berührt werden und daher auch nicht beliefert werden dürfen.
Die Parteien werden im eigensten Interesse gebeten, die angegebenen Zeiten pünklichst einzuhalten. Ein Parteienverkehr bei den anderen Abteilungen des Wirtschaftsamtes (Spinnstoffe. Punkteabrechnung, Reifenstelle, Fensterglas usw.) findet zu den oben angeführten Ausgabezeiten nicht statt. Stadt Innsbruck, Wirtschaftsamt.
Pierre Seize berichtet in „Les Nouvelles“ (Paris) über ein Gespräch, das er mit M. Matter, dem Präfekten von Venedig. führte. Dieser erklärte ihm: Die Südtiroler Frage läßt sich lösen Da gibt es keine zu großen Schwierigkeiten. Hier handelt es sich nur um einige persönliche Prestigefragen und um finanzielle Interessen, denn wir haben da oben einen Haufen Geld hineingesteckt. Ganz anders aber“, so fuhr der Präfekt fort, „steht es mit Triest. Die Lostrennung Triests von Italien ist eine Unmöglichkeit!“
Entwicklungen in Südtirol
Man schreibt uns:
In den letzten Tagen sind verschiedene Anderungen im Stande der Südtiroler Frage erfolgt, die in ihrem Zusammenhange einiger überlegungen bedürfen. Da ist zunächst die Tätsache des Verbotes einer Tagung der Südtiroler Volkspartei; sie dürfte im Zusammenhang mit der gleichzeitig erlassenen Mahnung an die zwei maßgebenden Zeitungen Südtirols, die Tiroler
„Dolomiten“ und das italienische Blatt „Alto Adige“ stehen, sich von „Außerungen zu enthalten, die keinen besonderen Wert weder in den internationalen noch in den örtlichen Rüchwirkungen haben“
Der Sinn beider Aktionen scheint wohl der zu sein, daß die alliierte Militärbehörde in diesem heiß umstrittenen Gebiet den äußeren Kampf möglichst abdämpfen will Esraurf hier darauf verwiesen werden, daß der gelassene, ruhige Charakter der Südtiroler, die heute mehr als je als Bauernbevölkerung anzusprechen ist, ohnedies Formen der Auseinandersetzung abhold ist. die aus ungezügelten Leidenschaften entspringen.
In einem Erlaß verfügt der Bözner Präfekt die Gleichberechtigung der beiden Sprachen zim gewöhnlichen wie im öffentlichen Leben“. Dabei muß aber z. B. bei Ortsbezeichnungenund Straßennamen die italienische Inschrift voroder über die deutsche gesetzt werden. Bei Geschäfts. inschriften, Plakaten. Reklamen usw. muß der Hauptteil doppelsprachig, der „kleinere Text kann beliebig in einer der beiden Sprachen gewählt werden.
der Wirtschaft
Energiewirtschaft
Von Ing. Schantl.
