Tiroler Tageszeitung 1945
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- S.76
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Seite 2 Nr. 154
Freitag, 21 Dezember 1945
Liteler Bianianten zum Litens Hers
Der Weg einer Familie und eines Industrie=Unkernehmens
Von unserem Redaktionsmitglied Franz Baldauf
Wattens, 20. Dezember 1945.
Eines der größten Tiroler Industrieunternehmen, wenn nicht das größte überhaupt, ist die Glasfahrik der Gebrüder Swarovski in Wattens. Wollte man die Geschichte der Familie Swarovski schildern, müßte man Schriftsteller sein, wie etwa Thomas Mann mit seinen „Buddenbroks“ oder Rudolf Herzog mit seinen „Stolienkamps“. Das Buch Swarovski würde ein ähnlicher Erfinder= und Familienroman, wobei Tirol ziemlich viele Seiten des Werkes ausfüllen müßte. Der Roman begänne in einem der größten Industriebezirke der Tschechoslowakei, wo heute noch die Glasindustrie an erster Stelle steht, am Ende des vorigen Jahrhunderts in Johannesthal, und würde dann in Wattens fortgesetzt, wo die Tyrolit=Werke seit 1904 ihren Platz innerhalb der tirolischen Industrie behaupten. ja
viele Jahrzehnte hindurch das größte industrielle Werk unseres Landes überhaupt darstellten.
Führende Persönlichkeiten der Französischen Militär=Regierung und der Tiroler Behörden haben dem Werk in Wattens in den letzten Wochen einen Besuch abgestattet und ihre Anerkennung über das dort Geleistete zum Ausdruck gebracht. Der Generalgonv. von Tirol=Vorarlberg, Exzellenz Boizard, der Kabinettchef des Generals Bethouart, Oberst Carolet, der Chef der „Sektion T“, Oberst Fournier, trugen sich ebenso in das Gästebuch des größten Tiroler Industrieunter
nehmens ein, wie der Landeshauptmannstellvertreter Professor Dr. Gamper, der Sicherheitsdirektor=Stellvertreter Dr. Wilhelm Großmann, der seine besondere Aufmerksamkeit dem Aufbau des Wattener Werkes widmet, und zahlreiche andere führende Männer der Wirtschaft und der Industrie.
An erster Stelle im Außenhansel
Wenn es auf die Wichtigkeit des Unternehmens für die Wirtschaft des Landes ankommt, besonders was den Außenhandel betrifft, so steht das Unternehmen Swarovski auch heute noch an erster Stelle im Lande. Die Geschäftsverbindungen reichen ja weit über den europäischen Kontinent hinaus und Tiroler Diamanten glitzern nicht nur in den Kämmen und Haarspangen irgend einer Dorfschönen der Alpen, sondern schmücken ebenso das Haar der Geisha, wie die Sennora in Südamerika. Und wenn auch der Bubikopf in Wattens eine Absatzkrise verursacht hat — wer dächte übrigens, daß solch ein Kunststück Figaros auf eine Glasschleiferei zurückwirken kann —, so hat sich schließlich doch der Unternehmergeist eines Wilhelm Swarovski über diese
Zufälligkeiten der Mode kühn und erfolgreich hinweggesetzt und neben den Tiroler Diamanten entstand der neue Schlager, der „Tiroler Zeiß“. Nicht, daß die Tiroler Industriellen größenwahnsinnig geworden wären und sich etwa heute unser Land einbilden könnte, wir vermöchten die Zeiß=Werke in Jena zu ersetzen oder zu normalen Zeiten zu überflügeln, aber erstens arbeiten heute die Thüringer Werke nicht mehr und die Wattener schon, und zum zweiten kann durch Fleiß und Erfindergeist auch der Vorsprung einer Meisterklasse, um einen Sportausdruck zu benützen, eingeholt werden. Heute nach dem zweiten Weltkrieg stellt Swarovski
monatlich 500 Doppelfernrohre
her. Während des Krieges lag die Produktionsziffer viel höher. Damals arbeitete das Werk aber auch innerhalb des industriellen Aufteilungsplanes in der Serie, während es heute zum Großteil den gesamten Herstellungsvorgang eines Doppelfernrohres allein besorgt, und der Laie weiß ja nicht, daß solch ein handlicher „Zuawerziacha“ aus 106 Teilen besteht, von denen 90 aus Leichtmetall, 11 aus optischem Glas und 10 auf anderes Zubehör entfallen; 52 Arbeitsgänge sind notwendig, bis das Ding so weit ist, daß der Gamsjäger seinen angepirschten Bock, der verliebte Jüngling seine Operettendiva erschaut oder der Richtoffizier seinen artilleristischen Berechnungen das gewünschte Ziel zu stecken vermag.
