Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.68
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Seite 2 Nr. 152
oler Tageszellung
Mittwoch. 19. Dezember 1945
im Snionel der Teit
Revolution in Täbris
Von unserem Mitarbeiter
J. T. Paris, Mitte Dezember.
Am Fusse des Kara Dagh, in der weiten Ebene, die ein Fluß durchschneidet, der nur wenige Monate des Jahres Wasser führt, liegt Täbris, die Hauptstadt „Aserbeidschans. — Seine 200.000 Einwohner sind nur zum geringsten Teil Iranier, vornehmlich Türken. Armenier und Kurden — was die neuesten Ereignisse erklärlich macht. Als sich vor fünf Jahren separatistische Bestrebungen bemerkbar machten, ließ der Schah Täbris durch Polizei absperren und er wäre wahrscheinlich noch weiter gegangen, hätte ihn nicht die Furcht vor den Freunden aus dem Norden — wie er sie nannie — zurückgehalten. Inzwischen hat sich die Lage verschärft. Der Polizeikordon ist nicht mehr und Täbris steht in offenem Aufruhr gegen die Zentralregierung Teherans.
Vom militärischen Gesichtspunkt aus, sucht Täbris in Iran seinesgleichen: Von hier aus führen Straßen in die Türkei, nach Ankara. Trapezunt, Samsun, ans Schwarze Meer; andere nach Mossul, zum Petroleum Iraks; eine nach Tiflis und Baku — wieder Petroleum —; dem Kaukasus und Rußland; und endlich jene, welche in Teheran, dem Zentrum des Plateaus von Iran endet. Wer Täbris besitzt, ist Herr von ganz Persien, und beherrscht Mesopotamien, die Verbindungswege des nahen und mittleren Ostens und eine der Hauptstraßen nach Indien. Der Wert, den die früheren Schahs von Persien seinem Besitz beimaßen geht wohl am besten daraus hervor, daß jeweils der Kronprinz diese Stadt regierte.
Die Aufgabe war stets so ehrenhaft wie undankbar — denn mit seiner gemischten Bevölkerung war Aserbeidschan nie leicht zu regieren. Dies umso mehr, da die Perser dort nicht sehr beliebt sind. Dies wurde nach dem Ende des ersten Weltkrieges offenbar, als, genau so wie heute, sich Kurden und Armenier gegen den Schah erhoben und in der ganzen Provinz ein Blutbad unter den Iraniern anrichteten. Seither hat die Provinz keine Ruhe
mehr gekannt. Der Perser hat im allgemeinen wenig Hang zum Kommunismus Der Grund hiezu liegt in seiner Religion und der aus alten Zeiten noch bestehenden Gesellschaftsordnung, die die Macht den großen Stammeshäuptlingen überläßt. Im vergangenen Jahrhundert wurde jedoch ein Teil Aserbeidschans russische Provinz und der sowjetische Einfluß ist im persisch gebliebenen Teil fühlbar geworden Der Kommunismus hat hier wesentlich günstigere Bedingungen vorgefunden da diese Provinz stärker industrialisiert ist als das übrige Iran Auch sind hier nicht die Perser. sondern die Armenier Vorkämpfer für die sowjetischen Ideologien.
Auf dem Weg von Täbris nach Teheran hielt ich mich in einem Dörfchen Turkmentschai auf um das Wasser im Kühler des Autos nachzufüllen und einen Schluck Tee in einem „Tschai Kané“ einzunehmen, einer jener Teestuben. die man besser Opiumstuben heißen würde. denn hier schwebt immer ein Hauch jenes Giftes und mit Grund In diesem armseligen Turkmentschai zeigte man mir das windschiefe Haus. in dem in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Prinz Abbas Mirza, ältester Sohn des Schahs aller Schahs, mit General Paskewitsch den Vertrag unterschrieb, womit er Rußland eine Reparationszahlung von 80 Millionen Rubel und den Besitz jenes Teils Aserbeidschans zugestand. mit dem sich die Revolutionäre von Täbris heute zu vereinigen wünschen Es ist
gewiß kein Glück für ein Land des Ostens. so wie Persien an einer der großen Weltverkehrsstraßen zu liegen, über die schon so viele Kulturen hinweggeschritten sind. und außerdem noch in einem dem flüchtigen Reisenden so armselig und traurig scheinenden Boden jenes Petroleum zu bergen das dort überall zu finden ist, im Norden. Süden. Osten und Westen, am Fuße des Kaukasus, an den Gestaden des Persischen Golfes, in der Umgebung von Ispahan und Schiraz und — wie man mir auch heute bereits versichert — bis an die Grenzen Afghanistans.
