Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.114
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Seite 4 Nr. 160
Tiroler Tageszeitung
31 Dezember 1945
Männer der Wirtschaft sprechen zu uns
Ausbüick auf das Ernährungswesen
Von Landesrat Josef Muigg, Obmann des Tiroler Bauernbundes
Das Problem der Ernährung ist im Wiederaufbau unserer Heimat vielleicht der wichtigste Fak
tor von allem, denn man kommt, trotz der letzten ist nicht zu verwundern. Ich möchte nur den Kon
Erfindungen, über das, was der Körper an Nah¬ f.manter ## n. Wac hahaumt man b.
rungsmitteln braucht, nicht hinweg. Die Welt wäre trotz der Verknappung reich genug an Lebensmitteln, es fehlt aber an der richtigen Verteilung und noch auf einige Zeit hinaus werden große Transportschwierigkeiten vorhanden sein.
Das sind Erscheinungen, deren Abhilfe nicht in unserer Macht liegt. Deshalb ist es für uns das Gebot der Stunde, alle Reserven der Lebensmittelversorgung restlos auszuschöpfen. Wir sind das unserem Volke und der christlichen Weltauffassung von der Nächstenliebe der gegenwärtigen Notzeit schuldig. Der das heute nicht einsieht, ist ein elendiger Egoist, der den Namen Tiroler Bauer gar nicht mehr verdient. Trotzdem ist das, was wir im Lande selbst erzeugen, in keinem Falle hinreichend, um auch nur die einheimische Bevölkerung annähernd versorgen zu können, um so weniger jetzt, wo noch immer außer der Besatzung mehr als 160.000 Menschen im Lande sind, die nicht hierher gehören. Unter der Voraussetzung der normalen Bevölkerungsziffer und bei Festhalten
an der gegenwärtigen Rationshöhe können wir die Fleischversorgung aus dem landeseigenen Anfall mit 30 Prozent decken. e fehlenden 70 Prozent sind im Austauschwege —
Zuchtvieh hinaus — Schlachtvieh herein — zu bringen. Der Vorteil zugunsten des Landes steht in diesem Falle 1:2 und in manchen Fällen sogar noch besser. Außerdem ist die bessere Qualität des Schlachtviehs hinzuzurechnen. Tirol erzeugt bekanntlich kein Schlachtvieh; es sind die Voraussetzungen hierfür gar nicht gegeben, wohl aber bedingt durch die Almwirtschaft Nutz= und hochwertiges Zuchtvieh für den Export.
Das Wichtigste von allem in der Versorgung ist
die Fetifrage
Diese Frage einigermaßen zufriedenstellend zu lösen ist der Tiroler Bauer nicht imstande. Diese Feststellung wird Verwunderung hervorrufen, weil noch zu gut bekannt sein wird, daß vor dem Jahre 1938 immer wieder der Aufruf laut wurde: „Helft dem einheimischen Bauern, eßt Tiroler Butter, eßt Tiroler Käse!“ Dabei vergißt man, daß die billige Fettware wie Margarine, Ceres=Hle das Land massenhaft überschwemmte und die echte Butter keinen Absatz fand. Käse wurde im Lande nie sehr viel gegessen und soweit möglich muß Käse heute wieder im Tauschwege gegen Fett nach auswärts verschickt werden. Nach der gegenwärtigen Erfassung bringen wir für einen Monat 80 Tonnen Butter auf, davon müssen wir der Besatzungsmacht einen beträchtlichen Teil abtreten. Um
das Minimum von 409 Gramm pro Kartenperiode ausgeben zu können, brauchen wir 180—200 Tonnen. Wenn es uns im großen und ganzen immer gelungen ist, das, was auf der Karte stand, auch abzugeben, so verdanken wir das in großzügiger Weise der Besatzungsmacht, die das Fehlende anrollen ließ trotz bestehender eigener großer Schwierigkeiten.