Und worin liegt Swarovskis Erfindung? Im Gegensatz zur gesamten optischen Weltindustrie
benötigt Swarovski zur Herstellung der Linsen seines Doppelfernrohres nicht Diamant und Petroleum, um sie zu schleifen, sondern ihm genügen Wasser und seine Tyrolitscheiben. die er selbst fertigt und die den gleichen Erfolg erzielen, nur einfacher, schneller und dabei nicht schlechter und nicht weniger präzis. Denn auf die
ein in den Stoff des Abendkleides. Amerikas Vijotterie schafft aus den „Tiroler Steinen“ den Schmuck, in Wattens selbst werden die feinsten Gewebe einer fraulichen Robe mit dem glänzenden Stein verwoben, id was wäre für so viele begehrenswerter, als solch ein niedliches Handtäschchen oder ein so wundervoller Schleier als Haarnetz oder sonstwie verwertet zum festlichen Schmuck für Theater, Hochzeit und Tanz. Wer jedoch vermeint, daß sich damit die Herstellungsmöglichkeiten in Wattens erschöpfen, der ginge weit in die Irre. Neben der optischen Industrie, die heute tatsächlich in der Lage ist, einen Ersatz für Zeiß und Leica zu schaffen, wenn es nur gewünscht wird, und neben der Glasschleiferei laufen noch eine ganze Reihe anderer Fertigungen, von denen
bestimmt nur die wenigsten im eigenen Lande eine Ahnung haben. Von den großen leitenden Werken der einstigen deutschen Spitzenindustrie, wie von Zeiß und Leica und anderen, waren Fachkräfte in Wattens, um dort zu lernen und zu staunen. Es ist eben die Eigenartigkeit der Swarovski — die Familie zählt heute 40 Mitglieder in Wattens —, daß sie aus eigenem Erfindungsgeist ihre Maschinen bauten
und damit Verbesserungen und Neuanlagen schufen, die Weltpatente abgaben und ganz neue Möglichkeiten der rascheren und verbilligten Erzeugung erschlossen. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte das Unternehmen während der Wirtschaftskrise vor dem Krieg niemals sich den Weltmarkt erobern können, wie es tatsächlich geschah.
Was sich in Wattens tut, ist die Schöpfung einer Familie, und der heute 84jährige Gründer des Werkes, Herr Daniel Swarovski, kann mit Stolz durch die beiden Werke gehen, die
nahezu 900 Arbeiter
beschäftigen und sofort weitere 500 Arbeiter ein
Präzision, auf die Feinheit kommt es bei solch einem Glas im wesentlichen an. Was ist doch allein
die Prüfanlage für ein Binokel
eine ausgedehnte und komplizierte Einrichtung! Wie viele Menschen müssen hier arbeiten, wie viele Maschinen mithelfen, welch feinste Spezialapparate sind nötig, um auch den kleinsten Fehler, auf hundertstel Millimeter zu ertappen und ihn richtig zu stellen!
Dabei hat sich der ganze optische Teil der Fabrik aus den verächtlich genannten und doch so sehr geschätzten falschen Diamanten heraus entwickelt. Was dort die Mode diktierte, hat während des Krieges die militärische Notwendigkeit verlangt. Heute aber sind die Gebrüder Swarovski dabei, aus diesem Unternehmen einen der wichtigsten Aktivposten der Zukunft für Tirol zu schaffen.
Wieder muß dabei Paris mithelfen, wie es bei der Glasschleiferei auch im gewissen Sinne seit jeher mithalf, ja sogar den Ton angab. Denn was die Pariser Mode jährlich oder saisongemäß diktierte, das hat die Wattener Industrie erfüllt. Die Wattener Edelsteine wanderten vom Haarschmuck und Halskollier bis hin
diesem malerischen Unterinntaler Dorf das größte und für die irolische Ausfuhr wichtigste Industrieunternehmen steht und arbeitet. Neu entwickelt wurde seit ganz kurzer Zeit
die Glasbläserei,
die für die heurige Weihnacht bereits den ersten Christbaumschmuck lieferte, die aber, was bedeutend wichtiger ist, darangeht, den Laboratoriumsbedarf Österreichs an hochwertigen Röhren usw zu befriedigen. Auch hier liegt eine ganz große Möglichkeit der Aufwärtsentwicklung im Wiederaufbau Österreichs. Beim Gang durch die Wattener Betriebe aber stoßen wir immer wieder auf solche Möglichkeiten. Es ist klar, daß in diesem Werk an die 3000 Arbeiter leicht beschäftigt werden könnten, wenn . . . ja wenn sie vorhanden und wenn alle Rohstoffmöglichkeiten auszunützen wären. Mitten in der Herstellung eines neuen Kunststoffes aus Torf mußten die Versuche abgebrochen werden. Doch steht zu hoffen, daß auch hier noch Wandel geschaffen wird.