Am günstigsten steht unser Land in der Energieversorgung an Wasserkräften da, die für die Gewinnung von Elektroenergie in Frage kommen Für unsere Volkswirtschaft bedeutet es einen unwiederbringlichen Verlust, daß wir von dieser naturgebotenen Möglichkeit der Energiegewinnung nicht schon einen viel stärkeren Gebrauch gemacht haben, als es wirklich geschehen ist. Das als Folge der Zerschlagung des großen altösterreichischen Wirtschaftsgebietes im Jahre 1918 aufgetretene vollständige Fehlen einer für den österreichischen
Inlandsbedarf nur halbwegs genügenden eigenen Kohlenbasis hätte uns schon in den ersten Nachkriegsjahren dazu führen müssen, raschestens und soweit wie möglich auf diese Elektroenergie zurückzugreifen — trotz aller widrigen umstände! An Plänen für den Bau der nötigen Wasserkraftwerke hat es nicht gefehlt, auch zur Ausführung kam es stellenweise, doch im ganzen blieb das Werk ein Torso. Wir können es heute ruhig gestehen, es sind damals schwere Unterlassungssünden begangen worden. Ich muß hier an die trotz aller prinzipieller Einsicht stark abgebremste Elektrifizierung unserer Eisenbahnen und an die nie so recht in Schwung zu bringende Um stellung unserer Industriekraftversorgung auf Wasserkraft=Elektroenergie erinnern. Millionen und Millionen von
Schillingen gingen ins Ausland zum Ankauf von Kohle, also eines reinen Verbrauchsgutes, während im Lande selbst ein Großteil der Wasserkräfte unausgenützt blieb. Es war dies nicht allein der Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung zuzuschreiben, hier waren noch andere Gegenkräfte am Werke — jedenfalls war es wirklich ein. wenig erfreuliches Kapitel unserer Wirtschaftsgeschichte und zugleich ein krasses Beispiel von Interessenpolitik gegen die klar zutage tretenden Erfordernisse unserer Gesamtwirtschaft Nun müssen wir unter noch viel schwierigeren Voraussetzungen doch an die Lösung dieses brennenden Problems herantreten. Je früher wir mit dieser Arbeit beginnen, um so besser. Der Ausbau unserer Wasserkraftwerke muß planmäßig unter Benützung desjenigen
Weges erfolgen, der uns gleich am Beginne möglichst große wirtschaftliche Fortschritte bringt. Hand in Hand damit muß der Ausbau eines einheitlichen und leistungsfähigen Verteilungsnetzes erfolgen. Der Einsatz der Elektroenergie muß zuerst an den die meiste Kohle fressenden Verbrauchsstellen erfolgen, das sind die schienengebundenen Transportmittel, die Großindustrie und die Haushaltungen. Ist dieses Ziel erreicht, dann ist die Hauptarbeit getan.
Fassen wir die wichtigsten Erfordernisse auf dem Gebiete unserer Energieversorgung zusammen, so ergibt sich ein klares Aufbauprogramm:
1. Raschester Ausbau unserer Kohlenförderung und der chemischen Kohlenveredelung auf heimischer sowie ergänzungsweise auf ausländischer Kohlenbasis.
2. Alsbaldiges völliges Abstoppen der Holzver
wendung zu Feuerungszwecken; sukzessive Einschränkung der Kohleverwendung zu Feuerungszwecken.
3. Planmäßiger Ausbau unserer Erdölgewinnungs= und Raffinationsindustrie unter sorgfältiger Bewirtschaftung unserer Erdölbodenvorräte.
4. Raschester und weitestgehender Ausbau unserer Elektroenergiegewinnung durch Wasserkraftausnützung.
Ausbau aller vorgesehenen Wasserkraftwerke,
Ausbau eines einheitlichen und leistungsfähigen Verteilungsnetzes,
Totale Elektrifizierung der schienengebundenen Transportmittel und der Kunstlichtversorgung,
Weitgehender Einsatz der Elektroenergie bei der industriellen und landwirtschaftlichen Kraftversorgung sowie im Haushalt.
5. Zurückhaltende Ausfuhrpolitik bezüglich Energie und Energieträger.
Irternatienaler Währungsstandard
Der amerikanische Senat hat kürzlich das # kommen von Bretton Woods ratifiziert Der wich tigste Teil des Abkommens betrifft die Errichtung einer internationalen Weltbank für Wiederaufbau, mit einem Grundkapital von 9.1 Millionen Dollar. Gleichzeitig wurde auch die Schaffung eines Weltwährungsausgleichsfonds beschlossen, der ein Grundkapital von 8800 Millionen Dollar umfaßt. Bekanntlich wurde schon in der Ara des Völkerbundes eine Bank für internationalen Zahlungsausgleich errichtet. Der Grundgedanke dabei war, den Handelsverkehr durch überwindung der Währungsschwierigkeiten zu erleichtern. Diese damals unvollkommenen Versuche sind jetzt auf Grund der vergangenen Erfahrungen mit größerem Zielbewußtsein aufgenommen worden. Der Zweck, den
das Abkommen von Pretton Woods in dieser Hinsicht verfolgt, ist die Schaffung eines internationalen Währungsstandards, der ohne in irgend einer Weise weiter in die Währungshoheit der einzelnen Staaten einzugreifen, das bisher in der Frage des internationalen Güterverkehrs unerläßliche Gold ersetzen soll Diesem Zwecke dient a. die Schaffung eines Weltwährungsfonds.
