Tiroler Tageszeitung 1945

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Seite 6 Nr. 160
Tiroler Tageszeitung
Montag, 31. Dezember 1945
90
So
Ja6
Von Dr. W. Tepser
Rund ein halbes Jahr ist seit der Wiedereröffnung des Innsbrucker Theaters vergangen.
Der jetzige Landeshauptmannstellvertreter Prof. Dr. Gamper bemühte sich mit unermüdlicher Tatkraft um den Wiederaufbau der heimischen Kulturstätte. überdies wünschte die amerikanische Besatzung Vorstellungen für ihre Soldaten. So schritt man also sehr schnell an den Neuaufbau der Innsbrucker Bühne und Robert Pleß, der vor Jahren als Operettentenor in Innsbruck gewirkt hatte, wurde mit der Leitung betraut.
Am 7. Juni fand die erste Vorstellung statt, die den Beifall der Amerikaner in einem so hohen Maße fand, daß nunmehr auch Vorstellungen für die Zivilbevölkerung gestattet wurden. Vor ausverkauftem Hause wurde am 15. Juni der erste bunte Abend gegeben. In fieberhaftem Tempo gingen die Vorbereitungen zur Eröffnung einer regelrechten Spielzeit vor sich, die dann mit einer Aufführung der Johann=Strauß=Operette „Wiener Blut“ eröffnet wurde. Trotz der großen Schwierigkeiten, die die Zusammenstellung eines Ensembles bereitete, folgte bereits sehr bald das erste Lustspiel — Seribes geistfunkelnde politische Komödie „Ein Glas Wasser“.
Bald nach übernahme der Besatzung durch Frankreich wurde das Theater dank dem Entgegenkommen der französischen Militärregierung für jeden Abend der Zivilbevölkerung zur Verfügung gestellt. Der Wille, künstlerisch hochwertige österreichische Bühnenwerke zur Aufführung zu bringen, dokumentierte sich in der Einstudierung des Hofmannsthalschen „Jedermann“, die sich eng an die Salzburger Auffassung von Max Reinhardt aus der Zeit vor 1938 hielt und die durch prominente Gäste wie Franziska Kinz und Fred Liewehr ihr besonderes Gepräge erhielt. Auch das moderne Schauspiel kam mit dem amerikanischen Stück „Der Prozeß Mary Dugan“ von Bayard Veiller zu Worte.
Eine Reihe von Abenden österreichischer Dramatiker wurde mit einer Aufführung von Schnitz
lers „Liebelei“ mit Paula Wessely und Gustav Waldau eröffnet, auf die Schönherrs „Weibsteufel“ und eine bestens gelungene Aufführung von Grillparzers „Ahnfrau“ folgte. Prachtvoll war das von Professor Hlawa, dem Bühnenbildner des Burgtheaters, geschaffene Bühnenbild, das intensivsten Stimmungsgehalt in sich trug und von zauberhafter Plastik war. Künstlerisch hochstehend war auch ein Kammerspielabend, der uns zu Allerseelen Strindbergs „Scheiterhaufen“ brachte. Der weitere Spielplan des Sprechstücks war allerdings nicht immer glücklich gewählt, so hatte die Komödie „Die Cortenia“ nicht jenes Format, das wir uns für die erste österreichische Uraufführung seit der Wiedergeburt unseres Staates erwarten durften. Das Lustspiel „Der kleine Herr Niemand“ war
eine bedeutungslose Angelegenheit und Nicodemis „Scampolo“ war keine Neuheit mehr für Innsbruck. Die Reprise von Maughams „Heilige Flamme“ verdankte ihren Erfolg vor allem der Gestaltung der weiblichen Hauptrolle durch Hertha von Hagens reife Kunst. Eine Aufführung von Molières „Eingebildetem Kranken“ in der Gustav Waldau mit großer Meisterschaft die Titelrolle gab, stand bei seriöser Betrachtung unter keinem besonders glücklichen Stern.