Bitte um eine
Die kürzlich in Salzburg versammelten Bischöfe Österreichs haben an die inter alliierte Militärkommission in Wien die Bitte um Entlassung der Kriegsgefangenen und ein Gnadengesuch um Amnestierung einzelner Gruppen politischer Häftlinge aus Anlaß des Weihnachtsfestes gerichtet. In dem Gnadengesuch heiß es u. a.:
„Unser Vorschlag uno unsere Bitte gehen dahin, eine größere nnestie anläßlich des Weihnachtsfestes zu gewähren und zu diesem Zwecke aus der Gefangenschaft, bzw Haft zu entlassen
1. Alle kriegsgefangenen Soldaten. gegen die weiter nichts vorliegt.
2. Von den politischen Häftlingen: alte und kranke Personen (es sind darunter auch 70jährige Männer und Frauen), ferner solche die ein gutes Zeugnis von anderen haben und ihre Stellung in der Partei oft gebrauchten, um auch Gutes zu tun (von solchen Fällen wird uns von nicht wenigen Bürgermeistern berichtet); endlich möchten wir uns auch für jene einsetzen, die bereits aus ehrlicher überzengung ihre Gesinnung geändert haben Darunter sind auch solche, die der SS angehört haben. Schließlich setzen wir uns für alle jene Männer ein, die zum Eintritt
in die SS oder SA entweder gezwungen wurden oder sich dazu durch Propaganda verleiten ließen Ohne Zweisel kann bei kleineren Vergehen und bei innerem Gesinnungswandel sehr wohl auch die Gerech gkeit Gnade walten lassen und dies wird nur dem Frieden in Österreich dienen
3. Eine besondere Bitte betrifft noch die ürzte, deren das Volk in dieser Notzeit besonders dringend bedarf. Hier möchten wir um eine milde Beurteilung der Parteizugehörigkeit bitten und ihre Wiederzulassung zur Ausübung ihres Berufes befürworten, wenn nicht eigentliche Vergehen vorliegen.
Wir österreichischen Bischöfe hoffen, daß alle diese Bitten von der Alliierten Militärkommission richtig aufgefaßt werden. Wir erklären nochmals, daß wir damit nicht wirkliche Verbrechen schützen oder ungestraft haben wollen Es bitten aber die Bischöfe um Milde in der Ausühung der Gerechtigkeit. Wir bitten aus dem Grunde, weil von nationalsozialistischen Ideen vergiftete junge Menschen innerlich kaum von dieser Ideologie abzubringen sind, wenn man ihre Väter hart behandelt. Wir bitten im Interesse der innerlichen überwindung des Nazismus und der wirklichen Befriedung unseres Volkes.“
Johann Lenk — Surecher im Radio Lodon *
London, 18. Dezember. Der österreicher Johann Lenk, der unter dem Namen Franz Lechner während des krieges in der österreichischen Sendung des britischen Rundfunks regelmäßig sprach, ist im 39. Lebensjahr in London einem schweren Magenleiden erlegen. Johann Lenk war Tiroler Funktionär, der im Februar 1934 die Wörgler Schutzbündler führte. Im Prozeß gegen ihn wurde die Todesstrafe beantragt und Lenk schließlich zu drei Jahren schweren Kerker verurteilt. Er erkrankte in der Strafanstalt von Stein an Magengeschwür und wurde nach etwas mehr als zweijähriger Haft entlassen Lenk ging dann nach Prag und wurde dort von Otto Bauer mit deutschen Sozialdemokraten in Kontakt gebracht. Bis zum Einmarsch der Deutschen in
arbeitete Lenk sodann für die illegale sozialdemokratische Bewegung in Deutschland In dieser Eigenschaft ist er sehr oft nach Deutschland ge, reist. Es gelang ihm nach dem Einmarsch der Deutschen in Prag nach England zu entkommen, wo er im Londoner Büro der österreichischen Sozialisten und Gewerkschafter eintrat. Lenks Rundfunkreden nach Österreich während des Krieges waren dem Kampf gegen den Nationalsozialismus und der überbrückung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land in Österreich gewidmet. Sein Leiden zwang ihn schließlich, jede andere Arbeit aufzugeben. Johann Lenks große Hoffnungen, sein Heimatland Tirol noch einmal zu sehen, gingen nicht in Erfüllung.
