Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.104
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Seite 2 Nr. 158
Tiroler Tageszeitung
Freitag, 28. Dezember 1945
Operalion oder Medizin?
Ein Beitrag zur Währungsreform
Am Rande des Nürnberger Prozesses
Von unserm Sonderberichterstatter Didier Lazard
Herr M. B. hat in Nr. 149 der „T. T.“ zu den Ausführungen Dr. Tauchers=Graz einige Gedanken geäußert und damit über ein, allen Staatsbürgern Österreichs sehr nahegehendes Problem die Diskussion eröffnet. Wenn auch anzunehmen ist, daß die Berufenen bereits feste Pläne über die notwendigen Maßnahmen hegen, um Österreichs Schillingwährung jene Basis zu sichern, der sie bedarf, um sowohl im Inland als auch im internationalen Verkehr jene Stabilität zu erreichen, welche erst den Wert des Geldes ausmacht, so ist eine Beleuchtung des Problems von verschiedenen Quellen der betroffenen Bevölkerung doch sicher sowohl interessant als auch von Nutzen.
„Starke“ oder „schwache“ Währung?
Es ist klar, daß zur Sanierung der Währung nicht der Weg Dr. Schumpeters eingeschlagen werden wird (Krone ist Krone!) und auch nicht jener vom Jahre 1924 (10.000 Kronen ist gleich 1 Schilling). Im Grund genommen hat der neue Schilling mit dem alten nichts weiter gemein als den Namen. Maßgebend hingegen erscheint die überlegung, ob die neue Währung „stark“ oder „schwach“ aufgerichtet werden solle. Die Erfahrung lehrt und ist insbesondere von 1918 bis heute bei der Tschechoslowakei zu verfolgen möglich, daß volkswirtschaftlich eine schwache Währung günstiger erscheint als eine starke. Wenn man sich zu diesem Grundsatz entschlösse, so wäre wenigstens zum Teil die sonst sehr schmerzliche Abschöpfung erspart, welche angesichts der noch nicht genau
bekannten, aber doch sehr bedeutenden Summe an in Österreich im Kurs gewesenen Reichsmark unvermeidlich sein dürfte. Die Handelsbeziehungen, welche Österreich in nächster Zeit hauptsächlich auf seine Grenznachbarn verweist, legen den Gedanken nahe, daß eine aquivalente Währung mit der Tschechoslowakei — also 1 österr. Schilling gleich einer Tschechenkrone — eminente Vereinfachungen im Handel und Wandel mit sich brächte. Da auch Ungarn in absehbarer Zeit an die Neustabilisierung seiner Währung herantreten wird, würde sich wahrscheinlich auch dieses Wirtschaftsgebiet aus praktischen Rücksichten auf der gleichen Linie bewegen und dadurch wenigstens volkswirtschaftlich ein Territorium umfaßt werden, das jenen Ausgleich seiner Bedürfnisse auf
einfache Weise fände, was es nach Zertrümmerung der Monarchie schmerzlich empfinden mußte.
Gerechte Verteilung der Lasten!
