Tiroler Tageszeitung 1945

Monat:12

- S.87

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Rontag, 24. Dezember 1945
Nr. 156 Seise 5
DIE DREY STILEEN MESSEN
Eine Weihnachtsgeschichte von Alphonse Daudet
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ben, erhebt sich sie schliefe, nun wird lebendig die Schnauze in
wei getrüffelte Truthähne, Garrigon?
„Ja, Hochwürden, zwei feste, mit Trüffeln gefüllte Truthähne, über und über mit Trüffeln gespickt Ich kann davon reder enn ich habe ja beim Füllen ben die 6. geholfen. Man könnte Angst ha
zen, die Haut werde ihnen beim Braten platzen so eingespannt ist sie." #en platzen
„Jesus — Maria! Trüffeln, meine Leibspeise! Gib mir schnell das Chorhemd. Garrigou ... und was hast du außer den Puten in der Küche noch „O, alle möglichen guten Sachen, seit heute mittags hat man nichts getan, als Masthähnchen wiedehöpfe, Fasanen und Rebhühner rupfen — die Federn sind nur so geflogen. Dann hat man aus dem Fischteich Aale, goldige Karpfen. Lachs sorellen .." 9 #u1
„Wie groß sind denn die Lachsforellen. Gartigon?“
„So — groß, Hochwürden, ungeheuer!“
„O Gott! Ich sehe sie ordentlich vor mir! Hast du den Wein in die Meßkännchen gegossen, Garrigon?“
„Ja, Hochwürden; ich habe die Kännchen gefüllt. eber meiner Seel", Sie werden nach der Messe noch einen ganz andern Wein zu trinken bekommen! Sie sollten nur sehen, wie die Karaffen im Epeisesaal in allen Farben funkeln und flimnern! Und das Silbergeschirr, die getriebenen Tafelaufsätze, die Blumen, die Kandelaber! So ein Weihnachtsessen ist noch gar nicht erlebt worden; der Herr Marquis hat den ganzen Adel der Nachbarschaft eingeladen: die Tischgesellschaft wird mindestens vierzig Köpfe stark sein, den Amtmann und den Notar gar nicht mitgerechnet. Hoch würden können sich freuen. dabei zu sein! Mir geht schon der Duft dieser schönen Puten, dieser Trüffeln den ganzen Tag nach — sch!“
„Ruhig, mein Sohn, ruhig; hüten wir uns vor der Sünde der Lüsternheit und Völlerei, zumal in der heiligen Christnacht Schnell, zünde die kerzen an und gib das Zeichen zur Messe, die Nitternacht ist nah und wir dürfen uns nicht versäten...
Diese Unterredung fand in der Christnacht des fahres eintausendsechshundertundsoundsoviel zwischen Sr. Hochwürden Balaguère, einstigem Prior der Barnabiten, gegenwärtig Hauskaplan des Edlen von Trinquelage, und seinem jungen Sakristan Garrigou statt. Wenigstens glaubte der Geistliche mit diesem zu reden, ihr aber sollt wissen, daß es der Teufel war, der an diesem Abend das runde Gesicht und die unausgesprochenen züge des kleinen Meßgehilfen angenommen hatte, um den ehrwürdigen Vater leichter in die Versuchung zu locken und ihn zu der entsetzlichen Einde der Völlerei zu verleiten. Während also drsogenannte Garrigou (hm! hm!) aus Leibeslasten an den Glockensträngen der herrschaftlchen Kapelle riß, legte Hochwürden in der kleiien Schloßsakristei
vollends seine Meßgewandung in und sagte dabei — sein Geist war durch die Schilderung der Küchentätigkeit schon auf Abwege geführt worden — einmal ums andre vor sich hin: „Knusperige Puten, goldschimmernde
Karpfen, Lachsforellen — so groß!“
Draußen heulte der Nachtwind und zerriß die Musik der Glocken, und nach und nach tauchten da und dort an den Abhängen des Berges Ventoux, auf dessen Gipfel sich die alten Türme von Trinquelage erhoben, flackernde Lichter auf. Die Pächter kamen mit Kind und Kegel zur Mitternachtsmesse ins Schloß; in Trüppchen von fünf bis sechs Personen kletterten sie singend den steilen Hügel hinan, der Vater mit der Laterne in
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der Hand voraus, die Frauen in ihren großen braunen Umschlagtüchern, die auch den Kindern Schutz und Wärme boten. Trotz der nächtlichen Stunde und der Kälte schritten die wackeren Leute munter aus, und die Gewißheit, daß, wie alle Jahre, nach der Messe ein kräftiger Imbiß in der Dienstbotenholle für sie bereit war. stärkte ihre Kräfte Von Zeit zu Zeit erschien auf der steilen Fahrstraße die Karosse irgend eines großen Herrn und die Fackeln der vorangehenden Läufer warfen blitzende Lichter über das spiegelnde, harte Eis oder ließ auch ein Maultier seine silbernen Schellen ertönen, und die Pächtersleute erkann ten beim matten Schein ihrer Laternen, deren Gläser vom Frost beschlagen waren, ihren Am
„Guten Abend, guten Abend. Meister Arnoton! riefen sie, zur Seite tretend „Guten Abend. guten Abend Kinder!“ Die Nacht war hell; die Sterne funkelten alob der Frost ihr Feuer schürte: der Wind war und ein seiner. kristallisierter Nebel legte.
