Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.108
Suchen und Blättern in knapp 900 Ausgaben und 25.000 Seiten.
Gesamter Text dieser Seite:
Seite 2 Nr. 159
Tiroler Tageszeitung
Samstag, 29. Dezember 1945
Dr. Omor Schinel
Ein ##esprach im Ar berg=Exer ß
Georges Dumaine, der Mitarbeiter der „L"aube“, hatte im Arlberg=Expreß, in dem Dr. Guido Schmidt aus dem Gefängnis von Lindau nach Wien überführt wurde, eine etwa dreiviertelstündige Unterredung mit dem ehemaligen Außenminister, der wir folgende interessante Einzelheiten entnehmen:
„Der traurige Totengräber von Berchtesgaden, der im Februar 1938 nicht nur sein Land, sondern auch seinen Jugendfreund, den Kanzler Schuschnigg, verriet, hat sich nicht sehr verändert.
„Ich, ein Verräter?“ — sagt er — „Machen Sie Witze? Es gibt keinen besseren Österreicher als mich. Februar 1938, Danzig? Was konnté man denn schon anderes machen, als nachzugeben? Wissen Sie, daß Lord Halifax uns beschwor, nachzugeben? Wissen Sie, daß die Botschafter Frankreichs und Großbritanniens täglich bei uns vorsprachen, um uns zur Annahme der Bedingungen Hitlers zu bewegen, nur um Zeit zu gewinnen? Und was hätten wir machen können? Uns mit unseren 100 Flugzeugen und 30.000 Mann verteidigen?“ „Darum handelt es sich nicht. Man wirft Ihnen vor, Berchtesgaden vorbereitet zu haben, dorthin gegangen zu sein, obwohl Sie genau wußten, was Sie dort erwartete, und Schuschnigg dorthin gelockt zu haben.“
Er will nicht antworten und wie einst, weicht er aus:
„Schuschnigg ist ein großer Europäer und ein großer Österreicher. Ich werde ihn als Zeuge zu meinem Prozeß vorladen lassen.“
Schmidt drückt seine Zigarette aus und zündet eine neue an.
„Ob ich um Schonung für ihn gebeten habe? Aber sicher, fast täglich! Hitler wollte davon nichts wissen und Göring ebensowenig. Nach Benesch war Schuschnigg Staatsfeind Nr. 1.“
„Da Sie doch zugeben, daß er Ihr Freund war, warum haben Sie zugestimmt, einem Regime zu dienen, das ihm feindlich gesinnt war?“
Bernard Shaw wünscht neues Alphabet
George Bernard Shaw ersuchte die britische Regierung, ein Komitee zu ernennen, das ein neues Alphabet entwerfen soll, in dem jeder Laut unserer Sprache mit einem leicht zu schreibenden Lautzeichen ohne Pünktchen und Tüpfelchen geschrieben werden kann. So ein Alphabet würde bald durch eingesparte Zeit die Kosten des Krieges einbringen!
„Ich habe mich ja geweigert, dem Ministerium Seyß=Inquart anzugehören. Ich habe in der Folge einen einfachen Posten in der Industrie angenommen, da ich arbeitslos war und meine Familie ernähren mußte.“
„Welchen Posten?“
„Den eines stellvertretenden Direktors.“
(Wir wissen, daß er ein Magnat der Kriegsindustrie war.)
„Was ich verdiente? Zwischen 500.000 bis drei Millionen Mark im Jahr. Ja, das ist viel, aber ich war doch ehemaliger Minister. Sie haben wohl nicht erwartet, daß ich als Büroschreiber ginge.“
Dann frage ich Guido Schmidt, ob er bei der Unterzeichnung des übereinkommens vom 11. Juli 1936, das bei Anerkennung der österreichischen Souveränität die Enthaftung der gefangenen Nazis und den Vertrieb nationalsozialistischer Zeitungen Österreich erzwang, an die guten Absichten Deutschlands glaubte.
„Natürlich hat mir alle Welt die Rolle, die ich spielte, vorgeworfen. Aber was habt denn Ihr, die Sieger von heute, gemacht um Hitler an der Ausführung seiner Absichten zu hindern? Haben sich Chamberlain, Daladier, Halifax aufgelehnt? Ich tat, was ich konnte und ich habe für Österreich Opfer gebracht. Ich habe, als glänzender Diplomat (sie), Legationssekretär mit 23 Jahren, Minister mit 36, der diplomatischen Karriere entsagt.“
Dies ist wahr. Aber er hat bei diesem Tausch nichts verloren, und es ist wohl mehr als wahrscheinlich, daß der schlaue, vorausblickende Schmidt die ruhige Sicherheit in der Industrie der exponierteren Stellung eines Diplomaten vorzog.