Die Milchanlieferung
hat gegenüber dem Vorjahre merklich nachgelassen. Dies hängt zusammen mit der Verminderung der Milchkühe, die teilweise für die Fleischversorgung zur Verfügung gestellt werden mußten, denn bis zum Herbst mußte die Fleischversorgung aus dem Lande genommen werden, mit dem Fehlen von Kraftfutter, weil anstatt Getreide meistens Mehl ins Land kommt, und darüber hinaus sind werlvolle Ertragsflächen unmittelbar bei
dessen Folgen der Nutzung entzogen worden. Daß die Preisfrage auch eine gewisse Rolle spielt,
Was erwartet die Arbeiterschaft vom Fahre 1946?
Von Ernst Müller, Erster Sekretär der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Innsbruck
den Städten und Dörfern durch den Krieg oder lehnen.
sumenten fragen: Was bekommt man heute um 23 Groschen = 1 Liter Milch —?
Die Mehlversorgung
Nach den genau festgestellten Bodenerhebungen reicht das Liefersoll an Getreide einschließlich Haser und Gerste aus, um die Bvölkerung höchstens einen Monat im Jahre mit Mehl zu versorgen. Von den Bauern selbst ist ja nur ein geringer Teil Selbstversorger in Mehl, die weitaus größere Anzahl sind Teil= oder Nichtselbstversorger. Wir haben ganze Talschaften, wo der Getreidebau aus klimatischen Gründen nicht möglich ist.
Die Kartoffelversorgung
nimmt bei der gegenwärtigen Ernährungslage einen großen Raum ein. Leider sind wir in Tirol auf Grund der diesjährigen Anbaufläche nur mit 30 bis 35 Prozent in der Lage, die Kartoffelversorgung zu gewährleisten. Die fehlenden 70 zent haben wir bis jetzt trotz Ausschöpfung aller Möglichkeiten nur in ganz geringer und unzureichender Menge erhalten. Schon im Juli habe ich mit der bayrischen Regierung verhandelt. Das Ergebnis war ein Kompensationsübereinkommen. Unsererseits wurden alle verlangten Bedingungen erfüllt, und trotzdem im August Landeshauptmann Dr. Gruber mit mir in der gleichen Angelegenheit wieder in München war, wurde die Einhaltung des Vertrages aus politischen Gründen abgelehnt. Später hat man den Vorgang bereut und es scheint jetzt in
Bayern die Geneigtheit zu bestehen, uns im Frühjahr mit Kartoffeln zu versorgen. Bis dorthin ist wegen der Kälte an Kartoffeltransporte nicht mehr zu denken.
Das Handelspensum von Tirol ist nicht besonders groß, der Rinderbestand ist um rund 20 Prozent niedriger als im Vorjahre, entspricht aber der heuer vorhandenen Grundfutterlage im Lande. Das Herausnehmen von mehr Vieh für Schlachtzwecke bedeutet weiteren Rückgang in der Milchwirtschaft, was noch weniger zu wünschen ist. Wir sehen, daß die Landwirtschaft delikat und mit dem nötigen Fachwissen versehen vorsichtig behandelt werden muß. Es ist dies nicht nur ein Vorteil für den Bauer selber, sondern auch für den Konsumenten. Gerechterweise muß ich auch hervorheben, daß die übergroße Zahl der Bauern die heutige Not der Zeit verstehen und darnach handeln und daß große Opfer gegenüber dem Volke und der Heimat gebracht werden. Es ist zwar
richtig, daß es da und dort ein räudiges Schaf gibt; solche Egoisten werden unnachsichtlich. ob groß oder klein, dem Arme der Gerechtigkeit zugeführt werden. Allerdings würde die Ablieferungsfreudigkeit bedeutend größer sein, wenn der Bauer die Ware, die er in der Stadt kaufen muß, ohne Rucksackware bekommen könnte. Ich will damit nicht alle Geschäftsleute in den gleichen Topf werfen, ich weiß, viele lehnen ein solches Ansinnen ab; aber für viele ist die Versuchung zu groß, sie nehmen halt auch lieber die heute noch höher im Kurs stehende Bauernvaluta entgegen. Trotz der Zeitumstände und vieler Schwierigkeiten muß anerkannt werden, daß der Tiroler Bauer seine Pflicht erfüllt.
