Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.92
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Seite 10 Nr. 156
Tsroler Tageszellung
Montag, 24. Dezember 1985
Uwton nis V eittl
Auslandsbriefe unserer Mitarbeiter Brondway-Melodie
H. v. S New York. im Dez. 1945.
Eben ist wieder ein Truppentransporter aus dem alten Europa herübergekommen. Großer Empfang durch Bräute, Eltern, Geschwister. — Musik, die nur mit viel Mühe und viel Verständnis für die amerikanischen Klassiker als solche zu erkennen ist; Freudenszenen, die von einem fast hysterisch zu nennenden Temperament getragen sind. Ein Ballyhoo im kleinen.
Die „Gis“ haben es verdient. Sie sind sichtlich froh, den „Europatrip“ hinier sich zu haben Sie lassen sich wieder in ihren New Yorker oder Chicagoer Alltag tollen. mit breit weggespreizten Beinen, wie sie es gewohnt waren.
Und dann erzählen sie. nach dem ersten Whisky und der ersten Raleigh, wie sie in der Normandie „an Land“ gingen, wie sie hinter den Germans herfighteten und wie sie schließlich bis nach Berlin kamen, wo sie die „Russian Boys“ trafen. Wie sie aber dem alten, verrückten Erdteil gerne wieder den Rücken gekehrt hätten, um an Bord der alten „Marble“ — im Munde der „Gis“ ist alles „alt“ — nach den States zurückzuschippern. „Sollen sehen, wie sie drüben klarkommen“ denken sie und sagen es auch.
Wie sie — denken noch andere in der amerikanischen Politik, die mehr zu sagen haben als der „Gi“ so und so. Sie stehen in Europa mit dem Koffer in der Hand und treten von einem Bein aufs andere. Sie möchten so gerne kurz ein paar klare Worte sprechen, wie es unter Geschäftsleuten üblich ist, und verstehen nicht, daß die Partner um ein paar Küstenstreifen und ein paar Landfetzen Schwierigkeiten machen. Und an der Bockbeinigkeit der anderen verhärtet sich ihre eigene und sie schmollen Sie drehen der Welt den Rücken und beugen sich wieder über die eigenen Bücher, um zu erkennen, daß man ohne das „Busineß“ da drüben und dort drüben mit einem Defizit abschlösse Man kann schließlich ein Defizit ertragen, aber darum hat man sich nicht jahrelang auf
fremden Schlachtfeldern herumgeschlagen Man will jetzt ernten, nachdem man bisher nur zugesetzt hat Und deshalb setzen sie sich doch wieder ins Flugzeug und versuchen. das Geschäft unter Dach und Fach zu bringen. Es müßte ja gehen, zum Teufel nochmal!
Der „Gi“ hat seine Raleigh ausgeraucht. Er ist müde und gelangweilt. Er haut sich auf die Couch und dreht sich zur Seite, mit dem Rücken gegen Europa.
Londoner Alltag
C. B. London, im Dez. 1945.
Ich erinnere mich noch meines Fluges von Paris nach London. Der Weg von Le Bourget nach
Picadilly kostete mich weniger Zeit und Mühe als der Kampf um einen Stehplatz in einem Pariser Vorortzug.
Meine Ankunft im Savoyhotel; ein bunt schillerndes Bild von kommenden und abfahrenden Autos, denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack oder Smoking entsteigen, Auslagen mit einer sinnverwirrenden Fülle von Dingen, die man im übrigen Europa fast nur noch dem Hörensagen nach kennt, wie feinste Toiletteseifen. Früchte, Bäckereien, Stoffe ... Lachende Menschen mit entspannten Gesichtern. Ich war überwältigt!
Am nächsten Morgen rieb ich mir die Augen Endlose Schlangen standen vor Fleischer= und Bäckerladen, vor Fischhandlungen und Schuhgeschäften, ganz wie bei uns. Ich begann mich zu erkundigen. Und die Londoner sagten mir, nicht ohne einen leisen Anflug von Stolz: „Sie sehen. daß auch bei uns alles rationiert ist. Das Leben ist noch immer schwer. Schwerer noch als zur Zeit des Krieges, der Angriffe der Luftwaffe und der V 1 und V 2. Und trotzdem kennen wir keinen Schwarzen Markt.“
Das ist das Bemerkenswerteste. Die Warenverteilung geht unbestechlich und sauber vor sich. Es gibt von allem nur ein Existenzminimum, aber dieses sicher und in ausgezeichneter Qualität. Die mustergültige Ordnung, die einem schon beim langsamen Vorrücken der Schlangen vor den Geschäften in die Augen sprang, erscheint damit gleichsam motiviert.