„Ich habe nie an einen deutschen Sieg geglaubt“, sagte er noch.
Und über seine nächsten Zukunftspläne befragt: „Ich gehe nach Wien, um mein Leben und meine Karriere fortzusetze
Vorrang für Penicillinerzeugung
Washington, 28. Dez. Da die in der ganzen Welt vorhandene Nachfrage nach Penicillin die gegenwärtigen Erzeugungsmöglichkeiten übersteigt, gab das USA.=Produktionsamt bekannt, daß es im Interesse einer Produktionssteigerung den Penicillinerzeugern und den Gründern neuer Penicillin=Fabriken eine besondere Vorzugsbehandlung einräumen werde.
Wede einführung der Broteasionierung in Fra kreich
Paris, 28. Dezember AND. Das „Amtsblatt veröffentlicht heute eine Verordnung, auf Grund derer in Frankreich, wo seit November Brot ohne Marken zu kaufen war, mit Wirkung vom 1. Jänner die Brotrationierung wieder eingeführt wird. Die Höhe der Zuteilung geht aus dieser Ankündigung noch nicht hervor. In diesem Jahre betrug die Ernte nur 35½ Millionen Scheffel. Zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Brotrationen von 350 Gramm pro Kopf sind jedoch 60 Millionen Scheffel erforderlich. Die aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien eingeführten Mengen betrugen, statt wie vorgesehen, 2 Millionen Scheffel pro Monat, in den vergangenen fünf Monaten nur 6½ Millionen Scheffel.
Die neue Armee in Fronkreich
„Epoque“ macht über die Reorganisation der französischen Armee folgende Mitteilungen:
Dienstzeit: 14 Monate. Einberufung mit 19 Jahren, am 1. April. Ausbildung in Lagern.
Mannschaftsstand: Marine 65.000, Heer 500.000, und zwar: Wache und Gendarmerie 55.000, Nordafrika 100.000, Kolonien des Fernen
Ostens 120.000, besetztes Deutschland 120.000, Hauptstadt 85.000. Stammpersonal: 25.000 Offiziere. Beförderung ausschließlich durch Wahl.
Demobilisierung: Vor dem 1. Februar 1946 die Klassen vom 3. Quartal 1939 bis 1942: 100.000. Vor dem 1. Jänner 1946: 10.000 Reserveoffiziere. Innerhalb drei Monaten: 10= bis 15.000 aktive Offiziere.
Die Einberufung der Klasse 1944 ist vorgesehen.
Dies die Zusammenfassung der anläßlich der Beratungen der mit der nationalen Verteidigung betrauten führenden Persönlichkeiten zur Verfügung gestellten Informationen.
AUlS GSTERREICH
Dr. Otto Ender ein Siebziger
Am 24. Dezember hat der ehemalige Bundeskanzler Dr. Otto Ender in Bregenz seinen 70. Geburtstag begangen.
Universitätsprofessor Dr. Johann Haring?
Graz, 28. Dez. In Wettmanstätten, seinem Geburtsort, ist der emeritierte Universitätsprofessor und ehemalige Rektor der Grazer Universität, Dr. theol. et jur. Prälat Johann Haring im 79. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war ein bekannter Fachmann auf dem Gebiete des Kirchenrechtes.
Die Siadmsierung der Wenwirtschaft
Wesen und Ziele der Bretton=Woods=Abkommen
New Yorb, 28. Dez. Die am Donnerstag in Washington unterzeichneten Abkommen von Bretton Woods sind als wesentliche Bestandteile der internationalen Struktur anzusehen, die von den Vereinten Nationen zur Sicherung des Weltfriedens und des allgemeinen Wohlstandes aufgebaut wird. Durch diese Abkommen sollen Ordnung und Stabilität in den internationalen Währungsbeziehungen gesichert und eine Ausweitung des Welthandels und der Investitionstätigkeit ermöglicht werden. Sie sehen die Schaffung eines internationalen Währungsfonds und einer internationalen Bank für Wiederaufbau und wirtschaftliche Entwicklung vor. Durch den Währungsfonds soll die internationale Zusammenarbeit auf dem Währungsgebiet gefördert, die Ausweitung und Vermehrung der
Handelsbeziehungen erleichtert, die das Wachstum des Welt
Das Erdbeben in Innsbruck
Seine Ursache und Auswirkungen. — Innsbruck im Schnittpunkt der Beben=Straße. — Kein Grund zur Beunruhigung
Von Dozent Dr. Guido Hradil
handels behindernden Devisenbeschränkungen beseitigt und den Mitgliedstaaten ermöglicht werden, ihre Zahlungsbilanzen im Gleichgewicht zu halten. Der Fonds wird auch als eine Zentralstelle fungieren, bei der die Währung eines anderen Staates ausgetauscht werden kann. Zu diesem Zweck werden dem Fond Reserven in Höhe von 8,8 Milliarden Dollar zur Verfügung stehen, die von den Mitgliedstaaten in einem von der Konferenz festgelegten Verhältnis gezeichnet werden.