So sehr gegenwärtig die Landesbauernschaft für die restlose Erfüllung der vorgeschriebenen Ablieferung Sorge trägt, so sehr wird sie sich zum gegebenen Zeitpunkt für die Lockerung der gebundenen Wirtschaft einsetzen, weil wir Demokraten das Diktatorische auch in der Wirtschaft ab
Man könnte diese Frage mit einem Satz beantworten: Die arbeitenden Menschen in Österreich erwarten vom Jahre 1946 die längst fällige Erfüllung ihres berechtigten Anspruches auf soziale Gerechtigkeit. In schweren wirtschaftlichen Kämpfen hat die Arbeiterschaft von der Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg eine fühlbare Besserung ihrer Lohn= und Arbeitsverhältnisse durchgesetzt. Nach dem Jahre 1918 wurden unter der Ara Hanusch auf dem Wege der Gesetzgebung mustergültige soziale Gesetze geschaffen, die jedoch nach dem Jahre 1934 teilweise stark verwässert, teilweise völlig außer Kraft gesetzt worden sind. Das Parlament wurde nach Hause geschickt, die freien Gewerkschaften und Arbeiterkammern aufgelöst. Was unter dem gleichen Namen weiter
vegetieren durfte, konnte beim besten Willen nicht mehr als Inieressenvertretung der Arbeiter= und Angestelltenschaft bezeichnet werden. Die anschließende braune Despotie hat dann überhaupt jedes Mitbestimmungsrecht der Arbeiter= und Angestelltenschaft an der Gestaltung der Lohn= und Arbeitsverhältnisse restlos beseitigt.
Nach all diesem Erleben ist es nur zu begreiflich, daß die schaffenden Menschen von der nächsten Zukunft eine Sicherstellung ihrer schwer bedrohten Existenz begehren.
Da ist vor allem das vom Faschismus beseitigte Koalitionsrecht wieder in Kraft zu setzen. Desgleichen ein Gesetz über Kollektivverträge und Einigungsämter. Verschiedene Urlaubsgesetze sind zu revidieren, besonders müssen die Arbeiter in Saisonbetrieben berücksichtigt werden; auch ist es ein unhaltbarer Zustand, daß der Arbeiter zum Genuß eines Urlaubes im Ausmaße von 14 Tagen fünf Jahre im gleichen Betriebe sein muß, während der neben ihm beschäftigte Angestellte die gleiche Urlaubsdauer nach sechs Monaten erreicht.
Sehr dringend ist ein Gesetz zum Schutz der [Jugend und der arbeitenden Frauen. Ebenso ein Verbot der Nachtarbeit für Bäcker und Fleischhauer. Durch die Schaffung eines neuen Betriebsrätegesetzes, das den Betriebsräten Einfluß auf die Führung des Betriebes gewährt, muß der Demokratie in den Betrieben größerer Raum geschaffen werden. Ein Ausbau der Gewerbeinspektion durch Beiziehung von Kontrollorganen aus den Krersen der Werktätigen ist ebenfalls notwendig. Die Selbstverwaltung auf allen Gebieten der Sozialversicherung einschließlich der Arbeitsämter und der Arbeitsvermittlungen ist ehestens durchzusühren. Der Zustand, daß die Versicherten nur zu zahlen, aber keinen Einfluß auf die Verwaltung haben, kann in Hinkunft nicht mehr geduldet werden.
Um unseren Alten einen möglichst sorgenfreien Lebensabend zu schaffen, muß die Alters= und Invalidenversicherung im Jahre 1946 endlich in Kraft gesetzt werden.
Daß die Kriegsversehrten und Hinterbliebenen von Gefallenen ebenso wie die Opfer des Naziterrors nicht Lot leiden dürfen, ist eine genau so wichtige Angelegenheit wie alle vorher angeführten Belange.
