Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.72
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Seite 2 Nr. 153
Tiroler Tageszeilung
Donnerstag, 20. Dezember 1945
Nationalrat (Fortsetzung von Seite 1)
Das Verfassungsübergangsgesetz bestimmt weiter, daß alle in Kraft stehenden Gesetze und Verordnungen weiter wirksam, bleiben. Bis zu einer anderweitigen gesetzlichen Regelung der Frage des
Heimatrechtes
und damit im Zusammenhang der Landesbürgerschaft und der Bundesbürgerschaft ist eine einheitliche Staatsbürgerschaft vorgesehen. Jene Gesetze, die weiterhin als Verfassungsgesetze zu gelten haben, so u. a. das Verbotsgesetz, das Kriegsverbrechergesetz, das Wirtschaftssäuberungsgesetz, das Wappengesetz, das Rechtsüberleitungsgesetz, das Finanzverfassungsgesetz 1931, das Wohnungsanforderungsgesetz, das Beumtenüberleitungsgesetz usw., werden im Verfassungsübergangsgesetz im einzelnen aufgezählt. Das Verfassungsgesetz wurde einstimmig in zweiter und dritter Lesung zum Beschluß erhoben. Als letztem Punkt der Tagesordnung schritt das Haus sodann zur
Wahl des Hauptausschusses,
dem folgende Abgeordnete angehören: Von der SVP.: die Abgeordneten Kunschak, Dr. Gorbach, Kristofics=Binder, Dr. Pauno
vic, Ing. Raab, Eichinger, Weidenhol
zer, Grißmer, Gschnitzer, Fink, Ing. Schumy, Ing. Babitsch, Ing. Stvobl, Ludwig; von der SPö.: Böhm, Seitz,
Speiser, Brachmann, Eibegger, Floßmann, Forsthuber, Dr. Koref, Pittermann, Schaerf, Wedenig, Widmayr; von der KPS: Abgeordneter Koplenig.
Um 11.55 Uhr schloß Präsident Kunschak die Sitzung. Die nächste Sitzung des Nationalrates findet am Freitag, den 21. Dezember, um 10 Uhr vormittags, statt.
Zusammentritt des Bundesrates
Wien 19. Dez. Im Budgetsaal des Parlamentes konstituierte sich heute nachmittags der Bundesrat. Der Vorsitzende Staatsrat Honey (Wien) eröffnete die Sitzung. Zum zweiten Vorsitzenden wurde Dr. Dienstleder, zum dritten Bundesrat Mooshammer gewählt. Nach Kenntnisnahme des Rechenschaftsberichtes der Regierung behandelte der Bundesrat das Verfassungsüberleitungsgesetz.
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Dr. Gruber zur Sudetenfrage
Wien, 19. Dezember. Der österreichische Außenminister Dr. Gruber, der vor einigen Tagen von einem Besuch in Prag nach Wien zurückkehrte, schreibt in einem Artikel „Prager Eindrücke“ in der Zeitung „Neues österreich“: „über die Landesverweisung der Sudetendeutschen sind sich offenbar alle Parteien in der Tschechoslowakei einig. Diese Haltung ist nicht gerade erstaunlich, wenn man bedenkt, daß die Tschechen so viele Jahre der Zwangsherrschaft durch die Nazi unterworfen waren. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns in Dinge einzumischen, die uns nichts angehen. Ich fühle mich jedoch zu der Hoffnung berechtigt, daß die ganze Angelegenheit bald zur allgemeinen Befriedigung beigelegt wird.“
Die Frate Sriests
Rom, 19. Dezember. Marschall Tito hatte kürzlich Erklärungen über das Verhältnis zwischen Jugoslawien und Italien abgegeben, in welchen er an Italien gewisse Forderungen stellte. Der italienische Ministerpräsident Degasperi erklärte hierzu: „Wir haben jeden Versuch gemacht, um zu einer Verständigung mit Jugoslawien zu kommen. Ich hatte immer gehofft, daß Triest eine Brücke und nicht eine Quelle der Zwietracht zwischen beiden Staaten sein werde.“
Film=Abkommen zwischen England und Amerika
Washington, 19. Dezember. Soeben wird der Abschluß eines Abkommens zwischen England und Amerika betreffend die Belieferung des Weltmarktes mit Filmen bekannt.