sich über die Kleider, ohne sie zu netzen; er wollte nur das alte Wort von der weißen Weihnacht zu Ehren bringen. Auf der Höhe des Hügels leuch tete ihnen das ersehnte Ziel, die dunkle Masse deSchlosses, dessen Zinnen und Türme und Erker hoch in den tiefblauen Nachthimmel hineinragten, eine Menge zwinkernder Lichter bewegte sich flüchtig von einem Fenster zum andern und erschien auf dem finsteren Hintergrund wi ##e Fünkchen, die in verkohltem Papier hin und her schießen. Nachdem die Zugbrücke und das Ausfalltor über= und durchschritten waren, mußte man auf dem Weg nach der Kapelle durch den äußeren Hof gehen, der von Kutschen, Dienern, Sänften wimmelte und vom Schein der Fackeln und der Glut, die aus den Kuchenfenstern strahlten laghel
beleuchtet war. Man hörte die Bratspieße sic klirrend drehen, hörte das Rasseln der kupfernen Töpfe, das Klirren von Kristall und Silberzeug, das zur Vorbereitung einer Mahlzeit gehört, und ein lauwarmer, wohlriechender Duft von gebrate nem Fleisch und feinen Gewürzkräutern, wie sie zu kunstvollen Tunken verwendet werden, entlockte den Pächtern wie dem Kaplan, dem Amtmann wie den Edeln die Bemerkung: „Wir wolen"s uns aber schmecken lassen nach der Messe.“
II.
ling, kling! Kling, kling! Die Mitternachtsmesse beginnt. In der Schloßkapelle, die mit einem Chorgestühl, so hoch wie die Seitenwand, eine Kathedrale im kleinen ist, sind Teppiche gelegt, Stickereien aufgehängt und alle Kerzen angezündet. Und wie viele Menschen, was für ein Glanz und eine Pracht! Ganz vorne in den mit Bildnerei geschmückten Chorstühlen um den Altar sitzt der Edle von Trinquelage im lachsfarbenen Atlasgewand und an seiner Seite alle hochgeborenen geladenen Gäste. Ihnen gegenüber knien auf samtbezogenen Betstühlen die alte, verwitwete Marquise in ihrem feuerroten Brokatkleid und das junge Edelfräulein von Trinquelage, das nach der neuesten Mode des Hofs von Frankreich einen wahren Turm gekräuselter Spitzen auf dem Köpfchen trägt.
Weiter unten erblickt man in großen, spitzigen Perücken die glattrasierten Gesichter des Amtmanns Thomas Arnoton und des Dorfnotars Meister Ambroy, zwei dunkle Töne in dem bunten Schillern der hellen Seiden= und Brokatstoffe; dann kommen die wohlgenährten Hausmeister, die Pagen, die Jäger, die Aufseher und dann Barbara, die zum Zeichen ihrer Würde sämtliche Schlüssel an einem silbernen Haken an der Seite trägt. Hinten auf den Kirchenbänken sitzen das niedere Gesinde, die Dienstmägde und die Pächter mit ihren Familien, und ganz unten an der Türe, die sie geräuschlos auf und zu machen, erscheinen von Zeit zu Zeit die Herren Küchenjungen, um zwischen zwei Säulen ein wenig Weihrauch zu atmen und dafür den Küchenduft in die festliche, von vielen
Kerzen angenehm durchwärmte Küche zu tragen.