Die Arbeiter= und Angestelltenschaft unseres Landes ist gewillt, ihre ganze Kraft dem Aufbau des neuen Österreich zu widmen, sie erwartet aber, daß auch Regierung und Parlament ihrerseits alles tun, um die Lösung dieser sozialen Aufgaben durchzuführen.
Zum Schluß sei noch ein besonderer Herzenswunsch der Tiroler Arbeiter= und Angestelltenschaft erwähnt: Möge im neuen Jahr das alte Unrecht gutgemacht und unser deutsches Südtirol wieder mit Nordtirol als ein dauernd unteilbares Ganzes vereinigt werden!
Acht Monate Wirtschaftsaufbau
Von Komm.=Rat Fritz Miller, Präsident der Kammer für Handel, Gewerbe, Industrie und Verkehr
Acht Monate Wiederaufbauarbeit in der Wirtschaft liegen hinter uns. Anfänglich insbesonders stellten sich auch dem besten Wollen große kriegsbedingte Hemmnisse in den Weg. Mangel an Arbeitskrästen, an Rohstoffen und Materialien jeglicher Art, Behinderungen des Personen=, Güter= und Nachrichtenverkehrs u. dgl. kennzeichnen die Situation der ersten Zeit. Je mehr sich das schicksalschwere Jahr dem Ende zuneigt, umso deutlicher treten die dennoch erreichten Erfolge der gemeinsamen Arbeit von Militärregierung und Wirtschaft zutage. Handel, Handwerk, Industrie, Verkehr und Kreditwesen erhielten allgemach neue Impulse. Vielversprechende Umstellungen von Industrien auf Friedensproduktionen — Herstellung von Wohnmöbeln, Heiz= und Kochgeräten,
Kochgeschirren, Maschinenersatzteilen, Wäschewaren usw. — mehren sich. Der ursprüngliche Kohlenmangel — ein großes Hemmnis für unsere Fabriken — konnte dank der Initiative der Militärregierung weitgehend gemildert werden, so daß kohlenbedingte Erzeugungsstockungen in den Hintergrund treten. Das Handwerk gewann und gewinnt durch den beständigen Zuwachs von aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Meistern und Gesellen an Einsatz= und Leistungsfähigkeit; Bau= und Bauhilfsgewerbe gelangen wiederum mehr und mehr in den Besitz jener Ausrüstung, die notwendig ist, um im kommenden Frühjahr der vor allem in der Landeshauptstadt herrschenden großen Wohnungsnot wirksam zu begegnen. Der Kaufmann leidet wohl nach wie vor an
Warenmangel; doch ist auch hier nunmehr mit einer allmählichen Bes
serung der Lage zu rechnen. Mit Südtiroler Produzenten z. B. wurde ein Kompensationsabkommen getroffen, das uns den Bezug verschiedener Gemüsesorten sichert. Die Stabilisierung unserer Währung, eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein ungehindertes Produzieren und damit gleichzeitig für eine ausreichende Inlandsbelieferung des Handels ist erfolgreich eingeleitet. Handelsvertragsverhandlungen wurden aufgenommen (Tschechoflowakei) oder sind mit für unsere künstigen Außenhandelsbeziehungen bedeutsamen Ländern aussichtsreich geplant. Die Verkehrslage hat sich in jeder Hinsicht gebessert, weitere Ausgestaltungen in der Richtung auf normale Friedensverhältnisse stehen bevor.
Wenn die Zeiten auch noch hart sind und manche Entbehrungen unvermeidlich erscheinen lassen: am Horizont, den lange bittere Jahre nur düster verhangen erscheinen ließen, beginnt es sich unverkennbar aufzuhellen. Fleißige Arbeit, die in den letzten Monaten geleistet, treue Pflichterfüllung und selbstlose Opferbereitschaft für unser Vaterland, die bewiesen wurden, waren also nicht vergeblich! Allen in der Wirtschaft tätigen Männern und Frauen mag dies ein Ansporn für die Zukunft sein. Unternehmer, Arbeiter und Angestellter müssen auch künftig zusammenstehen, Zwietracht meiden, Interessengegensätze auf friedlichem Wege bereinigen, alle einzig und allein darauf eingestellt, dem Aufbauwerk zu dienen. Der Erfolg wird sodann gewiß nicht ausbleiben: Eine gesunde
aufblühende Wirtschaft in einem neu festigten glücklichen Österreich!