London in diesem kleinsten Ausschnitt seines Alltags scheint einem ein Spiegelbild des britischen Lobens nach dem Krieg Man macht sich keine ungerechtfertigten Illusionen über die Früchte dieses Krieges Man bleibt sachlich und diszivliniert, mit einem unbestechlichen Blick für die Realitäten des wirtschaftlichen und politischen Alltags Man weiß, daß ein Krieg erst dann gewonnen ist, wenn auch der Friede durch die ver
läßliche Garantie einer ferneren Verständigungsbereitschaft der Völker gesichert ist.
zu lesen, die der Krieg über Rußland gebracht hat.
Die Möglichkeiten der Atombombenpolitik las sen einem bilderreichen Vorstellungsvermögen weiten Spielraum. Und die Rassen waren nie ehantasiearm.
Doch scheint die Friedensabsicht der Russen auf richtig. Ihr heimlicher Ehrgeiz ist, der Welt zu zeigen, daß die Sozialisierungsmethoden ihres Kol lektiosystems bessere Früchte tragen als die Pri vatwirtschaft der kapitalistischen Staaten Dazu, brauchen sie Frieden.
Der Kongreß der Außenminister, der dem vorweihnachtlichen Moskau seinen Stempel aufdrückt wird davon Kenntnis nehmen müssen Aber es würde fast eines Wunders bedürfen, um alle zu beschenken und keinem etwas zu nehmen.
Wo einst Warschau stand
E. F Warschau, im Dez 1945. Berlin, das manchem als Gipfelpunkt der Zerstörung erscheint, ist im Vergleich zu Warschau noch leidlich intakt. Wenn man eine Stadt als „wegradiert“ bezeichnen darf. dann ist es Warschau Was bis zum Aufstand der Truppen des Generals Bor von der Stadt noch geblieben war. wurde nach der übergabe durch die Insurgenten methodisch, wissenschaftlich dem Erd boden gleichgemacht. Im Ghetto steht auf einer Fläche von 200 Hektar einst dicht aneinandergedrängter Wohnhäuser keine einzige Mauer mehr. Man fragt sich mit Recht ob nach einem solchen Ausmaß der Zerstörung Warschau überhaupt noch als Hauptstadt weiterexistieren wird können?
Auf manchen Gebäuden prangen neben den Riesenbildnissen Stalins und Molotows blutrote Bänder und Schleifen, die die russisch=polnische Freundschaft versinnbildlichen sollen.
Polen steht in einem Strudel von Problemen wie sie das einzigartige Schausviel eines Staates nur aufwerfen kann der sich fast über Nacht um 300 Kilometer nach dem Westen verschoben hat...
Paris erwacht
H. O. Paris, im Dez. 1945. über dem Concorde liegt ein leichter Frühnebel. der die Konturen des Triumphbogens in ein versöhnliches Grau hüllt. Einzelheiten verwischt. Der große Platz ist in der frühen Morgenstunde wie leer gefegt, wie leer gefegt ist auch das breite. schnurgerade Band der Champs=Elysees, das sich dort hinten, im entblätterten Bois, verliert.. Nur. ein paar Schutzleute in weißen Helmen und mit Leuchtstäben machen ihren letzten Kontrollgang über dem Marineministerium am Concorde weht wieder die Trikolore. das Hotel Crillon ist wieder zum Rendezvousplatz für ausländische Diplomaten geworden Hier vielleicht kommt einem am deutlichsten das optische Bild der Befreiung zum Bewußtsein, da einem der Concorde und die Chamns-Elosees aus den
Jahren der deutschen Besatzung als die Schauplätze der Wachparaden der Wehrmacht, als Treffpunkte der Generalstäbler in Erinnerung sind Seither ist alles anders geworden. Paris und mit ihm Frankreich ist aus Agonie zu neuem Leben erwacht. Denn spiegelnde Auslagen, schwirrendes Leben, das nun im wachsendem Maße aus den dunklen Höhlen der Metrogänge auf das liebgewordene, frivole, immer reizvolle Pariser Pflaster quillt, alle regsame Betriebsamkeit, die den ganzen Tag nicht mehr abreißt, können nicht über die Schwere der Krise hinwegtäuschen, die auch Frankreich diesen Winter noch durchqueren muß.