Es ist aber anzunehmen, daß selbst die Abwertung des neuen Schillings im Vergleich zum alten noch eine Verminderung des Geldvolumens nötig machen wird. Die nach dem Schillinggesetz verfügte Sperre über einen Großteil des Volksvermögens und die Teilung desselben in alte, mittlere und neue Kontoarten kann nur als eine Vorsichtsmaßregel aber keineswegs als der Weisheit letzter Schluß aufgefaßt werden. Diskutabel und tragbar wäre eine summarische Abwertung oder Abschöpfung, welchem der Altbesitz zum Opfer fiele, keinesfalls, selbst dann nicht, wenn der Neubesitz in höherem Maße zur Sanierung der neuen Währung beitragen müßte. Vollem Verständnis in der Bevölkerung wird nur jener Weg begegnen, welcher klar und ohne Winkelzüge die Last auf alle
Schultern gerecht zu verteilen vermag. Solche Absichten können nicht nach Alexanderart mit dem Durchhauen des gordischen Knoten erreicht werden, sondern bedürfen der Geduld und der Zeit, um aufgelöst zu werden. Eine hiezu noch immer als günstigster Weg befundene Art bildet die Steuermaßnahme. Sie bietet trotz ihrer Unbeliebtheit dem Finanzminister jenes Instrument, mit dem die Abschöpfung des
derzeit überschüssigen Währungsvolumens am schonungsvollsten erfolgen und am sichersten reguliert werden könnte. Die Vorschreibung einer Deflations=Auflage in der Art der Warenumsatzsteuer, deren Ertrag zur Einziehung und Vernichtung bestimmt wäre, würde in annähernd errechenbarer Zeit zur Einschränkung des Banknotenumlaufs führen, welcher notwendig erscheint. Da die neue österreichische Währung aller Wahrscheinlichkeit nach auf längere Zeit eine solute Kreditwährung bleiben dürfte, die im Verkehr mit dem Ausland die Lenkung von staatswegen leider unentbehrlich macht, ist einen Stabilisierung derselben weder zwingend notwendig noch vorteilhaft.
Ansammlung einer Gold= und Dev fenreserve
Wenn man anderseits nicht zu einer absoluten Binnenwährung seine Zuflucht nehmen will, so wird die Ansammlung eines Goldstokkes und Devisenportefeuilles unvermeidbar. Wie weit zu ersterem das Inlandsaufkommen beizutragen vermag, ist eine schon nach dem ersten Weltkrieg reichlich umstrittene Frage gewesen. Es ist selbstverständlich, daß ihr vollstes Augenmerk gewidmet werden wird. Zum kleinen Teil könnte versucht werden, den Goldbesitz in Privathand auf einwandfreiem Weg zu mobilisieren. Da die Goldmünzen bis auf weiteres keine Aussicht haben, in Umlauf zu kommen, so ist selbst dann, wenn man die österreichische Währung als reine Goldwährung erklärte, im Verkehr keine Veränderung zu erwarten. Die Auflegung von österreichischen Goldstücken
könnte daher ohne weiteres ausgesprochen werden — deren Prägung allerdings suspendiert bleiben. Freigestellt wäre es dadurch aber Privatpersonen, gegen Einlieferung effektiven Goldes unter Entrichtung eines gewissen Schlagschatzes, solche Münzen prägen zu lassen. Diese Erlaubnis bedeutet keine Neuigkeit im üblichen Sinne. Im offiziellen Verkehr hätten die Münzen al pari mit dem Papierschilling Nominalwert. Da diese Goldmünzen für den Staat jodoch erst Wert gewännen, wenn sie in seinen Besitz übergehen, müßte ein Anreiz geboten werden, die Münzen in die Staatskassen fließen zu lassen. Diesen Zweck zu erreichen, würde sich ein Weg darin eröffnen, daß der Einkauf gewisser Waren ausländischer Herkunft an die Bezahlung in effektivem Gold gebunden
würde, z. B. Genußartikel (nicht aber Nahrungsmittel), Kleidung. Schmuck (auch unecht), Luxusartikel mdgl. m. Die technische Durchführbarkeit bedürfte gewisser Voraussetzungen, so einer kleiner Stückelung der Goldmünzen nach Art der USA.=Dollars, dann Goldbonds der Nationalbank usw., wie auch zolltechnische Kontrolle dieser Waren.
Das Ziel
Wenn also einerseits durch eine Deflationsabgabe der Zweck erreicht werden soll, die Goldmenge zu verkleinern und an ihrer statt den Geldumlauf zu beschleunigen, so würde die sukzessive Anschaffung der üblichen Golddeckung die Aussicht erhöhen, nach und nach die Zwangswirt=, schaft aufgeben zu können und dem freien Kaufmann wieder die Welt als angestammtes Schaffensgebiet zu erobern: Hauptsache aber bliebe der eingangs erwähnte Zweck aller Maßnahmen, das schwer angeschlagene österreichische Volk aus den Folgen eines unverschuldeten, verlustreichen Krieges möglichst schonend in eine existenzfähige Zukunft überzuführen. R. T.