Möge der Gemeinschaftsgeist, der die ganze Familie Swarovski beseelt, auch die Gefolgschaft mit in seinen Bann ziehen, damit die tirolische Industrie aus dem Wattener Werk den Nutzen ziehen kann, den das wirtschaftlich schwache Land heute nötiger denn je braucht.
à US ALLER WELT
Die Lambacher Flachsspinnerei wieder in Betrieb
Lambach, 20 Dezember. Die Lambacher Flachsspinnerei hat den Krieg ohne größere Schäden überstanden. Neben der derzeit bescheidenen Produktion von Webwaren und Zwirnen hat sich, dem Verlangen der Zeit entsprechend, die Fabrikation von Schuster=, Sattler= und Wurstgarnen und Zwirnen bewährt. Außerdem wurden auch schon Verhandlungen wegen des Ankaufes neuer Maschinen angebahnt.
Ein Groß=Cyclatron der Universität von Kalifornien
Der amerikanische Professor Ernest A. Lawrence, Nobelpreisträger und Erfinder des Cyclotrons sowie Mitarbeiter an der Entwicklung der Atombombe, gab bekannt, daß während des nächstellen könnten. Dabei sind die Arbeits=sten Sommers an der Universität von Kaliforbedingungen sozial hochwertig und nien ein neues Cyclotron fertiggestellt wird das sanitär. Moderne Lüftungsanlagen, licht, hell, funf= oder sochsmal
reinlich und in jeder Hinsicht in der Ausgestaltung des Arbeitsraumes darauf bedacht, das kostbarste Gut des Unternehmens, die menschliche Arbeitskraft, gesund und leistungsfähig zu erhalten.
Sechs große Fertigungsmöglichkeiten, von denen jede für sich ein Unternehmen darstellt, bilden den Grundstock des Betriebes; die Glasschmucksteinfertigung, die optische Rohglasfertigung, die optische Gerätefertigung, die Schleifmittelerzeugung und Keramik, die Erzeugung von Schmuckbändern und Besatzartikeln und die Rückstrahlerfertigung. So entsteht bei Swarovski, man könnte fast sagen, alles, vom einfachen Wetzstein des Bauern bis zum Rad im Bohrer des Zahnarztes, vom Kopfschmuck und Garderobenputz des Balletts bis zum Doppelfernrohr und zum Rückstrahler am Fahrrad und an der Strazenkreuzung, von der Kochplatte am Elektroherd bis zum Kolben der Glühlampe, vom Fensterrahmen bis zum Wasserleitungshahn. Vielleicht stofen in Bälde dazu der
Photoapparat oder hochwertige Bestandteile von Heizungsanlagen, über deren Herstellung zur Zeit m Entwicklungslaboratorium des Unternehmens gearbeitet und nachgesonnen wird. Allein aus der Schleifmittelerzeugung stammen 24.000 verschiedene Artikel, eine unwahrscheinlich anmutende Zahl.
Wie viele fahren an Wattens vorüber, schauen hinauf zu den Bergen, hinüber durch das Tal, sehen einige Fabriksanlagen oder sie merken es gar nicht, aber die wenigsten nur wissen, daß in
fünf= oder sechsmal so stark werden soll als irgend eines der bestehenden Atomzertrümmerungsgeräte Lawrence enthüllte mit Zustimmung der Armee einige Details des neuen Cyclotrons. Die Maschine wird bisher praktisch nicht zu erbringende Beweise für viele Theorien auf dem Gebiete des Atombaues bringen. Das Cyclotron dürfte auch eine künstliche Erzeugung kosmischer Strahlung sowie die Freimachung von Atomenergie aus Elementen und Materialien, die billiger als Uranium sind, ermöglichen. Man erwartet, daß das neue Cyclotron durch die Erzeugung neuer Elemente und radioaktiver Isotope von neuen Elementen große Vorteile für die Medi
zin, die Chemie und andere Wissensgebiete bringen wird.