Die Militärregierung und die Versorgung Tirols
Landesrat Muigg über die Zu ammenarbeit mit der Militärregierung
Bei einer Zusammenkunft der leitenden Männer des Tiroler Bauernbundes und unseres Versorgungswesens mit den Vertretern der französischen Militärregierung, der u. a. auch Generalgoüverneur Voizard sowie der Gouverneur von Tirol Dutheil teilnahm, erklärte der Landesobmann des Tiroler Bauernbundes Landesrat Josef Muigg:
„Ich begrüße Sie, die Sie unsere engsten Mitarbeiter in der schweren und verantwortungsvollen Aufgabe sind, die Lebensmittelversorgung, die Land= und Forstwirts haft zu betreuen. Es treten bei der Erfüllung dieser Pflichten sowohl Ihnen, wie auch uns manchmal schier unübersteigliche Hindernisse in den Weg, die durch die Folgen dieses furchtbaren Krieges hervorgerufen wurden. Es liegt aber auch in der Natur der Dinge, daß eine Besatzung manche Schwierigkeiten mit sich bringt. Es können leicht Mißverständnisse entstehen, Klagen und Beschwerden von der einen und anderen Seite laut werden. Wir an leitender Stelle können leichter die Gründe dieser Hemmnisse übersehen, die oft denen, die die Lage nicht voll überblicken können, unverständlich erscheinen. Wir
wollen es daher als unsere vornehmste Aufgabe betrachten, hüben und drüben zum Verständnis der Schwierigkeiten und zur Behebung von möglicherweise entstehenden Mißverständnissen beizutragen.
Vor allem muß die Tiroler Bevölkerung dessen eingedenk sein, daß Frankreich Mühe, Opfer und beträchtliche Kosten für ihre Versorgung auf sich nimmt, obwohl es kaum wie
ein anderes Land in Europt gelitten und selbst noch mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Anderseits mögen aber auch die französischen Truppen in Tirol nicht vergessen, daß wir in weitem Maße zu ihrer Versorgung aus
dem Lande beitragen.
Baldige Besserung der Brotversorgung
In enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Ihnen, ist es uns aber immer noch gelungen, die Klippen zu umschiffen und unsere Heimat vor äußerster Not zu bewahren. Gerade in den letzten Tagen hat uns die Brotversorgung Tirols schwere Sorgen bereitet, doch ist es Ihren angestrengten Bemühungen gelungen, auch dieser kritischen Lage Herr zu werden, so daß wir begründete Hoffnung hegen können, daß noch vor Weihnachten die Brotration gebessert werden kann. Dies war uns wieder ein neuerlicher Beweis, daß Sie, Herr Gouverneur, und Ihre Mitarbeiter keine Mühe und Anstrengung scheuen, sich für das Volk Tirols einzusetzen. So ist es mir eine besondere Genugtuung, heute bei dieser Zusammenkunft im Namen der Tiroler Bauernschaft und des ganzen
Tiroler Volkes sowohl der französischen Staatsregierung als auch Ihnen. Herr Gouverneur, und Ihren Mitarbeitern unseren aufrichtigen, tiefgefühltesten Dank für Ihre Fürsorge auszusprechen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß unsere gute und freundschaftliche Zusammenarbeit weiterhin zum Wohle des Tiroler Volkes gedeihen möge.“
Kenntnis setzen würde, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden war, diese Lebensmittelmengen für Tirol aufzutreiben. Wir haben gerade jetzt, wie aus der Rede des Landesrates Muigg hervorging, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, aber es ist die Ankündigung eingetroffen, daß die Lebensmittelzüge in Marsch gesetzt wurden, wir wissen jedoch noch nicht, wann sie hier eintreffen.“
Vorschuß auf die bevorstehenden Mehl transporte
„Der Herr General Bethouart und selbst haben am letzten Samstag die Vertreterde Behörden und der politischen Parteien empfangen und damals war die Hoffnung berechtigt, das diese Lebensmittelzüge noch vor Weihnachten hier eintreffen, so daß wir die normale Brotration wieder herstellen können. Wir hoffen es, aber eine absolute Sicherheit können wir noch nicht geben.