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„Die Furche“
Wien, 18. Dezember. Anfangs Dezember erschien unter der Herausgeberschaft des Nestors der österreichischen Journalisten Dr. Friedrich Funder die erste Nummer der kulturpolitischen Wochenschrift „Die Furche“. Die Wochenschrift behandelt u. a. die Neugestaltungen in Frankreich, das neue Ungarn und seine Beziehungen zu Österreich. Der Bericht eines Mitkämpfers der Südtiroler Widerstandsbewegung wird stärkstes Echo auslösen. Ein anderer Aufsatz vermittelt interessante Einblicke in die um den im J.G.=Farbenkonzern gruppierten Wirtschaftsgruppen. „Die seelische Lage unser Jugend“, die Zeitfragen der Gesundheitspflege, „Mißlungene Experimente im Donauland“, „Aus der Welt der Kirche“, von „Erdenrund“, „Aktenstücke“, „Querschnitte“ sind weitere Themen. In
der den Titel „Die Warte“ führenden Beilage zum Hauptblatt erscheinen laufende Berichte über Literatur. Kunst und. Wissenschaft. Der lebendig gestaltete Inhalt dieser Revue wird durch eingestreute Bilder wirksam unterstrichen.
Wohnhäuser in der Fabrik erzeugt
New York, 16. Dezember. Führende Warenhäuser in New York geben in den heutigen Anzeigen genaue Angaben über die im Kriege entwickelten, fix und fertig montierten Wohnhäuser. Ein Geschäft bietet ein Vierzimmerheim an, dessen Abmessungen etwa 7.32 mal 7.5 Meter im Grundriß beträgt. Der Preis beläuft sich bei Auf
stellung an beliebiger Stelle des Gebietes von New York auf 1900 Dollar, ausschließlich Heizund Kanalisationsanlage. Das einen Stock hohe, mit flachem Dach gebaute Heim wird der Meinung der Verkäufer zufolge dazu beitragen, die jetzige akute Wohnungsnot in den Vereinigten Staaten zu lösen. Das Heim besteht aus einem Wohnraum, zwei Schlafzimmern, Küche, Baderaum, Waschküche und Baderaumtoilette. Jedes Schlafzimmer hat sein eigenes Klosett. Das Haus wird ab morgen käuflich sein. Die Verkaufsfirma gibt an, daß dieses Heim, welches aus Eichenund Fichtenholz gebaut ist, in einigen Stunden aufgestellt werden kann. Der Eigentümer des Heimes muß für das Fundament, den Rauchfang, die elektrischen Leitungen, die Dachbedeckung und den
Farbanstrich sorgen. Ein anderes Angebot sieht „Präzisionsheime“ vor, die im nächsten Frühjahr errichtet werden. Diese werden im Entwurf und in der Zahl der Räume sehr unterschiedlich sein. Manche werden, den Angaben der Baufirma zufolge, in der Lage sein, selbst Tornados und Orkanen zu widerstehen. Sie können groß und klein, geschindelt oder gestuckt, modern oder in althergebrachter Form hergestellt sein. Diese Heime sowie andere auch berechtigen zu einer finanziellen Unterstützung seitens des amerikanischen Bundeswohnamtes. Eine dem amerikanischen Kongreß vorgelegte Gesetzesvorlage sieht eine weitere Herabsetzung der an sich schon geringen Baranzahlung und eine Verlängerung der Rückzahlungsfrist des vom staatlichen Wohnungsamt
gewährten Darlehens vor.