Der teuerste Film der Welt
Bad Nauheim, 19. Dezember. In einem Londoner Lichtspieltheater hat kürzlich die Erstaufführung des Filmes „Vom Winde verweht“ nach dem weltberühmten Roman von Margaret Miechel stattgefunden. Die Herstellung des Filmes dauerte 26 Wochen, seine Kosten beliefen sich auf 800.000 Pfund Sterling.
Neues Robot=Flugzeug der USA.=Marine
Washington, 19. Dezember. Die amerikanische Marine führte am 12. Dezember in Atlantie City (New Jersey) ein Miniatur=Robotflugzeug mit Düsenantrieb vor, das bis zu 960 Stundenkilometer fliegen kann. Die Flügelspannweite des Flugzeuges, das ungefähr eine Stunde in der Luft zu bleiben vermag, beträgt nur 360 Meter.
Frau Sixta
Roman
von Ernsi Zahn 9 Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
Da neigte er den Kopf. Es war, als ob sie ihn in die Vergangenheit zurück lenkte. „Schön war es wohl“, begann er. „Der Vater stattlich, ein wenig zerfahren, immer seinen Entdeckungen nachjagend und gewiß, eines Tages der Welt etwas Neues, Unerhörtes zu geben, aber ohne praktischen Sinn, ein schwieriger Mann für seine: Frau, die verstehen mußte, aus nichts Brot für sich und die Ihren zu machen; die Mutter nicht sehr groß von Verstand und doch klüger als tausende, aus Weisheit eines gütigen Herzens. Die Schwester hätte wohl ihr nachgeschlagen, während ich mehr in der Linie des Vaters lag.“
Lange sprach er so. Erinnerungen knüpften sich an Erinnerungen. Er war sich selbst noch nie so klar gewesen, was er verloren hatte; und er dankte unwillkürlich, aus einem inneren Bedürfnis heraus mit jedem Worte denen, die nicht mehr waren und denen er zu Lebzeiten den Dank nicht abgetragen.
Wie schon einmal, als sie Ahnlichkeiten in ihren Schicksalen entdeckt hatten, vergaßen beide, wo sie waren, und sprachen miteinander, als ob sie sich lange kennten. Erst als die Kellnerin Anna von drüben nach Frau Sixta rief, erhob sich diese Sie trat auf Markus zu Zum ersten streckte sie ihm die Hand hin. „Es ist schon etwas wert, überhaupt einmal einen Menschen besessen zu haben“, sagte sie. „Manche können auch dessen sich nicht rühmen.“
Daraus sprach wieder eigene Erfahrung. Markus fühlte sich erwärmt von ihrem Vertrauen.
Während sie nach dem Hause hinüberging, streichelte er nachdenklich das graue Pferd. Dann durchschritt er langsam den Stall, durch den sie gekommen waren. Er sah sich um, machte sich mit Örtlichkeit und Dingen bekannt Schon fühlte er sich halb in Amt und neuer Aufgabe.
Viertes Kapitel
Es bestand eigentlich keine Abmachung. Es ergab sich von selbst, daß Markus Graf im Alpgut zur Brücke vom Tagelöhner und Wandergast zum Hausinfassen und Pferdemeister vorrückte. Meister, nicht Knecht. Das Gesinde auf dem Brückegut steckte die Köpfe zusammen und hob die Nasen. Wie kam es, daß auf einmal eine Art Oberst über Pferde, Stallknechte und Weiden gesetzt wurde? Der Neue verstand allerdings sein Handwerk, und sie sahen, daß er Reiten und Pferdepflegen anderswo gelernt hatte. Sonst aber gab es vielerlei an ihm herumzuraten. Bei seinem langen Haar begann es. ging weiter über seine Studiertheit, die ihn eher zum Schreiber als zum Tierwärter gemacht erscheinen ließ, und endete noch lange nicht bei seiner zerstreuten und
gedankenschweren Art, mit der er oft alle Wirklichkeit seiner Umgebung zu vergessen schien. Die Leute waren indessen in zu guter Zucht und vielleicht auch zu gutmütig, als daß sie aus dem Staunen schon ein Murren hätten werden lassen. Frau Sixta mußte wissen, was sie tat und wollte! Manchmal kam eine Magd oder einen Alten eine abergläubische Furcht an. wenn urplötzlich am grauen Horizont hinter den Hügelweiden die durch Ferne und Licht ins Riesengroße gesteigerte Erscheinung eines Reiters auftauchte. Es war Markus, der da hielt und die Hochebene überblickte. Steil saß er auf seinem