Zwei Beispiele
Wir erhalten folgende Zuschrift:
In Währungsangelegenheiten erscheint es ausgeschlossen, daß der Kapitalist und die ärmsten
Nürnberg, Ende Dezember.
Sarah Bernhardt, Foch, Roosevelt oder Gandhi
— ich habe den Mann gesehen, der an alle Großen der Welt heranreicht. Ist er Minister, Gesandter oder Kirchenfürst? —
Der Teppich seines Zimmers ist groß und weich
— Hitler ist oft darüber gegangen. Er stammt aus dem Hauptquartier der Nationalsozialistischen Partei in München Ein wunderbarer italienischer Damast, beigef rben und schillernd, bedeckt die Wände. Bei wem bin ich eigentlich? Ich bin bei Major Robert Vincent, Kommandant in der amerikanischen Armee, tonangebend im Nürnberger Prozeß.
Alles, was in diesem Zimmer gesprochen wird, wird sofort in sechs Ausfertigungen registriert. um später den historischen Archiven zu dienen. Schon jetzt sprechen die übersetzer und Stenographen der verschiedenen Delegationen dort vor, um ihre Sitzungsberichte zu korrigieren und zu vervollständigen. Jede Woche werden mehr als hundert Schallplatten in ihre Fächer eingereiht und mehr als sechzig Filme in ihre Schachteln. Der Major zeigte mir selbst eine kleine Maschine die auf einem schmalen Band registriert.
Ich will mich nicht über die technischen Probleme auslassen, die da gelöst werden mußten Jeder der vier übersetzer muß in der Lage sein. zu hören, was in eines der acht im Saal aufgestellten Mikrophone gesprochen wird. Das ist die für eine sofortige übersetzung unerläßliche Bedingung. Und jeder der 600 Anwesenden muß wieder hören können, was einer der acht Sprecher oder einer der vier übersetzer gesagt hat. Major Vincent gibt zu. nicht zu wissen, wie viele Kilometer Draht nötig waren, um diese Vorrichtungen zu konstruieren!
In San Franzisko hatten die Abgeordneten ebenfalls Hörer zur Aufnahme in mehreren Sprachen, aber die übersetzungen erfolgten nacheinander. Dank der gleichzeitigen übersetzung in vier Sprachen dauert der ohnehin schon langsam ablaufende Prozeß dreimal weniger lang als sonst.
Die Reserven der amerikanischen Industrie
Der Präsident der amerikanischen Arbeiterorganisation erklärte, die amerikanischen Industriellen verfügten gemäß den Statistiken über Reserven, die von 17 Milliarden im Jahre 1931 auf 50 Milliarden im Jahre 1945 angestiegen sind.
Ein Enkel der Königin Viktoria verhaftet Wie der amerikanische Rundfunk meldet, wurde der Herzog Karl Eduard von CoburgGotha, ein, Enkel der Königin Viktoria in Haft genommen. Der Herzog war Präsident des deut
des Volkes gleichmäßig nach Schema F behandelt werden. Beweisführend dafür sprechen nachstehende lebenswahre Beispiele:
A. Vor dem Kriege Besitzer eines kleinen Unternehmens im Werte von zirka 50.000 Schilling mit Schulden. Der Betrieb wurde als kriegsnotwendig befunden und der Inhaber uk. gestellt. 4 konnte während des Krieges Maschinen einstellen, erhielt billige Arbeitskräfte durch das Arbeitsamt zugewiesen und war in der Lage, Lebensmittel im Schleichhandel einzukaufen, so daß er eigentlich vom Kriege wenig zu spüren bekam. Am Ende des Krieges besaß er ein Bankguthaben
von 50.000 Mark. Nun sieht er mit königlicher Ruhe der Abwertung entgegen.