Dem Fonds werden alle jene Staaten angehören, die bei der Konferenz vertreten waren und die die Mitgliedschaft bis zum 31. Dezember 1945 offiziell annehmen. Die Mitgliedschaft wird aber auch den Regierungen anderer Länder offen stehen. Der Zeitpunkt und die Bedingungen für den Beitritt solcher neuer Mitglieder werden durch den Fonds geregelt. An der Leitung der Geschäfte des Fonds sind alle Mitglieder beteiligt
Wieder einmal wie schon oft in früheren Ic ren hatten wir am 25. d. M. das Erlebnis eines Erdbebens. Um halb 10 Uhr abends ging eine kurze stoßartige Bewegung, gefolgt von den charakteristischen wellenförmigen Erschütterungen des Untergrundes, über unsere Gegend. Allen, denen ein derartiges Erlebnis aus früheren Jahren bekannt war, wurde es sofort klar, daß es sich um ein richtiges Erdbeben gehandelt hat. Die Erscheinung war im Verhältnis zu früheren derartigen Begebenheiten von sehr kurzer Dauer.
Erdbeben entstehen zumeist durch plötzliche, in ihren Ursachen nicht übersehbare Auslösungen von Spannungen innerhalb der Erdkruste (tektonische Beben). An vielen Stellen der Erdkruste bestehen noch aus der Zeit der Gebirgsbildung und den damit verbundenen Auffaltungen derartige Restspannungen, die gewissermaßen nur darauf warten, bei gegebenen Gelegenheiten in den statischen Gleichgewichtszustand zurückzuschwingen, was zur Folge hat, daß an den betroffenen Stellen der Erdkruste starke Erschütterungen auftreten, die sich wellenförmig fortpflanzen und an der Oberfläche die bekannten Erscheinungen des Bebens hervorrufen. Diese Fortpflanzung der Erschütterungen erfolgt an gewissen bevorzugten Linien und erweckt den Eindruck, als ob das Beben
längs dieser Linien wandere. Solche durch den Bau der Erdkruste vorgezeichneten Linien nennt man Schütterzonen. Man erkennt sie eben daran, daß an ihnen, durch statistische Ermittlungen feststellbar, die Beben sich häufen. An irgend einer oft weit entfernten Stelle der Erde befindet sich der Stoßherd des Bebens. Für unsere Gegend liegt dieser Stoßherd zumeist im Raume um das Tyrrhenische Meer, etwa in der Gegend der Liparischen Inseln nördlich der sizilianischen Küste. Diese Gegend sowie auch die Küste von Kalabrien scheinen bevorzugte Gebiete für vulkanische Erscheinungen und Erdbeben zu sein.
überblickt man eine Karte der Erdbebengebiete, so wird man feststellen können, daß von hier die Beben auf Linien wandern, die gleichsam Straßen für ihre Fortpfllanzung darstellen. Aus dem erwähnten Raum läuft unter anderem eine solche Bebenstraße nordwärts längs der Küste, sie übersetzt dann die Abruzzen und folgt dem Zuge des Etruskischen Appenin bis in die oberitalienische Ebene, wo sie sich gabelt: ein Ast wendet sich, dem Südfuße der Alpen folgend, in flachem Bogen nach Osten und zieht durch die Landschaft Friaul in der Richtung auf Lai
bach, das in der Geschichte der Erdbeben eine traurige Berühmtheit erlangt hat; der zweite Ast verläuft über Verona durch das Tal der Etsch und des Eisack über den Brenner und erreicht Innsbruck, wo er sich neuerdings gabelt. Ein Ast wendet sich gegen Zirl und von hier gegen Mittenwald mit der Richtung auf Augsburg, der zweite Ast folgt dem Unterinntal und verliert sich scheinbar am Nordfuße der Alpen. Diesem letzteren verdankt unsere Gegend das verhältnismäßig häufige Auftreten von Erdbeben Es ist ja bekannt, daß unsere Stadt in den vergangenen Jahrhunderten sogar durch
gewisse bauliche Vorkehrungen dem Umstande der häufigen Erdbeben Rechnung getragen hat, wie z. B. die merkwürdige Konstruktion der eigenartigen Stützoder Strebepfeiler beweist, die wir an vielen Häusern der Innsbrucker Altstadt und auch an manchen anderen Orten Tirols beobachten können. Sie reichen, sich allmählich verjüngend, oft bis über die ersten Stockwerke der Häuser hinan und sollen dem Gebäude eine Stütze sein gegen derartige plötzliche Erschütterungen.