Wir erwarten uns, daß in Hinkunft auch das moderne Drama in seiner besten Art gepflegt wird, wobei wir mit der Ansicht, daß auch aus dem Tiroler Schaffen der letzten acht Jahre
Neujahrswunsch der Künstler
Der Leserschaft der „Tiroler Tageszeitung“ und allen. die ihnen in Tirol Freund und Gönner geworden sind, entbieten die herzlichsten Glückwünsche zum Jahreswechsel:
Février genannt — erstklassige und fast authentische Vermittler der französischen Musik. Neben ihnen begrüßten wir das Salzburger Mozarteums=Orchester unter Prof. Joseph Meßner, das in fünf Konzerten seine Tradition und sein künstlerisches Niveau unter Beweis stellte. Doch auch einen kleinen Blick wollen wir auf das Kommende werfen, für das das Vergangene die Voraussetzung war und den Boden bereitete. Oder sollen wir über dem Schönen, das da winkt. den Schleier der überraschung liegen lassen? Ein Name sei genannt — der Name eines Gastes, der nicht nur in Wien, sondern über weite Grenzen hinaus Geltung und Bedeutung erlangt hat — Isolde Ahlgrimm. Mit dem Cembalo, dem Instrument, das sie so einmalig beherrscht, wird sie auch Innsbruck
Stunden der Freude und des künstlerischen Erlebens schenken.
Es ist nur sehr bedauerlich, daß diesen Ereignissen jetzt im Winter ein würdiger Rahmen fehlt, denn der ugenblickliche Notbehelf im Landhaus entspricht in keiner Weise dem Riesensaal der Hofburg.
so mancher Schatz zu heben wäre, der bisher nicht an die Öffentlichkeit gelangen durfte, wohl nicht in die Irre gehen. Aber auch die neuen Werke der französischen, englischen und amerikanischen Dramatik würden uns brennend interessieren.
Die Schwierigkeiten auf dem Gebiete der Oper waren naturgemäß noch größer als beim Sprechstück und so hatte denn Siegfried Neßler, der zum Opernchef bestellt wurde, oft eine wahre Sisyphusarbeit zu leisten. Sänger, Chor, Statisten und Orchester boten eine Unzahl von unlösbar scheinenden Problemen. In Anbetracht dieser außergewöhnlichen Verhältnisse war aber die Aufführung der „Zauberflöte“ unzweifelhaft eine wirkliche Leistung. Eine Neueinstudierung von Verdis „Troubadour“ krankte anfangs an Personalschwierigkeiten, bis diese im Verlaufe von weiteren Aufführungen glücklichere Lösungen fanden. Die Operette brachte eine Inszenierung von Lehars „Land des Lächelns“, die bisher über dreißig Wiederholungen fand, sowie Oskar Nedbals „Polenblut“ mit
Gretl Theimer in der Hauptrolle.
Die Aufgaben, die die Innsbrucker Bühne zu erfüllen hat, sind, auch wenn man von den finanziellen Problemen absieht, schwer und verantwortungsreich. Tirol hat sich seit dem Zusammenbruch des Nazisystems einen bedeutenden kulturellen Vorsprung gegenüber anderen Bundesländern gesichert und es gilt nunmehr, diese Position zu wahren und auszubauen. So ist es gerechtfertigt, daß wir vom künstlerischen Standpunkt aus hohe Forderungen an Repertoire und schauspielerische Leistungen stellen. Denn schließlich und endlich geht es darum, den breitesten Kreisen der Bevölkerung
zu zeigen, worin jene österreichische Kultur besteht, die in der ganzen Welt geschätzt und geliebt wird.