B. Vor dem Kriege Arbeiter wurde zu Beginn des Krieges zur Kriegsdienstleistung eingezogen und mußte fünf Jahre lang bei geringem Lohn acht= bis zehnstündige schwere Arbeit verrichten. Seine Frau mit zwei Kindern darbte und sparte, konnte das Notwendigste für die Familie nicht nachschaffen, so daß ihnen am Ende des Krieges 5000 Mark Ersparnisse verblieben. Nun sieht B
Es müssen nur Regeln aufgestellt werden, die uuch für den Vorsitzenden bestimmend sind. Das Aufleuchten einer gelben Lampe bedeutet: „Bitte. langsamer sprechen, die Dolmetscher können nicht folgen.“ Das Aufleuchten einer roten Lampe: „Halt, ein Dolmetscher hat den Faden verloren.“
Man wird sich unschwer einen Begriff von der geistigen Anspannung machen können, die die Arbeit der übersetzer erfordert. Sie ist so groß, daß sie sich nach einem halben Tag Ruhe einen halben Tag lang in einem anstoßenden Raum in Reserve halten, bereit, in Erscheinung zu treten, wenn sie benötigt werden. Diese Zeit der Bereitschaft benützen sie, um sich über die Vorgänge auf dem Laufenden zu halten, da bei der nächsten Sitzung die Reihe wieder an ihnen ist. Und der Kreislauf beginnt von neuem.
Aber kehren wir zu Major Vincent zurück. Seine Berufung geht bis in die Zeit seiner Kindheit zurück, wo er die Bekanntschaft Edisons machte, der 1877 den Phonographen erfunden hatte. Edison hatte ihn vor allem dafür ausersehen, die Stimme berühmter Persönlichkeiten vor der Vergessenheit zu bewahren. Er hatte niemals gedacht, daß sein „Registrierapparat“ ein Instrument musikalischer übertragung werden könnte. Er legte eine in der Welt einzig dastehende Sammlung von Schallplatten an, die Major Vincent fortsetzt. Ist es übrigens bekannt, daß einer der letzten technischen Fortschritte die Erfindung unzerbrechlicher Schallplatten ist?
Wenn ich Major Vincent sprechen höre, denke ich an die Beobachtungsergebnisse der Psychologen und Philosophen über die Eigenheiten der menschlichen Stimme. Es gibt noch ganz etwas anderes als die Schönheit der Klangfarbe oder den Zauber der Klangfülle. Es gibt Einflüsse, die aus den tiefsten Wurzeln des Seins selbst kommen, ähnlich denen, die wir in einem Blick fühlen. Vielleicht kommt der Tag einmal, an dem diese Unwägbarkeiten von Bedeutung für die Wissenschaft werden.
schen Roten Kreuzes und bekleidete den Rang eines Generals in der SA.
Atomenergie gegen Krebs
Prof. Ernest Lawrence von der Universität Kalifornien teilte mit, daß das Riesen=Zyklotron, mit dem das erste Pluton für die Atombombe hergestellt wurde, jetzt zu chemischen Zwecken verwendet werden soll. Es soll der medizinischen Forschung, vor allem der Erforschung von Krebskrankheiten dienen. Zweifellos wird mit der neuen Methode zur Heilung gewisser Arten von Krebskrankheiten beigetragen werden,
und seine Familie mit Bangen der Geldentwertung entgegen, weil sie wissen, daß der kleine Sparer stets der Leidtragende war.
Wenn ein Volk in finanzieller Not ist, dann müssen die Besitzenden wissen, daß sie in erster Linie für die ärmsten des Volkes Opfer zu bringen haben. Sie waren es, die im Kriege große Gewinne erzielt haben. Durch den Lohnstopp konnten sie die Arbeitskraft des arbeitenden Volkes gesetzlich ausbeuten. Infolgedessen hat sich in ihren Schichten ein Geldüberhang angesammelt und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn dieser Geldüberhang vom Staat restlos weggesteuert wird. Für die großen Massen des Volkes bestand keine Möglichkeit, überflüssiges Geld anzusammeln. Die Ersparnisse, die sich in Händen des arbeitenden Volkes befinden, sind sauer verdient und nur deshalb vorhanden, weil die notwendigsten Dinge nicht gekauft werden konnten. Das Kleingeld
der großen Massen darf unter keinen Umständen entwertet werden. Einerseits aus Gründen der Menschlichkeit, anderseits zum Erhalt der unbedingt notwendigen Konsumkraft.