Aber nicht alle Erdbeben folgen der erwähnten Gesetzmäßigkeit. Es gibt auch solche, deren Ausgangspunkte keine ausgesprochenen, weit entlegenen Stoßherde erkennen lassen, sondern die einer lokalen Ursache ihre Entstehung verdanken. Sie wandern deshalb nur in untergeordnetem Maße auf den vorerwähnten „Straßen“ und sind auf kleinere Räume beschränkt. Solche Beben verdanken ihre Entstehung nicht den vorerwähnten Ursachen, sondern einem Einbruch von Untergrundschichten der Erdkruste, wie solche vielleicht durch Auslaugung leichter löslicher Schichten im Erdinnern sich bilden, die dann, wenn sie größeres Ausmaß erlangt haben, zusammenstürzen (Einbruchsbeben). Ihre Reichweite ist beschrunkt, ihre Stärke aber steht den Beben der ersten Art nicht
nach.
Eine übersicht über die Reichweite eines Bebens kann erst gegeben werden, wenn alle Angaben der wissenschaftlichen Aufzeichnungen (Seismogramme) vorliegen und alle örtlichen Berichte über dasselbe gesammelt sind.
Eine Ursache zu irgend einer Beunruhigung liegt nicht vor; es besteht kein wissenschaftlich reichender Grund für die Annahme, daß die Beben sich in einer gewissen Zeitspanne häufen. Die Erscheinungen der Erdbeben laufen ohne erkennbare Ursachen und für unsere Gegenden zumeist glücklicherweise ohne besonders heftige Auswirkungen ab.
Pran StAld
13 Alle Rechte Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
Beide überkam das scharfe Gefühl, daß sie aufstehen und unter irgendeinem Vorwand auseinander gehen sollten. Aber keines ließ den Gedanken zur Tat werden.
Minuten vergingen. Hemmungen schwächten sich ab. War es nicht doch ganz behaglich, so friedlich beisammen zu sitzen? Frau Sixta stand einen Augenblick in Versuchung, die Hand auszustrecken und etwa zu sagen: Ich bin froh, daß Ihr da seid, Markus. Und ich hoffe, daß Ihr lange bleibt. Sie tat das nicht. Es war nicht ihre Art, aus sich heraus zu kommen.
Dann pochte es an die Tür. Die Anna rief Frau Sixta in die Wirtsstube hinunter. Diese erhob sich. Aber als sie aufstand, bot sie Markus doch ihre Rechte. Sie sprach nicht. Sie drückte nur fest zu. Ungesagtes wurde verständlich. Von da an wußten sie, daß sie vielleicht ein Paar werden würden. Sie wußten und erwogen es. „
Frau Sixta kam bald zur Klarheit uder sich selbst Sie hatte nie zuvor diese Unruhe, dieses Auf und Ab von Freude und Angst in sich gespürt. Sie gestand sich frei, daß sie diesen weglosen, zerfahrenen Menschen, dessen bisherige Laufbahn alles andere als ein Erfolg gewesen, der blindlings ausgezogen und willenlos hier hängen geblieben, gern bei sich behalten würde. Und sie war entschlossen, in Erfahrung zu bringen, was er von ihr dachte Markus. der Himmelsgucker, schwankte und
zögerte. Manchmal befiel ihn eine jähe Angst
vor Ketten. In gewissem Sinn gehörten Frau Sixta und ihre Umgebung schon zu seinem Leben. Warum sollte er nicht wie bisher, ihr ein freier Knecht, fast ein Sohn, neben ihr bleiben? Aber ihr mehr zu sein, diese Frau zu sich zu nehmen, sich lebenslang zu binden? Er schreckte immer noch davor zuruck. Und als ihm aus kleinen Anzeichen eine Ahnung aufging, daß in jener das Weib sich entzünden konnte, stieß ihn das seltsam ab. Mehr als einmal noch ging er mit zorniger Miene beiseite.
Frau Sixta bemerkte es. Die Scham stieg ihr ins Gesicht. Auch ihrerseits zurückgestoßen, überließ sie ihn eine Weile sich selbst. Er konnte sich keines Vorzugs mehr rühmen.