Von Jutta Pohl
Eine eingehende Betrachtung verlangt das Innsbrucker Konzertleben. Auch hierin bedeutete im vergangenen halben Jahr Innsbruck einen Mittelpunkt des Kunstlebens Österreichs. Durch viele Aufführungen gewann das SymphonieOrchester einen musikalisch und technisch so hochwertigen Rang, daß man es mit dem Salzburger Mozarteums=Orchester zweifellos auf die gleiche Stufe stellen darf. Neben dem verdienten Musikdirektor Weidlich als seinem ständigen Dirigenten spielten die jetzt immer besser aufeinander abgestimmten Orchestermusiker auch schon unter der Stabführung von verschiedenen Gastdirigenten. So wurde der Name Dr. Hans Wolf, der junge Dirigent aus der amerikanischen Armee, im Innsbrucker Konzertleben ein Begriff. der sich mit dem Wissen
um eine hohe Begabung deckt. Doch Symphonie=Konzerte waren nur Spilzenereignisse im heurigen Konzertleben, umgeben von einer Vielzahl von Solistenabenden, die selbstverständlich vollkommen verschieden zu bewerten sind. Denkt man an Namen wie Maria Cebotare, Franz Bruckbauer, Kammersänger Herbert Alsen und andere, dann weiß man um musikalische Größen. Und wenn wir auch hier von prominenten Gästen sprechen, dann sei mit einem sich heute noch freudig und gern zurückerinnernden Herzen das Calvet=Quartett mit dem französischen Pianisten Jacques
Die bekannte und durch ihr künstlerisches Schaffen weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus berühmte junge. Tiroler Malerin Roswitha Bitterlich stellte der „Tiroler Tageszeitung“ für die Neujahrsnummer liebenswürdigerweise nebenstehende humoristische Zeichnungen, die sie für Buchzeichen privat arbeitete, zur Verfügung. Roswitha Bitterlich, die wir, auf hohem künstlerischem Niveau stehend, nur in ernsten Arbeiten kennenzulernen Gelegenheit hatten, neigt sich hier in reizender Groteske der leichteren Seite des Lebens zu. Der schelmischen Posse folgend versinken wir mit ihr in „Erinnerung“ und bekommen mit ihr die „Erkenntnis“.
Kam Mir Die
Italins Lekcetärin
Tina Kamneva erzählt
So wie die meisten Schüler und Schülerinnen des Moskauer PuschkinGymnasiums trat auch ich mit 14 Jahren der „Organisation der Fallschirmspringer“ bei und besuchte nun deren theore
tische und praktische Kurse. Mit 17 Jahren zählte ich zu den besten Springerinnen der Moskauer Sektion und mit 19 Jahren erzielte ich den Landesrekord der Sowjetunion, als ich aus einer Höhe von 7000 Meter absprang und heil am Boden landete. Inzwischen sind freilich meine damaligen Erfolge überholt worden, ich aber erinnere mich genau an den Tag des besagten Absprunges, der einen entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben bedeutete. Ich wurde nämlich mit anderen sowjetischen Sportlern in die Vereinigten Staaten geschickt, aus denen ich so begeistert nach Moskau zurückkehrte, daß ich beschloß, meine früher gefaßten Zukunftspläne über den Haufen zu werfen und anstatt Rekordfliegerin Philosophiestudentin zu werden. Mit großem Eifer widmete ich
mich dem Studium der englischen Sprache, und nach einigen Jahren hatte ich mein Universitätsstudium mit Erfolg abgeschlossen. Ich dachte damals, eine Stelle als Assistentin der englischen Sprache an irgendeiner russischen Hochschule zu finden, als ich eines Tages eine Vorladung zum Leiter der Moskauer Sektion des „Komsomol“ bekam. Dieser teilte mir mit, man suche im Kreml nach einer englischsprechenden, vertrauenswürdigen Sokretärin und fragte mich, ob ich eine
Stelle annehmen wolle. Ich war anfangs nicht sehr begeistert über diesen Vorschlag, da ich mich schon als verstaubte „Bureaukratin“ sah. Schließlich willigte ich ein, an der Aufnahmeprüfung teilzunehmen. Im ganzen befanden sich 44 Kandidaten und Kandidatinnen in dem geräumigen Arbeitssaal des Kremls, in welchem die Prüfung abgehalten wurde. Als man mir nach sechs Stunden schließlich mitteilte, daß die Wahl auf mich gefallen war, war ich zu müde, um mich freuen zu können.