NUEFAUP ALIEFWEIT
Jerde StxiC un Er
12 Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
Die Frau jedoch, die Rotmundin? Ihm verwandt durch Schicksalserfahrung! Ihm ehrenwert, weil sie durch Art und Tat zur Hochachtung zwang. Ihm vertraut, weil sie Vertrauen gab und forderte. Nur — an Jahren ihm voraus. Und — nein in dem Licht, in dem Pankraz die Dinge sah, hatte er sie nie gesehen. Er war kein Kostverächter. Ein hübsches Weibsgesicht, nun ja! Aber eine einzige und für immer! Ein leiser Schauer überlief ihn.
Da nahm Pankraz, der Hirt, die Pfeife aus dem Mund und sagte mit einem sinnenden Ausdruck: „Manche würden Gott danken, wenn sie an Eurer Stelle wären.“
Sein Ernst machte Markus Eindruck. Man konnte nicht vorbeihören. Es war einem, als würde man gewarnt, nicht am Glück vorüberzugehen. Er stand auf. Seine Gedanken zogen ihn fort in irgendeine Stille, wo er allein mit ihnen sein konnte. Sie spannen ihn so ein, daß er des anderen völlig vergaß und ohne Gruß über die Ebene dem einsamen Nebental, dem Sollagrund
lenderte.
inkraz schaute ihm nach. Der war noch jung, te er. Der war vielleicht so wenig der Rechte, es Xaver Rotmund gewesen war. Wo habt Eure Augen, Frau Sixta? zündete bedächtig die Pfeife neu an, die
erloschen war.
Fünftes Kapitel
Das waren Dinge, die einem am Tag die Arbeitslust und nachts den Schlaf nehmen konnten. Manchmal, wann Markus Graf Frau Sixta sich ihm nähern sah, stahl er sich beiseite. Manchmal, wenn er auf dem Grauschimmel ausritt, entfernte er sich stundenweit vom Brückegut und dachte daran, das Pferd heimzusenden, selbst aber ohne Abschied und ohne daß einer wußte wohin, auf und davon zu gehen. Aber sein Herz war dazu nicht fest genug Es hing an der Frau, aus deren Garn er sich befreien wollte; denn im Grunde wußte er ja noch nicht, ob er und der Hirt nicht fehl gesehen. Frau Sixta vergab sich nichts. Sie schenkte ihm Vertrauen. Sie betraute ihn mit Aufträgen, wenn er fortritt. Einmal ließ sie ihn erraten, daß der Talammann Furrer und andere gern ihre
Witwenschaft abkürzen würden. Aber alles geschah mit Zurückhaltung, mit einer fernen, kühlen Freundlichkeit. Einmal sagte sie: „Man gerät in die Welt hinein, bevor man sie versteht, und wenn man sie verstehen lernt, sind ihre Türen zugefallen und es nützt nichts mehr, daß man erkennt, man sei durch die unrichtige hereingekommen.“
Markus sah, daß sie den Drang hatte, gerade ihm etwas von ihrem Innersten aufzutun. Das stimmte ihn dankbar und zog ihn an. Aber wenn sie allmählich einander doch näher kamen und er etwas von seiner Scheu verlor, so konnten sie im Grunde wenig dafür. Etwas außer ihnen Liegendes spann sie ein. Vielleicht war es das heimliche Flüstern ihrer Umgebung, das ihnen nicht verborgen blieb, vielleicht nur die Tatsache, daß sie der Bildung nach einander ebenbürtiger waren als die übrigen Hausinsassen. Sie mußten in der Einsamkeit des Hochgebirgs eines des anderen Gesellschaft als eine
Zerstreuung empfinden. Markus lebte sich in die Geschäfte ein, und sein vernünftiger Rat zeigte sich da und dort nützlich. Zuweilen saßen sie jetzt abends einander in der Hinterstube der Wirtin gegenüber und besprachen Vorgänge des Tages und erledigte oder noch der Lösung harrende Angelegenheiten. Wenn die Geschäfte abgewickelt waren, wurden sie aber manchmal plötzlich der Tatsache ihres Alleinseins inne; und aus einem unvermutet zwischen sie fallenden Schweigen stieg ihnen eine jähe Befangenheit, die sich ihnen einen Augenblick vor den Atem legte.