Eines Morgens auf einem Ritt trank Markus eiskaltes Wasser und kam schwerkrank ins Brückehaus zurück. Er litt furchtbare Qualen, konnte sich kaum mehr aufrecht halten und taumelte gleich einem Berauschten in die Stube Gäste saßen an den Tischen. Die Kellnerin bediente sie und Frau Sixta unterhielt sich mit einigen von ihnen.
Markus nahm sich zusammen. Er trat an den Schanktisch und bat die Anna heimlich um ein Glas Branntwein. Frau Sixta aber war hellhörig, wenn es sich um ihn handelte Seine Blässe fiel ihr auf. Sie erhob sich und sah ihn schärfer an. War er betrunken? dachte sie und in ihr krampfte sich etwas zusammen. Sie hatte böse Erinnerungen.
Er leerte hastig sein Glas.
Sie hörte ihn leise stöhnen Da folgte sie ihm, als er die Stube verließ.
Er tat nur wenige Schritte. Dann mußte er sich an der Wand halten, damit er nicht umsank.
„Was ist Euch?“ fragte die Wirtin.
„Ich habe eine Narrheit begangen“ antwortete er mühsam. „Man sollte alt genug und vernünftiger sein. Ich war heiß und trank Wasser aus dem Alpsteinbach.“
„Also Eis“, sagte Frau Sixta.
Und als es ihn schüttelte. nahm sie ihn hart beim Arm und führte ihn nach seiner Kammer.
Er fühlte, daß sein Leben an einem Faden hing. Ein dumpfer Wille zum Widerstand erfüllte ihn. Während er aber davon nicht sprechen konnte, weil er sich nicht feig zeigen wollte, empfand er doch eine Art Beruhigung, daß mit Frau Sixta jemand an seiner Seite war, der einen nicht im Stich ließ.
Die Rotmundin kannte die Gefahr, die in den Gletscherwassern liegt. Sie traf rasch und sicher ihre Maßregeln „Sie legte den Kranken selbst in heiße Tücher und reichte ihm heiße Getränke. Eine geschulte Wärterin konnte seiner nicht besser pflegen. Seine Schmerzen wuchsen aber noch Er biß die Zähne zusammen, damit er nicht schrie.
Die Kellnerin trug es unter die Knechte und Mägde, daß er zugrunde gehen werde Sie war erregt Sie hatte gedacht daß Frau Sixta den Markus pflege. als ob er ihr schon angetraut wäre Aber in der Angst um ihn vergaß sie, das weiter zu schwatzen.
Frau Sixta zeigte nicht, daß auch ihr ein Schrecken wie Fieber durch den Leib fuhr. Nur ihre Nasenflügel bebten. Sie sandte eine Depesche ins Tal. Dann befahl sie den Sperber vor den leichten Einspänner zu schirren. Und plötzlich trat sie wieder bei Markus ein.
„Ich kann es Euch nicht ersparen“, sagte sie.
„Ihr müßt ins Spital. Nur eine Operation kann Euch retten.“
Er wollte sich abwenden; er dachte, daß er es nicht fertig brächte, vom Bett noch einmal aufzustehen, noch viel weniger die Fahrt ins Tal zu machen.
Aber Frau Sixta reichte ihm schon die Kleider.
Dann packte es ihn, daß er fast gegen den eigenen Willen sich aufrichtete und, von Fieber geschüttelt, sich zurechtmachte.
Beim Pferd vor der Tür stand ein Knecht, neben ihm Pankraz Danjoth.
Die Rotmundin führte Markus heraus, die Hand unter seinem Arm. „Hast du den Enzian? fragte sie Pankraz.
Der reichte ihr die Flasche mit dem Saft, den er selbst brannte. Dann wandte sie sich kurz gegen das Haus zurück, wo Anna und andere Leute auf der Schwelle erschienen waren. „Seht zum Rechten, bis ich wiederkomme“, sagte sie kurz und schon schob sie Markus auf den Wagen. setzte sich neben ihn und ergriff die Zügel. Sie fragte niemand um Rat. Sie wußte was einzig zu tun möglich war Und niemand hatte zu Einwand oder Bedenken Zeit. Selbst Narkus. der müde und von Schmerzen morsch var, überließ sich ihr willig.
Es geschah während der Fahrt, daß ihm der Kopf an ihre Schulter sank. Da legte sie den linken Arm um ihn wie um ein Kind und senkte mit der rechten das Pferd.
Als sie so allein miteinander waren spürten sie erst, wie sie in den vergangenen Wochen aus den Reihen der übrigen herausgetreten und schon eine Art Kameraden geworden waren.
(Fortsetzung folgt!)