Das Brot, das heute in Tirol und Vorarlberg gegessen wird, ist Brot der französischen tärintendanz, die eine kleine Reserve hatte und daher den Vorschuß auf die bevorstehenden Transporte geben konnte. Wir wissen, daß das Weihnachtsfest den Tirolern wie allen anderen Völkern besonders am Herzen liegt, und es wird auch daher in Aussicht genommen, der Bevölkerung eine besondere Spende geben zu Können.“
Exz. Voizard gibt die Weihnachtszuteilungen bekannt
In seiner Ansprache an die Versammelten erklärte Gouverneur Voizard u. a.:
„Wenn es ein Gebiet gegeben hat, wo es Mißverständnisse und Schwierigkeiten geben konnte, so war es gerade das Gebiet der Ernährung, wo solche entstehen können. Es ist die Frage, die der Bevölkerung wohl am meisten am Herzen liegt und die am geeignetsten ist, Unruhe bei ihr zu erwirken, nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt. Dank der Bereitwilligkeit und der Arbeitsfreudigkeit, die sich auf beiden Seiten vorgefunden haben, sowohl französischer als auch österreichischerseits, ist es gelungen, manche dieser Schwierigkeiten zu überwinden und bis jetzt zu zufriedenstellenden Ergebnissen zu. gelangen.
Die internationale Versorgungskeise
Es ist nicht überraschend, daß jetzt, sechs bis sieben Monate nach diesem Krieg, die Lebensmittelversorgung noch nicht vollkommen wiederhergestellt und auf normale Grundlage gebracht ist. Es ist wenig überraschend, wenn man bedenkt, daß die größten Nationen unter den* selben Schwierigkeiten zu leiden haben, daß beispielsweise Frankreich wieder gezwungen ist, die Brotkarte einzuführen und daß die Einschränkungen in England heute größer sind, als jemals während des Krieges. Nach mir zugegangenen Meldungen ist sogar Präsident Truman dabei, weitere Einschränkungen in den Vereinigten Staaten vorzunehmen. Der Grund für diese Erscheinungen, die überraschend sind, ist der, daß durch die Verwüstungen des Krieges größere und kleinere Nationen von
den großen Völkern ihre Versorgung erwarten.
Wenn wir an diese Dinge denken, so möge uns das ein gewisser Trost sein, wenn wir auch darüber nicht unsere Tätigkeit einschränken oder einschläfern wollen.
Was die neue Regie ung tun muß
Eine große Hoffnung setzt die französische Militärregierung in die neue österreichische Regierung, die jetzt die Angelegenheiten in die Hand nehmen wird. Diese neue österreichische Regierung wird ihre Vertreter im Ausland haben und in den großen Hauptstädten des Auslandes die Aufmerksamkeit auf das Elend in Österreich lenken können. Es wird dies eine neue Form sein, um eine herzliche und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen den alliierten Mächten und der österreichischen Regierung in die Wege zu leiten. Wir haben getan, was in unseren schwachen Kräften war und es ist uns schließlich gelungen, doch in einem gewissen Maße die Lebensmittelversorgung in dem uns anvertrauten Gebiet zu erhöhen!“
Eindruck volle Zahlen
*
Der Herr Gouverneur verweist in Zahlen auf
die Lebensmittelzuteilungen, welche die französische Regierung in den letzten Monaten an die Tiroler Bevölkerung gelangen ließ. Es sind z. B. 7100 Tonnen Mehl und 10.509 Tonnen Getreide, über 1000 Tonnen Zucker usw. der Tiroler Bevölkerung zugeteilt worden.* „Wir wissen, daß es nicht viel ist, daß es auch nicht genug ist, aber wir wären den Tiroler Behörden dankbar, wenn sie die Bevölkerung davon in
Weihnachtsgabe für Innsbruck
Der Herr Gouverneur zählte sodann die Zuteilungen auf, die der Bevölkerung aus Anlaß des Weihnachtsfestes zugute kommen. Außerdem werden der Tiroler Regierung 18.000 sten, die Eigentum Frankreichs sind, zur Verfügung gestellt werden. Es sind dies 18.000 Kisten des französischen Roten Kreuzes, bestimmt für französische Kriegsgefangene, die jedoch nicht mehr für diesen Zweck zur Verteilung gelangen brauchen. Es ist diese Menge nicht groß genug, um ganz Tirol zu beschenkon, sie werden daher nur für die Stadt Innsbruck verteilt werden. Die französische Mili tärregierung sorgt dafür, daß die Stadt Innsbruck, die die größten Lasten der Besatzung trägt, auch zu Weihnachten dafür etwas Gutes erhalten soll. Gerade Weihnachten wird der Anlaß sein, daß die
Gefühle Frankreichs besonders innig für Österreich zum Ausdruck kommen und der Herr Gouverneur glaubt daher, daß die Wünsche, die wir alle hegen, in Erfüllung gehen werden, daß Österreich wieder eine starke Nation wird, unabhängig frei und groß, wie das Land es verdient hat.