Man merkt es selbst unmittelbar, wenn der Metroverkehr für Stunden aussetzt. Mangel an Strom oder Streik? Es ist oft beides, oder manchmal das eine durch das andere direkt oder indirekt bedingt. Viele Menschen, die so eilig durch die Straßen trippeln, feiern — gezwun genermaßen, wie man hinzufügen muß, denn der Kohlen= und Energiemangel hat viele Industrie betriebe lahmgelegt. Man sieht die Pariserinne noch immer ohne Strümpfe, mit blaugefrorenen nackten Beinen und das Klinn=Klapp der Holz sohlen schlägt weiterhin den Takt zur Melodie der Boulevards.
Die Pariser haben Weihnachten vor der Tür Aber sie feiern es anders als wir Sie gehen am Heiligen Abend vorzugsweise in die Over. in gro ben erwacht. Aber spiegelnde Auslagen, schwirnachher in einem „schicken“ Restaurant und trin ken Champagner — einer der wenigen Anlässe an denen der eingeborene Franzose Champagner trinkt! Er ist mehr Export= und Nachtklubartike! und hat nie den „Pinard“, den Wein, zu verdrän gen vermocht Geschenke machen sich die Franzosen auch, aber nicht zu Weihnachten, das sie meist ohne Baum feiern, sondern zum Neuen Jahr.
Dieses Weihnachten wird noch kein Weihnachten im alten Stil werden. Aber Paris erwacht wie der. Und dann .!
Verarmtes Holland
C V. Den Haag, im Dez 1945 Keiner wird sich entsinnen können, Holland je so gesehen zu haben Holland das nach dem ersten Weltkrieg als eines der wohlhabendsten Länder dem ausgebluteten Europa die Samariterhand reichen konnte hat heute selbst Hilfe bitter nötig Ein Poradies ist in einen Friedhof verwande! worden Amsterdam Rotterdam den Haaa Arn heim Dordrecht Nimwegen bieten denselben trost losen Anblick Der blühende Garten Holland ist auf weite Strecken zum Morast geworden, seit zu sein, vor allen dem Fremden gegen=durch die von den deutschen durchstochenen Dämme über. Man meint in vielen Gesichtern die Leiden! das Meerwasser brach. Kaum wo ist der Mangel
an Kohle und elektrischer Energie so katastrophal wie hier, wo kaum ein Wald steht, wo alles eingeführt werden muß Der große Umschlaanlat Hokland auf dem sich früher die Schätze der Welt stapelten gleicht heute einem geplünderten Warenlager Die Holländer hungern und frieren In einer Straße am Rande von den Haag steht eine Villa die sich äußerlich in nichts von den Nachbarhäusern unterscheidet. In dieser Villa Sibilla“ wohnt heute die aus Enaland heim gekehrte Königin Wilhelmine. Auch Prinzessir Juliana hat ihr Kneuterdiick=Palais aufgegeben um in kleinbürgerlichen Wohnungsverhältnissen Brennmaterial zu sparen.
In dieser alles andere als tönend vorgebrachten Geste die man als eine hervorragende Eigenschafgesunder Hauswirtschaft bezeichnen möchte liegt der Ausdruck einer der stärksten Garantien für den Wiederanibau des schwergevrüften Landes Wie ihre Königin machen es auch die anderen Holländer Sie bescheiden sich sie entfalten eine umsichtige Genügsamkeit, die sie mit Hilfe der übrigen Welt, die kaum anderes als Sympathien für Holland kennt, die schwerste Wirtschaftskrift ihrer Geschichte überwinden lassen wird
Friedensbilder aus Stockholm
A. K Stockholm, im Dez. 1945.
Eingezwängt zwischen einem unglücklichen Nor wegen und einem ungeschickten Finnland und an gesichts eines Rußland, von dem es nicht wußte ob es ihm Sieg oder Niederlage wünschen sollte in Unruhe vor Deutschland dessen geschäftsmäßi ges Lächeln eine kaum verhüllte Drohung bara ten Europa hat Schweden seine Neutralität auch im zweiten Weltkrieg wahren können.