An einem solchen Abend kamen sie auch wieder auf die Otti, die Tochter der Frau Sixta, zu sprechen. Geschäftliche Dinge hatten sie so in Anspruch genommen, daß sie nicht bemerkt hatten, wie die Stube dunkler geworden. Auf einmal sah Markus den Alpstein drüben im letzten Rot der Sonne stehen. Er fuhr unwillkürlich herum und sagte: „Es ist schon eine wunderbare Welt hier oben.“
Da erinnerte sich Frau Sixta eines Briefes. den sie heute bekommen Der Mund ging ihr von dem über, von dem ihr Herz voll war. „Das findet meine kleine Tochter auch“, antwortete sie Markus. „Ich hätte nicht gedacht, daß sie, die nur kurz hier gewesen, so hier festgewachsen wäre.“
„Vielleicht bekommt man von der Scholle, auf der man geboren ist, einen geheimen Saft mit, der in einem wirksam bleibt“, meinte Markus.
„Mag sein. Dann hat ihn die Otti. Sie schreibt, daß sie nicht im Kloster bleiben wolle.“
„Haltet Ihr das für einen Nachteil?“
„Für ein Unglück. Wieviel leichter hat es der Mensch in der Stille!“
Während sie das noch sprach, fiel ihr ein: Wenn die Otti einen Vater hätte, der ihr ein Freund wäre! Sie selbst hatte es nicht so gut gehabt. Sie richtete die Augen auf Markus. Sie hatte sich in seine Gesellschaft hinein gelebt, sich an sie gewöhnt. Sie wußte, daß etwas an ihm war, was sie anzog Gefühle erwachten, die seit einiger Zeit schon, ihr noch kaum bewußt, sie behelligt hatten. Sie hatte sich einmal auf dem Gedanken ertappt, ob Markus nicht der Nachfolger für den werden könnte, den sie ohne Leid begraben? Aber sie war kein mannstüchtiges Weib. Sie hatte Gewalt über sich. Und sie hielt ihr Herz auch jetzt fest in der Hand. Sie spürte, daß es schlug, aber das raubte ihr die klare überlegung nicht. Der da ihr gegenüber war jünger als sie! Er war ein Nirgendher und
Nirgendwer. Die Leute würden sagen, daß sie einen Knecht —
„Ich meine, die böse Welt zu erleben ist mer noch besser, als aus ihr ausgeschlossen zu sein“, unterbrach hier Markus ihr Nachdenken, wiederholend, was er ihr mit Bezug auf Otti schon einmal gesagt.
Und Frau Sixta war wiederum betroffen. „Also gegen meine überzeugung, meint Ihr", sagte sie, „sollte ich dem Kind den Willen tun?
„Ja“, antwortete Markus kurz. Im Grunde
war ihm die Unbekannte im Kloster gleichgültig, sie nahm vor seinem Blick nicht Gestalt an. Sie kümmerte ihn nicht. Er hörte Frau Sixtas Atem gehen. Das regte ihn auf. Die Leuterdeten dachte er. Und hier saßen sie nun allein. die
Frau Sixta schwieg Sie dachte noch Otti. Aber auch sie bedrückte die eingetretene Stille.
(Fortsetzung folgt!)