Explosion eines Munitionslagers bei Teient.
Rom, 19. Degember. Einem Bericht der italis nischen Nachrichtenagentur Ansa zufolge wurden Dienstag nachts bei der Explosion eines Munitionslagers in der Nähe von Trient eine An
zahl britischer Soldaten verletzt. Wie
der Bericht besagt, passierten die Soldaten die
Stelle in einem Lastkraftwagen, als die Explo
sion sich ereigneté. Die Ursache der Explosion wurde nicht bekannt gegeben.
Frau Sixla
8 Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
„Niemand, seit mir die Zeit fehlt“, gab sie kurz zurück.
Er hätte sie fragen mögen, wieso das so und das so sei, wie sie das Reiten gelernt und ob ihr Mann sie begleitet habe, aber er scheute sich, sich gleichsam in das hineinzubohren, was sie erlebt hatte.
Sie erreichten den Grauschimmel. Er war nicht mehr ganz jung, aber von edlem Bau, sein Auge hell und klug. Er erkannte Frau Sixta, wieherte und kam auf sie zu. Sie legte den Arm um seinen halfterlasen Hals. Und wie sie so neben dem Pferd stand, glaubte Markus ihr, daß sie es geritten, und das Außergewöhnliche ihres Wesens kam ihm neu zum Bewußtsein. „Das geht einem alles verloren nach und nach“, sprach sie nachdenklich. „Es bleibt nur die Arbeit, das beste freilich, was bleiben kann“
Er spürte etwas von der Härte ihres Lebens und fühlte sich gedrängt ihr ein gutes Wort zu sagen. Aber es bot sich ihm nicht.
Plötzlich sagte sie: „Erzählt mir von Euch selbst.“
Sie waren allein. Die Ställe verwehrten die Aussicht auf Haus und Vorplatz. Drüben rieselte eine Quelle einer der kalten Brunnen, die dieser Alpstelle den Namen und das saftige Grün gaben. Sixta ließ ihre Seele einmal Sonntag Sie hatte lange niemand gehabt, mit dem als Alltägliches zu reden verlohnte. Mit Fremden war es anders. Das Gespräch
Frau S haben. Sic ihr mehr di sem Fr
machte ihr Freude. Sie ließ sich auf einen Felsblock nieder, det im Grase wurzelte.
„Was soll ich Euch erzählen?“ fragte Markus. „Ich bin meinem Vater ein Arger und meiner Mutter ein Kummer gewesen.“
„Wieso?“
„Ich fiel aus der Linie. Ich lernte nicht oder erreichte doch nichts mit Lernen. Ich bin vielleicht einer, der spät oder nie aufwacht. Ich habe mir ja dann auch ein Gewerbe ausgesucht, das vom Körper mehr wollte als vom Geist.“
„So standet Ihr schlecht mit Euren Leuten?“ „Im Gegenteil. Sie gaben sich Mühe, mich ihre Enttäuschung nicht merken zu lassen. Wir waren uns sehr gut. Darum trage ich auch schwer daran, daß sie nicht mehr da sind.“ Frau Sixta errötete. Sie schämte sich ihrer Frage. Sah sie nicht, daß an diesem Menschen trotz der Ziellosigkeit etwas Liebenswertes war?
Dann trat es ihr bitter auf die Zunge. In ihrem Hause war der Friede nicht gewesen den er dem seinen nachrühmen konnte. So viel Nachsicht ist nicht überall“, sagte sie finster.
„Auch Ihr habt —“ begann er; aber als sie ihn groß ansah, sprach er nicht aus, daß er um ihre Last wußte.
Sie verzog den Mund „Man hat Euch wohl mancherlei erzählt“, sagte sie.