Man kommt nach Stockholm und vergißt den Krieg. Man erleht eine Weltstadt im Frieden über der ein ewig gleich strahlender. glücklichen Himmel zu lächeln scheint. Man atmet förmlick wieder den Anblick schöner genfleater Menschen sagenhafter Auslagen und einer Metrovole, die einen. allerdings abends nur ein wenig an die Lichtorgien New Yorks erinnert Man steht im zentrum Stockholms, auf seinem größten Platz vie im Mittelpunkt einer riesigen Drehscheibe, un in einem non Bomhen und Granaten umgenflüg sieht in blitzenden Refleren elegante Wagen vor beihuschen, man geht durch die Straßen und be grüßt wie einen alten Bekannten das Riesen hermometer am „Gulf“,
Bei unserer Ankunft in der amerikanischen Superfestung, die von den Schweden nach eine Notlandung auf ihrem Territorium angekauf worden ist. auf dem Stockholmer Flugplatz Brom ma hatte uns der Zollbeamte vielfarbige Kuvonin die Hand gedrückt, für Fleisch, Butter. Eie und Brot Diese Artikel sind auch in Schweden rationiert doch dafür gibt es überfluß an Fischen in allen Zubereitungsarten, an herrlicher Nost
milch, an markenfreien Bäckereien feinster Qualität und an Kartoffeln dank einem ähnlich dem Schweizer Wahlen=Plan durchgeführten Bewirt
schaftungsfystem
Die für den Schweden selbstverständliche strenge Beachtung der Rationierungsvorschriften, die jeden Schwarzhandel ausschließt, ist ein Abbild des Vertrauenspaktes den das Volk mit seinen Regierungsbehörden geschlossen hat. Man ist dort so weit von jedem Auswuchs der Bürokratie, von jeder übertreibung, von jeder Schikane Es ist beschämend, wenn man es sagen muß, aber diese Feststellung drängt sich einem geradezu auf, wenn man aus dem in Vorschriften. Beschränkungen und Wichtiatuerei geradezu erstickenden übrigen Europa kommt; man hat in Schweden überall den Eindruck, in einem höchst vernünftigen Staatswesen zu leben, in dem keiner eine überflüssige jeder eine von höchst nützlicher Tätigkeit ausgefüllte Funktion hat. — Was man beileibe nicht
als übertriebenes Verdienst Schwedens oder einen angeekelten Vorwurf an Europa auffassen möge Denn mit Schweden hat sich eines jener Wunder ereignet das manchmal in einem erbarmungslosen Hagel der Vernichtung ein Por#####angefäß nerschant
Auf der Innsbrucker Straßenbahn „Wozu soll ich denn auch noch Fahrgeld zahlen, wenn ichich schon den ganzen Weg gegangen bin; weil S’ alleweil geschrien haben: Weiter einigehn, vorgehen, durchtreten!“
Der Christbaum
Von F. W. Flomm
Am Christbaummarkt, da fand Herr Klug Nicht einen Baum, der schön genug.
Drum kam er mit der Säge Dem Förster ins Gehege.
2. Das Auge des Gesetzes wachte, Was Klug in große Eile brachte.
Moskau im Kongreßfieber
A R Moskau, im Dez. 1945.
Wer die russische Metropole lange nicht gesehen hat, erkennt sie, zumindest in ihrem Kern kaum wieder. Nur die ungeheure Silhouette des Krem erinnert noch an das Prafil des alten Moskau und das Große Theater und in den Vorstädten hat das Leben noch ein wenig von der fatalistischzeitlosen Unbekümmertheit von einst Moskau erscheint modernisiert Es ist als seien alle Anstren gungen der Sowiets, hier zum konzentriertesten Ausdruck ihres Leistungswillens zusammenge strömt. Gebäude die wie unvollendete Wolken kratzer in den schmutziograuen Dezemberhimme ragen erhöhen noch die eindrucksvolle Würde der russischen Hauptstadt Die hochmoderne Unter grundbahn sucht ihresgleichen in der Welt. Die Menschen scheinen ernster und wortkarger
Um weit"res Aufsch"n zu vermeiden,
Mußt’ er das Bäumchen kürzer schneiden.
Noch immer fiel das Bäumchen auf, Herr Klug entflob in schnellem Lauf.
Doch schließlich schien es ihm zu glücken, Es allen Blicken zu entrücken.
Zu Hause fühlt er sich als Held.
Der Baum jedoch nicht mehr gefällt. Die Frau Gemahlin sagt betrübt,
Daß es am Markt so schöne gibt. 1.