Ist es der Anblick ihrer weißen Mützen, der dem Offizianten am Altar die Gedanken von der heiligen Handlung ablenkt? Sollte es nicht eher Garrigous kleine Klingel sein, diese wütende kleine Klingel, die mit höllischer Eilfertigkeit am Fuß des Altars bimmelt und immer zu sagen scheint: „Sputen wir uns! Sputen wir uns! Je eher wir mit der Messe fertig werden, desto eher können wir uns zu Tisch setzen!“
Tatsache ist, daß so oft diese verhexte Klingel ihr Stimmlein ertönen läßt, der Kaplan seine Messe vergißt und nur noch an das Weihnachtsessen denkt. Er malt sich aus, wie die Köche durcheinander rennen: er sieht die Hochofenglut der Küchenherde; er atmet den Dampf, der unter den halbgeöffneten Deckeln aufsteigt, und er erblick: in diesem Dampf zwei bräunliche, aufgetriebene weiche, mit Trüffeln gefleckte Puten ...
Oder aber, er sieht eine lange Reihe von Pagen, die große Schüsseln mit verlockenden Düften in den Speisesaal tragen, und er tritt mit ihnen in die festlich geschmückte Halle. O Wonne! Da is die ungeheure Tafel reich beladen und von Kerzen schimmernd; Pfauen, in ihre Federn gekleidet. Fasanen, die ihre braunroten Flügel ausbreiten rubinrot funkelnde Kristallkaraffen, ganze Pyra miden saftstrotzender Früchte unter grünen Zwei gen, und die wunderbaren Fische, von denen Gar rigon gesprochen hat, lagen auf ihren Fenchelbet ten, die Schuppen haben einen Perlmutterglanz. als ob sie eben aus dem Wasser kämen und jeder hält einen Strauß duftender Kräuter im Rachen So lebhaft ist das Traumbild, daß Dom Balaguère sich einbildet, die herrlichen Schüsseln stünden
auf dem gestickten Altartuch vor ihm, und ein paarmal ertappt er sich dabei, daß er statt des Dominus vobiscum das Benedicite sagt. Mit Ausnahme solcher kleiner Irrtümer aber verrichtet der würdige Mann sein heiliges Amt mit der frößten Gewissenhaftigkeit, schenkt sich nicht eine zeile, unterschlägt nicht eine einzige Kniebeugung und alles geht bis zum Schluß der ersten Messe wie auf Rädchen — ihr wißt jo. daß in der Christnacht ein und derselbe Priester hintereinander drei stille Messen zu lesen hat.
„Eine hätten wir!“ sagt sich der Kaplan, erleichiert aufatmend, und gibt, ohne eine Minute zu säumen, seinem Ministranten, oder dem. den er dfür hält, ein Zeichen „ bling
Kling, kling, kling! Kling. kling, kling!
Die zweite Messe beginnt und damit auch Dom salaguères Versündigung.
„Rasch rasch! Sputen wir uns!“ ruft ihm Gar
ngous Glöckchen mit seinem schrillen hellen Stimmlein zu. und dieses Mal wirft sich der Prie ter förmlich über das Meßbuch her und verschlingt, vom Dämon der Gefräßigkeit gestache!! die Seiten mit wahrem Heißhunger Wie ein Rasender verbeugt er sich. fährt wieder in die Höhe. deutet das Zeichen des Kreuzes, die Kniebeugun
gen nur halbwegs an und verkürzt jede Gebärde. um rascher zu Ende zu kommen Kaum daß er die Arme gegen das Evangelium ausbreitet, kaum daß er beim Confiteor auf seine Brust schlägt zwischen dem Ministranten und ihm findet ein wahres Wettreden statt; in den Responsorien überstürzen sich Fragen und Antworten; die Worte kugeln übereinander; keiner spricht sie mit den Lippen aus, weil das zu viel Zeit kosten würde und der Schluß jedes Satzes verläuft in unverständlichem Murmeln .
„Oremus . pf... pf
Mea culpa pa . pa“
Wie Winzer, die in höchster Eile die Trauben in den Bütten zerstampfen, waten die beiden in ihrem Latein herum, daß nach allen Seiten der Saft hinausspritzt.
„Dom ... scum ...!“ sagt Balaguère.
S .. tu tuo .!“ gibt Garrigou zurück und die ganze Zeit über bimmelt ihnen dazu die verdammte kleine Glocke um die Ohren, gerade wie die Schellen, die man den Postgäulen um hängt, um sie zur Eile anzutreiben. Man kann sich denken, daß eine stille Messe auf diese Weise schnell zu Ende gebracht werden kann.