PTCH SIXIG
Roman „ von Ernst Zahn 14 Alle Rechle Deutsene Verlagsanstalt Stuttgart
Das Gefährt stob um die Straßenkurven. Frau Sixta, die allen ihren Knechten sorgfältiges Fahren und Schonung der Pferde anbedang, ließ den Sperber laufen, als ginge es über Ebene und nicht steil abwärts und an Felsen und Abstürzen vorbei. Zuweilen, ohne anzuhalten, reichte sie Markus die Enzianflasche. Nach seinem Befinden fragte sie nicht. Nur dann und wann stieß sie ein Wort hervor, das trösten sollte: „In zwei Stunden können wir dort sein. — Der Spitalarzt ist sehr geschickt. — Es ist noch lange nicht das erstemal, daß einer so im Sturm zum Doktor gebracht werden mußte.“ Dabei hielt sie mit Macht den Seuszer zurück, in dem ihre Angst sich Luftmachen wollte.
Die Fahrt war eine Marter. Markus verfiel zuletzt in eine Art erschöpften Halbschlafes, in dem er wunschlos und widerstandslos, mit einem Gesühl der Ergebung sich ganz in die Obhut seiner Begleiterin sinken ließ.
Sie erreichten dann den Hauptort und das Spital. Frau Sixta brachte ihr Pferd in den Stall. bis die Operation vorüber war. Sie wollte den Bescheid der Arzte abwarten.
Stunden vergingen Frau Sixta ging unruhig im Wartezimmer des Krankenhauses auf und ab. Er stirbt, dachte sie. Er stirbt. Und in ihr sich etwas gegen das Schicksal auf. Warum mußte ihr immer alles in die Brüche gehen!
Aber am Abend konnte sie die Zusicherung des Arztes mit sich nehmen, daß der Kranke mit dem Leben davonkommen werde. Sie bestieg ihr
Gefährt. Sie war ietzt völlig gefaßt. Sie schalt sich selbst, daß sie feig gewesen sei. War es im Grunde nicht doch nur ein Fremder, um den sie gebangt hatte?
Markus hatte sie nicht mehr gesehen. Es durfte niemand zu ihm.
Die Heimfahrt nahm mehr Zeit in Anspruch als die Ausreise. Es war längst Nacht geworden, als sich Frau Sixta wieder der Paßhöhe näherte. Der Mond fehlte. Spukhaft, gespenstisch lagen die Felsen zu seiten der Straße. Nur das rote, unruhige Licht der Wagenlaterne leuchtete und sprang die Straße hinauf. dem müden Pferd voran Frau Sixta kannte den Weg wie das Pferd ihn kannte. Das unheimliche Rauschen des Bergwassers schreckte sie ebensowenig wie das Raunen des Nachtwindes, der manchmal hinter einer Ecke winselte. Sie hatte Vieles zu überdenken. Zuerst war nur die Erinnerung an die Vorgänge der letzten Stunden in ihr gewesen, der Gedanke der Angst, der der Erleichterung, eine Erinnerung, wie Markus sich erschlafft in ihre Obhut gegeben. Und Fragen
hatten sie bestürmt Ob er jetzt auch an all das dachte? Ob er ihrer gedachte, sie dielleicht vermißte? Jetzt trat die Wirkiichkeit wieder in ihr Recht. Die Nähe des Wirtshauses mahnte sie. Es mußten Holz. Kohlen und Konserven her für den Winterhaushalt, es galt Knechte und Mägde zu wechseln auf den nächsten Einstandstermin. Eine Pflicht um die andere meldete sich und erwürgte das, was rückwärts gehen wollte. In ihrem Innersten war vielleicht Markus allein. aber sie war kein verliebtes junges Mädchen, sie übersah das Leben, die Zukunft, in denen er nur ein Teil, eine Erscheinung war. Der Entscheid des Arztes hatte ihre Sorge beschwichtigt.