Fünf Minuten mit B"anchette Brunoy
Mit erleichtertem Aufatmen lehnt sich Blanchette Brunoy in den Sessel zurück und blickt zur Nordkette hinüber mit Augen, denen etwas von der ewigen Sehnsucht des Großstädters nach der weißen Pracht dort oben anhaftet und in denen man eine leichte Erschöpfung nach Wochen des Reisens von Stadt zu Stadt zu lesen meint.
„Unsere Tournee ist zu Ende und Mittwoch geht es wieder zurück nach Paris“, seufzt sie, und die letzte Silbe klingt wie ein graziös hingeworfenes Ausrufungszeichen, dem man den Unterton eines leisen Bedauerns unterschieben möchte. „Tirol ist schön...! Eigentlich hätten wir ein wenig Muse in dieser herrlichen Bergwelt verdient. Aber die Arbeit ruft wieder, der Film dieser Mahlstrom von Aufnahmen, Atelierproben und den tausenderlei Verpflichtungen, die das Künstlerleben mit sich bringt.“
Mit einer Natürlichkeit, die einen sofort für sie einnimmt, kommen diese Worte von den Lippen der Künstlerin. Sie ist im Leben alles andere als Pose Ich wage ihr zu sagen, daß ich es reizend finde, mit ihr „ganz vernünftig“ sprechen zu können. Ihr Lachen ist perlende Herzlichkeit: „Ist das bei Künstlern so ungewöhnlich? — Nichts macht mir persönlich größere Freude, als mich unerkannt mit ganz einfachen Leuten aus dem Volk zu unterhalten. Denn man erkennt immer wieder: über das gesündeste Urteilsvermögen verfügt der Teil des Publikums, den man oft sehr mit Unrecht etwas geringschätzig als die „breite Masse“ bezeichnet. Dabei kann man von ihr so viel lernen!“
Diese Worte Blanchette Brunoys entschleiern einem ein Gutteil des Geheimnisses der unwiderstehlichen Anziehungskraft, die die wie aus dem Leben herausgegriffenen Lustspiele des Vaudeville=Genres auf ihr französisches Publikum ausüben. Ohne große Handlungen aufzuralsen, oft nur von einem spritzigen die letzten Möglichkei
bten geistreicher Andeutung und wie flüchtig hingeworfener Nuancen ausschäpfenden Dialog getragen, aber, wie als eine Art Ventil, auch das weite, in seiner griffsicheren Pointierung immer wirksame Feld der Situations= und Charakterkomik keineswegs außer Acht lassend. ohne also tiefgründig und problematisch zu werden, nur von dem Bestreben beherrscht, geistige Entspannung durch geistvolle Kurzweil zu bieten, gehören die Stücke vôm Schlage eines „Jean de la Lune“ zu den artechtesten Perlen des französischen Theaters Damit soll dem Dreiakter Marcel Achard keineswegs der Kranz unde# gänglichen Lorbeers gewunden werden. Es hätte ebensogut ein anderes Stück sein können. Wie angesichts Blanchette Brunoys und ihrer Truppe überhaupt der Eindruck
entsteht, als wäre weniger wichtig was sie spielen, als daß sie spielen. Sie werden immer gut spielen, denn sie sind geborene Schausvieler alle miteinander...