„Zwei hätten wir!“ sagt sich der Kaplan ganz außer Atem, nimmt sich aber nicht die Zeit zum Verschnaufen, sondern stolpert mit rotem, schweißtriefendem Gesi#t die Stufen des Altars herunter und ..
Kling, kling, kling! Kling, kling, kling!
Die dritte Messe fängt an — jetzt nur noch ein Kleines, und er kann den Speisesaal betreten! Aber ach, je näher die Essensstunde rückt, desto mehr fühlt sich der unglückliche Dom Balaguère von einem wahren Taumel der Ungeduld und Gefraßigkeit ergriffen. Sein Traumgesicht wird immer deutlicher; die goldschimmernden Karpfen. die knusprigen Puten stehen vor ihm er sieht sie, berührt sie ... O Gott ... wie die Schüsseln dampfen, wie der Wein duftet. Und das rasend gewordene Glöckchen ruft ihm gellend zu: „Rasch. rasch, immer noch rascher!“
Aber wie sollte er noch rascher fertig werden? Er bewegt die Lippen kaum; er spricht die Worte nicht aus ... rascher geht es nicht mehr ... er müßte denn den lieben Gott förmlich betrügen und ihm seine Messe wegstibitzen — und der Unglückliche tut es! Der Versuchung unterliegend. überspringt er jetzt einen, dann zwei Verse; die Epistel ist ihm zu lang; er überschlägt die zweite Hälfte; geht am Credo vorüber, ohne einzutreten, überspringt das Pater, grüßt den Eingang nur von weitem und stürzt sich so kopfüber in die ewige Verdammnis. Der teuflische Garrigon (weiche von uns, Satanas!) folgt ihm getreulich unterstützt ihn mit fabelhaftem Verständnis, hebt ihm das Meßgewand auf, schlägt im Meßbuch zwei Blätter auf einmal um, versetzt den Pulten Püffen, wirft die
Meßkännchen um und schüttelt ohne Unterlaß sein Glöckchen, immer stärker, immer schneller.
Was die Zuhörer für verblüffte Gesichter machen! Sie verstehen ja kein Wort lateinisch und müssen sich an die Gebärden des Priesters halten um der Messe zu folgen, und das ist heute nich leicht. Die einen stehen auf, während die andern niederknien; die einen bleiben stehen, während die andern sich setzen, und alle Stationen des heiligen Brauches laufen in den verschiedensten Stellungen, die in den Kirchenbänken eingenominen werden, durcheinander. Der Weihnachtsstern. der hoch oben am Himmel nach dem kleinen Stall von Bethlehem unterwegs ist, wird ganz blaß vor Schrecken, als er dieses Durcheinander gewahrt
„Der Priester macht zu schnell“, murmelte die ilte Marquise. „Man kann ja nicht folgen“ seufzt sie, ihren Kopfputz verzweiflungsvoll schüttelnd
Meister Arnoton sucht mit der großen stähler ien Brille auf der Nase in seinem Gebetbuch, wo zum Henker man denn sei, aber im Grunde de5erzens denken ja diese wackeren Leute auch mit tüsternheit an das Festmahl und sind eigentlic licht böse darüber, daß die Messe mit Extrapof ährt, und als Dom Balaguère sich mit strahlener Miene nach seinen Beichtkindern umwendet ind aus Leibeskräften sein Ite, missa est hinauschmettert, da antwortet die ganze Gemeinde wie zus einem Mund ein so fröhliches, so hinreißen es Deo gratias, daß man meinen könnte, man sei schon am ersten Trinkspruch beim Weihnachts nahl.
Fünf Minuten darauf nahmen die edlen Herren und in ihrer Mitte der Kaplan im Speisesaat Platz Das von oben bis unten hell erleuchtete Schloß hallie von Gesang Gelächter, Geschrei und Geplauder wieder, und der ehrwürdige Dom Balaguère stieß seine Gabel in einen Psaffenschu vom Birkbuhn und ersäufte seine Gemissensbisse in ganzen Strömen päpstlichen Weines und wür
ziger Bratentunke. So viel aß und trank er der arme heilige Mann, daß er in selbiger Nacht an einem Schlagfluß starb Er hatte nicht einmal ehr Zeit zum Bereuen seiner Sünde gehabt und kam gegen Morgen noch ganz benommen von dem Geräusch des Festes im Himmel an; ihr könnt euch denken, was für ein Empfang seiner wartete.