Sie glaubte an ihn. Jetzt war sie wieder die Wirtin vom Brückegut, die sich nicht nur um den einen Mann zu kümmern hatte.
Als sie die letzte Straßenecke vor der Paßhöhe umfuhr, flonen ihre Gedanken ihr voraus Bald würde der Wagen vor die Tür ihres Hauses rollen! Verwunderte Gesichter würden ihr begegnen. Sie dachte jetzt erst daran, daß das Gesinde getuschelt haben könnte. Sie war selbst und allein mit Markus, dem Knecht, gefahren! Vielleicht hatte sie auch etwelche Aufregung gezeigt! Vielleicht befremdete das die Leute! Aber
— sie richtete sich auf — was tat"s? Es wäre nicht das erstemal, daß man über sie redete! Und
— redete man denn ohne Grund? Wunderte sie sich nicht selbst über sich? Was für ein Schrecken in sie hineingefahren war, dieses Markus" halber! Wie der Gedanke, ihn verlieren zu müssen, sie gestochen! Wie sie seinethalben alles im Stich gelassen!
Sie täuschte sich in diesem Augenblick über nichts mehr: Sie liebte diesen Menschen. Und ebenso rasch und klar wurde Erkenntnis zum Entschluß. Sie wollte Markus zum Herrn auf dem Brückegut machen wenn er dachle wie sie! Ob er das tat. schien ihr noch zweifelhaft. Nicht mehr unmöglich jedoch.
Und schon bohrte sie weiter in die Zukunft: Was würden die Dienstleute sagen? Und Furrer. der Talammann, und andere Freier? Die Bergmatterer überhaupt? Das Gefinde mußte es hinnehmen Wem es nicht paßte der mochte gehen Den Bergmatterern floß eben wieder Wasser auf ihre Mühlen. Leute wie der Talammann würden ihr den Schritt nicht verzeihen. Aber das war zu ertragen. Nur eine noch! Die Otti! Das machte ihr eigentlich am meisten zu schaffen. Sie
war noch immer nicht mit sich einie ob sie die Tochter heimkommen oder im Kloster lassen sollte. Wenn jene aber heimkam vielleicht war sie dann froh, in Markus einen zu finden, der an Bildung und Eigenart den anderen allen über war Vielleicht stellte sie sich ganz gut zu — zu dem Stiefvater! Eine kleine vom Wünsche geborene Vorfreude stieg in Frau Sixta auf. hätschelte diese Freude, und diese war schuld, daß ihr der letzte Teil ihres Weges ganz kurz schien. Fast heiter fuhr sie am Wirtshaus vor.
Anna, die Kellnerin, war noch wach Frau Sixta sah, daß sie die Frage, wie alles gegangen sei, nur mühsam zurückhielt Sie erzählte, Markus Graf sei gerettet. Es werde nicht lange dauern, bis er zurückkommen Könne. „
Die Anna errötete. Sie hatte den Tag Furcht und Zweifeln verbracht. Der arme Kerl. der Markus, wenn er zugrunde gehen Wahrlich es würde ihr sehr nahe aehen Und sie neidete Frau Sixta, daß sie seine Rettung hatte an die Hand nehmen und bei ihm sein können Dieser Reid spiegelte sich auch sotzt in ihren Zu gen. abgleich ihr das Herz ob des guten Be
scheids leichter wurde. „ shrerd sie
Frau Sixta achtete dessen nicht Wihrend sie sich mit dem Mädchen ins Haus beaih, berichtet sie weitere Einzelheiten ihrer Fahrt. — Inzwischen erwachte im Krunkenhaus Graf aus der Narkose Noh füihlte er und mochte nicht denken. Erst nach und nac kehrte ihm die Bosinnung an das mas war und gewesen, zurück Er erinnerte sich was Frau Sixta für ihn getan. und suchte sie er die bei ihm wachende Krankenschwester nach ihr und erfuhr, daß sie heimgefahren.
(Fortsetzung folgt)