PTOH BIAIC un Ernst
6 Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
Vor ihrer Seele tauchte ein feines, fast herzbeklemmendes, schmales. Gesicht auf. Ganz jung war sie noch, die Ottilie, ihr einziges Kind! Noch immer weilte sie im Kloster zu Freiburg im üchtland. Es schien lange, daß sie fort war" Und lang, bis sie wiederkam. Nicht einmal zur Leiche des Vaters hatte sie sie gerufen. Wozu? Sie hatte es besser bei den frommen Frauen. Die Häßlichkeiten der Welt berührten sie da nicht.
Erst jetzt ließ Frau Sixta sich ins Kissen zurückfallen. Ihr dunkler Kopf grub sich schwer in die Daunen Die Müdigkeit übermannte sie nun doch. Gegenwart und Vergangenheit flossen ineinander. Sie vermochte sie nicht mehr voneinander zu scheiden. Dann schlief sie ein.
Drittes Kapitel
Am anderen Morgen, als Frau Sixta wie immer das Beispiel gab daß man den Tag früh anfangen muß, wenn er ausgeben soll. hockte Markus Graf unter den Knechten in der Küche und empfing mit ihnen sein Morgenbrot.
„Ihr habt Euch also entschlossen“, sprach sie ihn im Vorbiegehen an
Er nickte Zu einer Antwort ließ sie ihm nicht Zeit, sondern war schon aus der Tür, während er noch überlegte, ob ihre Art nicht hochmütig gewesen, und seine Empfindsamkeit ihn wieder stach. Aber seine Teilnahme für die merkwürdige Frau und das Abenteuer, das er hier bestand war nicht kleiner geworden. Unwillkürlich duckte er sich und
war bereit, weiter zu erleben, was werden sollte. Frau Sixta schien aber Pankraz, den Hirten, mit seiner Einführung betraut zu haben; denn dieser hieß ihn nach dem Frühstück sich einer Gruppe von Leuten anschließen, bei der er selber stand und die auf die Seematten hinaus sollte, um zu schönen.
Mit Hutten und Rechen zogen sie nach einer Weile aus Der Himmel war bewölkt. Der Wind strich über die Hochebene. An den Lehnen, die die Seematten hießen und jenseits des Sees hinauf in die Felsen des Balmott und des Alpsteins sich streckten, begannen sie ihre Arbeit. Sie sammelten das kleine Gestein, das der Winter ins Gras gestreut, in die Hutten, schichteten größere Blöcke, die niedergebrochen waren, zu Haufen und säuberten mit Rechen und Hacke die Stellen, wo geröll= und erdedurchschossener Hartschnee als letzte Spur der Lawinen in den Mulden lag. Derweilen fuhr manchmal über ihnen eine Lerche auf und warf sich mit Zwitschern und Jubeln in die Luft, und höher an den Bergen tönten die Pfiffe der Murmeltiere Markus atmete so leicht wie nie. und
das Steigen wurde ihm zur Lust. Er dachte, daß das Land hier allein schon wert sei, daß er die Reise unterbrach Zuweilen trafen ihn die neugierigen Blicke der anderen Aber sie waren wortkarg Keiner sprach ihn an. Jeder ging seines Weges. Nur der weißhaarige Pankraz blieb in seiner Nähe.
„Ihr wollt also hier oben bleiben?“ fragte dieser, als sie unter der Arbeit im Schutz eines Felsens sich wieder begegneten
„Einmal heute und morgen“, erwiderte Markus.
„Und noch manchen Tag“, murmelte der andere.
„Wieso?“ fragte Markus fast zornig.
„Man geht nicht so schnell wieder von ihr fort", sprach Pankraz.
Markus schaute ihn an. Was meinte der sonderbare Kauz?