„Hebe dich von hinnen, du schlechter Christ!“ agte der oberste Richter, unser aller Herr. „Deine Schuld ist groß genug. um ein ganzes Leben der Lugendübung auszutilgen. Ach! Du hast mich um eine nächtliche Messe bestohlen! Nun wohl, du sollst sie mir dreihundertfach ersetzen und wirst nicht eher ins Paradies eingehen, als bis du in deiner eigenen Kapelle und in Gegenwart aller, die durch deine Schuld mit gesündigt haben, dreijundert Weihnachtsmessen gelesen haben wirst.
III.
as ist die wahre Geschichte vom Dom Balaguère, wie man sie im Lande des Olbaums erzählt. Das Schloß Trinquelage ist in Trümmer gefallen, aber auf der Höhe des Berges Ventoux ragt die Kapelle noch aus einem grünen Eichengehölz; auf den Fliesen wuchert das Gras; der Wind wirft
die Türe. die kein Schloß mehr hat, hin und her; in den Nischen des Altars und in den hohen Fensterrahmen, aus denen die gemalten Scheiben verschwunden sind, nisten die Vögel, aber alljährlich tauchen in der Christnacht übernatürliche Flämmchen auf und huschen zwischen den Trümmern hin und her, und die Bauern, die im Tal zur Messe und Christnachtsmahlzeit gehen, erblicken die gespenstische Kapelle hell erleuchtet. Unsichtbare Kerzen brennen in dem Luftzug und erlöschen nicht durch Wind und Schnee. Ihr könnt darüber lachen, wenn ihr Lust habt, aber ein Weingärtner aus der Gegend, namens Garrigue, also jedenfalls ein Nachkomme jenes Garrigou, hat mir erzählt, er habe sich in einer Christnacht in etwas benebeltem Zustand in den Wäldern von
Trinquelage verirrt und sei zufällig in die Nähe der Kapelle geraten. Was hat er gesehen? Bis elf Uhr gar nichts, alles sei dunkel, schweigend und leblos gewesen, plötzlich aber gegen Mitternacht habe hoch oben auf dem Turm ein altes Glockenspiel zu läuten angefangen, ein ganz uraltes Glockens#i so dünn und heiser daß man
hätte denken können, es sei zehn Meilen weit weg. Bald darauf hat Garrigue auf dem Weg, der zur Höhe führt, flackernde Lichter und undeutliche Schatten wahrgenommen, auf den Kirchenstufen hörte er es schlürfen und flüstern: „Guten lbend, Meister Arnoton!“
„Guten Abend, guten Abend, meine Kinder!“ Als alle Welt hineingegangen war, schlich sich mein Weingärtner, der ein tapferes Herz hatte, sachte näher und spähte durch die geborstene Tür ins Innere. Ein wunderlicher Anblick! All die Leute, die vorhin an ihm vorübergegangen waren, sah er jetzt im Chor und in dem zertrümmerten Schiff in Reih und Glied treten, gerade als ob die Kirchenstühle und Bänke noch da wären. Schöne Damen in Brokatgewändern mit Spitzen am Kopfputz, edle Herren, die von oben bis unten in köstliches Pelzwerk gekleidet waren. Landleute in geblümten Kitteln, wie unsre Großväter sie trugen, und alle sahen sie müde, verwittert und verstaubt aus. Von Zeit zu Zeit umkreisten Nachtnögel die jetzigen Besitzer der Kapelle, die von dem Lichterglanz
im Schlaf gestört worden waren, die hohen Kerzen, deren Flamme kerzengerade, aber so gedämpft aufstieg. als ob sie mit einem Dunstschleier verhüllt wäre. Was Garrigue am meisten ergötzte, war eine würdevolle Persönlichkeit mit einer großen Stahlbrille auf der Nase, die jeden Augenblick ihre mächtige schwarze Perücke schüttelte, worauf einer der Vägel sich niedergelassen hatte und mit den Krallen hängen jeblieben war. so daß er schweigend mit den Flügeln schlug, aber nicht fort konnte Im Hintergrund kniete ein kleiner Greis von nindlicher Gestalt mitten im Chor und bewegte nit verzweifelter Anstrengung ein Glöckchen das zeinen Klöppel und keine Stimme hatte, während ein Priester in blind gewordenem Goldgewand sich vor dem Altar bewegte und Gebete heriate,
wovon man kein Wort verstand.
Das war gans sicherlich Dom Balaguère, der seine dritte stille Messe las.