Pferde, mit dem er wie verwachsen schien. Der immer wache Bergwind fiel ihm ins lange Haar und in den Mantel und wehte beides auf. Er liebte es, so gezaust zu werden. Etwas Freies, Ungebundenes war über ihn gekommen; denn er war im Grunde hier oben sein eigener Herr, obwohl Frau Sixta ihn jüngst gefragt hatte, ob er nicht Geld brauche, es sei ja bezüglich seines Lohnes noch nichts festgesetzt und müsse einmal darüber gesprochen werden. Markus hatte keine Eile; es zur Rede zu bringen. Er dachte nicht mehr an Weiterziehen. Die Unruhe, der Wunsch, der ihn ins Unbestimmte getrieben, waren ihm für den Augenblick erfüllt und gestillt oder quälten ihn jetzt nicht mehr. Er übte seinen Be
ruf aus. Die Pferde und die Knechte der Frau Sixta unterstanden seiner Aufsicht. Er fuhr nach
Holz und Kohle und nach Waren aus, die vom Tal heraufzuschaffen waren. Er leitete die Säumerkarawanen, die über den schmalen CavendaPaß allwöchentlich hin und zurück gingen. Die Knechte sagten, daß er ihnen scharf auf die Finger sehe. Aber zuweilen fiel es ihm plötzlich ein,
den Grauschimmel. den Sperber zu satteln. Er fragte nicht um Erlaubnis, fragte nicht nach Dienstpflicht, sondern überließ sich nur seiner jähen Lust. — Lust, in der die Brust ungehemmt sich heben und senken konnte. Höhenwind, der einem scharf um Wangen und Stirn fuhr, in dem
die Haut sich kühlte und stählte, Mittagflammen der Sonne auf Firn und Schnee und Verbluten des Abends an Felszacken und scharfen Gräten! Täglich ergriff ihn das alles mehr und schwellte ihm die Seele mit Genugtuung und neuer Erwartung. Dann plötzlich erinnerte er sich, daß er hier in Löhnung stand. Das war wohl nicht, was Frau Sixta von ihm erwartet hatte, überlegte er. Aber war er nicht noch frei, war er nicht noch
jetzt nur der Wanderer, den sie bedingungslos bei sich beherbergte, und konnte er nicht einfach seinen Weg fortsetzen, wenn es ihr nicht paßte! Und dann schien ihm, daß sie die Meisterin, ihn gar nicht fortschicken würde, daß sie ihn gar nicht unders haben wollte. Vielleicht kümmerte sie sich zu wenig um ihn. Oder vielleicht verstand sie— das Suchende, Schönheitsfrohe, vom Alltag Abstrebende seines Wesens. Unzufrieden schien sie nicht. Sie zeigte sich freundlich, hielt ihn gerne in einem Gespräch fest. Nur Zeugen liebte sie nicht dabei, wie ihm schien. Und er? Er mochte sie gerne leiden, manchmal glaubte er sie wie eine Mutter zu lieben. Sie war der Mittelpunkt ihres großen Gewerbes und Hauses. Pankraz, der Hirt. hatte nicht zu viel gesagt. Jeder Faden des
Großbetriebes lag in ihrer Hand. Jeden Handel mit Holz oder Vieh, der sich aus ihrem großen Besitz ergab, schloß sie selbst ab. Sie unterhandelte mit den Transportgesellschaften dies seits und jenseits des Berges, deren Waren sie zur Beförderung übernahm Sie leitete die berge, die sich jetzt jeden Abend bis unters Dach mit Gästen füllte Mit Umsicht und Zurückhaltung empfing und verteilte sie diese, die Vornehmen wie die Geringen, und wie sie kühl und überlegen ungehörige Forderungen der Anspruchsvollen zurückwies, so bändigte sie mit Wort oder Blick die Ausgelassenheit der einen und zwang die Unordentlichkeit anderer, sich den strengen
Forderungen ihres Hauses anzupassen. ——
„Wahrlich. Ihr seid einen Besuch wert, Frau Rotmund“, sagte Markus eines Tages zu dieser, als sie ihm auf einer der Weiden begegnete. „Weshalb?“ fragte sie und sah ihn groß an. „Weil man weit gehen kann, bis man Euresgleichen findet.“
(Fortsetzung folgt!)