Der Alte bückte sich nach Steinen. Klirrend fielen sie in seinen Tragkorb. Dabei hielt er sich neben Markus. Auf einmal begann er zu erzählen. Es war, als grabe er Dinge aus sich selbst heraus und spräche auch mehr zu sich selbst als zu einem anderen. Es machte ihm offenbar Freude, langsam, in Pausen, Erinnerungen auszukramen und Möglichkeiten zu deuten. Aber zugleich lag in seiner Art zu reden eine stille Gelassenheit, ein Sichselbstfernhalten von dem, was war und sein mußte. „Ich kenne sie, seit sie ein Kind war“. begann er. „Ihr hättet sie sehen sollen. Man stand still und schaute ihr nach, wenn sie Sonntags zur Kirche ging. Wenn die Fremden ins Tal kamen, frugen sie nach ihr. Sie haben sie gemalt und photographiert. Sie wollten sie auch mit fortnehmen Aber
sie ging nicht. Sie wurde auch nicht stolz Oder vielleicht brauchte sie es nicht zu werden Sie sah alle groß an und nahe kam ihr keiner Sie war aber schon die Braut des Xaver Rotmund Sie haben sie ihm früh angeschmiedet. Die Otti ist schön und fein und zart, aber — sie war schöner Die Otti ist wie die Taube, weich und weiß, aber sie ist wie der Sperber, stark und scharf“
„Wer ist die Otti?“ fragte Markus, als der fremde Name plötzlich aufklang.
„Ja so. verzeiht!“ war die Antwort „Das ist ihr einziges Kind Man meint, daß sie es im Kloster läßt, weil sie selber zu viel Schlechtes in der Welt gesehen und erlebt hat“
Markus verlor den Namen wieder aus dem Gedächtnis. Aber der Hirt beschäftigte ihn Er schien völlig im Bann der Rotmundin zu liegen Vielleicht hatte er. als er und sie jünger gewesen, mit anderen Augen auf sie gesehen.
Noch am gleichen und an den folgenden Tagen machte indessen Markus die Beobachtung, daß die fast abergläubische Verehrung des Hirten für Frau Sixta keine Einzelerscheinung war, sondern daß das ganze Gesinde, Mägde wie Knechte, ihr anhingen und sich ihr mit einer seltsamen Willigkeit unterordneten. Er hörte dann, daß sie keines der Ihren krank im Hause wisse, ohne es selbst zu pflegen, daß sie sich aber auch der Seelen annahm, nicht nur des Körpers. Das Kind einer Magd, die von einem Bauern in Bergmatten verführt worden war blieb mit der armen Mutter im Hause Dem Vater einer zweiten, der gebrechlich und arbeitsunfähig war. gab sie auf der „Brücke“ das Gnadenbcot. Sie verstand es ebenso, zu schenken und Freude zu machen, wie sie dafür sorgte,
daß keinem sein Lohn vorenthalten wurde. So waren die Feste des Jahres auf der „Brücke“ besonders festlich Aber auch, wenn sie, die Pflichterfüllung bis zum Außersten pflog und forderte, Unwirsche und Untaugliche vom Hofe wies, so ließ sie keines ohne vollen Entgelt ziehen, gab sich daher selbst nie eine Blöße und brach böser Nachrede den Stachel aus. Insbesondere schätzten also ihre Dienstleute an ihr ihre Gerechtigkeit.
Um Markus schien sich Frau Sixta, wie dieser meinte, vorläufig wenig zu kümmern. Er wußte nicht, daß im Hause oder von einem Fenster aus ihr großer. kühler Blick ihm zuweilen folgte. Er nahm es ihr irgendwie übel, daß sie ihn dermaßen zu übersehen schien, und spielte täglich mit dem Gedanken am nächsten oder übernüchsten Tag weiter zu ziehen Da es jedoch immer neue Arbeit gab und er bemerkte, daß diese, da Hilfskräfte knapp waren, so leicht nicht ausgehen würde, brachte er es nicht über sich, davonzulaufen
(Fortsetzung folgt)