„Welchen Eindruck haben Sie vom österreichischen Publikum?“ fragen wir Blanchette Brunoy noch „Einen sehr guten, wenngleich die mangelnde Beherrschung der französischen Sprache gerade in ihren feinsten Wartspielen natürlich das Verständnis unserer Stücke für die österreichischen Zuhörer sehr erschwert. Unsere Tournee hatte ja vor allem den Zweck, französischen Besatzungstruppen „etwas aus der Heimat“ zu bringen, wenngleich wir uns über jeden österreichischen Anhänger, den wir mit unserem Spiel gewinnen, doppelt und dreifach freuen.“
„Entschuldigen Sie übrigens meinen Hang für die Heizung, aber auf der Bühne war es schrecklich kalt“, und mit einer. kuschelnden wärmesuchenden Bewegung schmiegt sich Blanchette Brunoy an den Heizkörper in ihrer Garderobe, mährend das Versonal schon wieder ihre Koffer packt, zum Abschied von Tirol Leo Ulbrich
PTOH STAIG
Roman
von Ernsi Zahn 7 Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgarf
Das Gesinde zeigte ihm abwartende Freundlichkeit. Er spielte nach Feierabend mit den Knechten Karten und schäkerte mit den Mägden. In einer großen, saalartigen Stube saß man am Abend beisammen. Am Nachmittag des ersten Sonntags aber spielte auf der Hofmatte hinter dem Hause ein Knecht die Handharmonika. Einige Burschen und Mägde tanzten. Da folgte Markus einer plötzlichen Eingebung und holte seine Laute. Das Instrument stammte aus seiner Studentenzeit. Er hatte eine weiche, dunkle Stimme und eine Begabung für den Vortrag klarer, mutiger Streit= und Spoktlieder, aber auch jener wehmütigen Weisen, die die Fischer am Meer und die Leute hoch im Gebirg singen.
Die Leute machten große Augen, als er mit der Laute ankam. Der Handorgler verstummte und der Tanz hörte auf Ein Kreis bildete sich um ihn. Selbst die Kellnerin Anna entlief der Wirtsstube und ihren Gästen und stellte sich neben ihn. Da begann er zu singen.
Die Anna bekam heiße Wangen. Und sie war auf die anderen eifersüchtig, als sie wieder an die Arbeit zurück mußte.
Der Gesang war auch zu Frau Sixta hinaufgedrungen, die im Begriff war. der Otti, ihrer sechzehnjährigen Tochter, einen Brief zu schreiben Sie lauschte. Stimme und Gesang klangen ihr fremd. War das der merkwürdige Mensch, den sie gleichsam am Wege aufgelesen und ins Haus genommen hatte? Sie hatte ihn seither beobachtet
und weiter über sein nicht alltägliches Außere gestaunt. Nun riß der Gesang sie aus ihrer Arbeit. Sie verlor den Faden. Argerlich über sich selbst, wollte sie sich zum Weiterschreiben zwingen. Da begann Markus ein neues Lied Vollends gestört, erhob sie sich und trat ans Fenster. Ohne selbst gesehen zu werden, betrachtete sie die Gruppe in der Matte unten. Die blonde Anna stand dicht neben Markus. Es verdroß Frau Sixta. Die Anna hatte Dienst! Was brauchte sie da herumzulungern! Aber — das Blut stieg ihr ins Gesicht — vergönnte sie es dem Mädchen, daß es neben dem Mann dort stand? Sie richtete sich auf. Sie lachte über sich selbst. Dabei umfaßte sie mit den Blicken wieder die Erscheinung des Markus Sein Kopf war leicht geneigt. Er schien gleichsam in die
Ferne hinauszusingen und die Zuhörer vergessen zu haben. Und das sollte ein Knecht sein? Hm, lang würde er das nicht bleiben wollen! Sie kehrte zum Schreibtisch zurück. Aber der Gesang draußen schwieg nur für Augenblicke. Es litt sie nicht auf ihrem Stuhl Es war, als ob die Mannsstimme sie anzöge. Schon blickte sie wieder durch die Scheibe Dann sah sie unweit der Gesindegruvve eines ihrer Pferde weiden. Es hatte sich unlängst den Fuß verstaucht. Sie wollte doch einmal nach ihm sehen. redete sie sich ein. Sie machte sich auf den Weg. Aber ihre Gedanken hörten nicht auf zu arbeiten. Sie hatte sich selbst seit Jahren zu fest in der Hand gehabt, als daß sie auch jetzt nicht über sich selbst Bescheid gewußt hätte. Die Musik beunruhigte sie gestand sie sich. Und
nicht nur diese, der Mensch dort behelligte sie Irgend eine Neugier, ob und wann er weiterziehen werde, beschäftigte sie Vielleicht saß ihr ganz tief und versteckt sogar eine Erwartung, daß er bleiben möchte. Oder war es ein Wunsch? Torheit! Wie
sollten ihr solche Wünsche kommen? Was ging der Mensch sie an! Sie nahm sich zusammen. Als sie unten ankam, schritt sie an der Gesindegruppe stumm vorbei. Ihr Gesicht hatte einen strengen Ausdruck.