„Nichts Schlechtes“, gab er zurück.
Sie erinnerte sich, wie ihre Leute ihr zugetan waren und wurde weicher „Ich habe ein Kind, eine Tochter“, fuhr sie fort, um ihm zu zeigen, daß sie auch Helligkeit in ihrem Leben habe.
„Auch das hörte ich“ sagte Markus. Er fühlte sich nicht als ihren Dienstmann, sondern sie war ihm wie eine gute Bekaunte, länger bekannt als
ihr Haus, obwohl er sie erst kurz vor seinem Eintritt in dieses getroffen.
„Sie ist noch ein wirkliches Kind“, sprach sie, sich vergessend, weiter; „fein und klein wie eine aus dem Süden. Man sieht ihr die Eltern nicht an. Ich habe sie früh fort getan. Sie weiß wohl nicht mehr, wie dunkel hier das Land und die Leute sind.“
Und wie dunkel das Haus war, vollendete Markus in Gedanken; es war ihm, als habe sie das sagen wollen.
Aber Frau Sixta war die Zunge gelöst. Vielleicht“ hatte sie zu lange von allem geschwiegen, was sie selbst anging, und es drängten sich ihr nun vor diesem Fremden Dinge auf die Lippen, die gar nicht für ihn gemeint waren. „Ich denke daran, ihr die Welt zu ersparen“, sagte sie.
„Wie das?“ fragte Markus.
„Indem ich sie im Kloster lasse.“
Markus schwieg. Es schien ihm, daß sie von etwas spreche, was ihr noch zu denken gab.
Da fragte sie auch schon. „Meint Ihr nicht auch, daß jedem wohl geschieht, der nicht in das Durcheinander-hier- draußen geworfen wird?“
Markus senkte den Kopf. Er erlebte auch das Gegenwärtige wie einen Traum, wie er sein Unglück mit dumpfen Sinnen erlebt hatte. Nach einer Weile sagte er nachdenklich. „Lieber im Strudel sein als im lebendigen Tod.“
Frau Sixta stutzte Wie gut er sich ausdrückte! Und — hatte er Recht? Waren ihre Pläne, die sie in bezug auf ihr Kind hatte, irrig? Dann wurde sie inne. daß sie sich diesem wildfremden Menschen gegenüber, hatte gehen lassen. Sie staunte über sich selbst. Und doch empfand sie
keine Reue, sondern etwas wie Freude, dahiste einen gefunden, mit dem man ein vernünstiges Wort reden konnte. Sie sagte: „Man merkt Euch den Studenten noch an.“
„Eine Weile trägt man seinen Schulsack noch weiter“, erwiderte er.
„Es wäre schade, wenn man ihn ganz verlöre“, sagte Frau Sixta.- Und dann: „Man hat hiet nicht allzu oft Gelegenheit, mit Leuten zu reden, die etwas gelernt haben.“
Maxkus fühlte ihre Einsamkeit. Er mußte an seine Mutter denken Sie war weicher, schlichter, unbedeutender gewesen als diese Frau, aber auch sie war viel allein gewesen und hatte manchmal gern ein Wort mit ihm gesprochen.,
Da sagte Frau Sirta lächelnd: „Wie wäre es denn wenn Ihr bei meinen Pferden bliebet?“ Der Eutschluß, ihm das anzubieten, war ihr ganz plötzlich gekommen
Er verzog den Mund Nun hatte sie ihn wieder verletzt. „Roßknecht?“ spottete er. „Meine Sehnsucht ist das nicht“
Sie schrak sogleich in sich selbst zurück. „Es war eine Frage“, entschuldigte sie sich. „Ihr seid selbst schuld, daß ich sie gestellt habe.“
Als er nun den Weg zum Weitergehen plötzlich wieder frei sah. reute es ihn. Irgendwie hing er an diesem Hause schon fest. „Vielleicht“, verbesserte er sich zögernd und nachdenklich, „möchte ich doch bleiben.“
Sie drängte ihn nicht. Unwillkürlich überzeugt, daß er doch blieb verließ sie das Thema, stützte die Arme auf die Knie und beugte sich ein wenig vor „Erzählt mir mehr von Eurer Jugend", munterte sie ihn auf.
(Fortsetzung folgt!)