Markus sah es und dachte, sein Spiel mißfalle ihr. Er beendigte sein Lied Dann legte er die Laute unter dem Widerspruch der Leute beiseite. Frau Sixta hatte inzwischen das Pferd erreicht und untersuchte es mit der Kundigkeit eines Tier
arztes.
Markus schaute zu Dergleichen schlug in seinen Beruf. Unwillkürlich stand er auf und näherte sich der Wirtin „Es ist wohl schlecht beschlagen“,
urteilte er im Herantreten von dem Pferde.
Frau Sixta wandte sich nach ihm um. Es fiel ihr in diesem Augenblick ein, daß er ihr von seinem Bereiterberufe gesprochen hatte, und ein leises Unbehagen befiel sie Hatte sie ihm Arbeit zugemutet, die unter seiner Würde war? Dann sagte sie: „Ich bin gegenwärtig schlecht versehen. Mein alter Roßknecht war Schmied und verstand sich aufs Beschlagen wie auf alles, was die Pferde anging Aber er ist taub geworden mit den Jahren und in seine Heimat zurüchgegangen Der neue ist zu jung oder zu lässig.“ Noch als sie so sprach fiel ihr ein, daß er vielleicht an den Pasten passen möchte. Und im mächsten Augenblick; daß er zu gut zum Knecht sei. Und im folgenden: daß ihre Mitteilung fast als so etwas wie eine Aufforderung ihr den alten Raßknecht zu ersetzen aufgefaßt
werden konnte. Sie wurde ganz verwirrt vor all den Erwägungen Aber sie ließ sich nichts merken.
Markus" Teilnahme war geweckt. Er liebte Pferde. Er dachte aber nicht so weit wie die
Wirtin. „Ich habe Eure Ställe noch nicht gesehen“, sagte er. „Darf man einen Blick hineintung
Sie ließ ihn an sich vorbei unter die nächse Tür treten, hinter der sechs Pferde standen, kleine, starke Tiere, wie sie im Gebirg zum Säumen und zum Ziehen der einspännigen Schlitten gebraucht werden. In einem Nebenstalle standen die rosse, die über den Paß liefen Der Wirtin zur Brücke lag ebenso die Führung der Post von einem Tal ins andere wie die Besorgung der vielen Warentransporten zwischen den Bergdörfern ob.
Markus ging von Stand zu Stand von Tier zu Tier, legte hier einem die Hand auf die Kruppe und hob dort einem das Maul, um nach seinen Zähnen zu sehen.
„Zu reiten gibt es hier nichts“, sagte eine Stimme.
Er sah Frau Sirta drüben stehen, und wußte nicht ob sie das ihm zum Hohn gesagt hatte.
„Aber Ihr habt reichlich Pferde“, gab er zurück.
„Eines geht unterm Reiter“ erklärte sie. „Aber das weidet bei den kalten Brunnen.“
Markus wunderte sich, wo das sein möge.
Da stieß sie eine Hintertür auf, so daß sich ihm Ausblick auf die helle Hochebene bot An ihrem Saume in einer tieforünen Mulde stand ein einzelnes Pferd von seltener mausgrauer Farbe.
„Ein schönes Tier“, sagte Markus überrascht.
Ohne zu antworten schritt sie ihm voran aus dem Stall und über die Grasfläche Sie dachte nicht mehr daran daß sie nur einen Taglöhner neben sich hatte Der andere war ihr wie ein Gast.
„Und niemand reitet das Pferd?“ fragte Markus.
(Fortsetzung folgt!)