Ich wurde zuerst dem englischen Sekretär Stalins als Hilfskraft zugeteilt und war selbstverständlich nicht wenig stolz darauf, wenn auch indirekt, zu den Mitarbeitern Stalins zu gehören. Ich hatte letzteren allerdings während der ersten drei Monate meiner Tätigkeit nur ein einziges Mal gesehen, als er seinen Sekretär in das Zimmer begleitete, in welchem ich arbeitete. Mein Staunen war sehr groß, als sich Stalin meinem Schreibtisch näherte und mich freundlich begrüßte. Das war jedoch alles, was ich anfangs über meinen „Chef“ sagen konnte.
Bald darauf wurde der englische Sekretär Stalins, dessen Hilfskraft ich war, ins Ausland geschickt. Ein Milizsoldat, der in den Gängen des Kremls Wache hielt, trat in mein Zimmer und meldete: „Genosse Stalin wünscht Genossin Kamneva zu sprechen. Bitte folgen Sie mir.“ Zitternd folgte ich dem Soldaten und konnte mir nicht vorstellen, was der wichtigste Mann der Sowjetunion von mir haben wolle. Doch bald erfuhr ich, daß ich von nun an meinen früheren Vorgesetzten ersetzen sollte und zur englischen Sekretärin Stalins avancierte. „Genossin Kamneva“, sagte letzterer, „wenn Sie die Arbeit zu anstrengend finden, so lassen Sie es mich wissen. Ich verlange viel von meinen Mitarbeitern, doch da ich selbst gute Nerven und viel Ausdauer habe, weiß ich niemals genau, wie
weit die Arbeitskapazität meiner Umgebung geht. Wenn Sie zu müde sind, fahren Sie lieber auf Urlaub und kommen Sie nach einigen Tagen gestärkt zurück, da Sie es bei mir nicht leicht haben werden.“
Stalin hatte recht behalten. Die Arbeit in sei
ner unmittelbaren Nähe war tatsächlich aufreibend und anstrengend, aber dafür auch interessant. Am meisten fürchtete ich die Diktate. Denn Stalin hat die Eigenschaft, mehreren Personen auf einmal zu diktieren. Meist saßen zwei bis vier Sekretäre. unter denen auch ich mich befand, in seinem Arbeitszimmer, jeder vor einer tonlosen Schreibmaschine. Stalin hat die Fähigkeit, auf einmal einige Menschen zu beschäftigen und mehrere, verschiedene Texte sozusagen gleichzeitig zu diktieren. Während zum Beispiel Pjotr Ivanov, einer meiner Kollegen, einen Brief an Volkskommissar Mikojan schrieb, der über Wirtschaftsfragen handelte, diktierte mir Stalin einen Rapport an die russische Militärmission in Washington, den ich nachher auf Englisch übersetzen mußte, da der Text
auch einer amtlichen amerikanischen Stelle vorgelegt werden sollte, und Stalin es in solchen Fällen vorzog, die übersetzung selbst zu überwachen.
Stalin verfolgt mit größtem Interesse die ausländischen Pressenachrichten. Täglich mußte ich ihm daher die wichtigsten englischen und amerikanischen Zeitungspublikationen vorlesen. Stalin spricht wohl gut englisch, doch mußte ich meistens beim Vorlesen sogleich ins Russische übersetzen, da ihn das Anhören der Nachrichten in einer Fremdsprache etwas anstrengte.
Stalin liebt Musik und selbst bei angestrengtestem Arbeiten ist ihm Musikbegleitung angenehm Meist hört er russische Volkslieder, die oft von russischen Sendestationen gesendet werden. Klafsische Musik stellte er nur in der Mittagspause ein da ihn diese zu sehr absorbiert.
Zwischen Stalin und seinen Mitarbeitern herrscht eine kameradschaftliche Atmosphäre. Meistens erkundigt sich Stalin am Morgen, wie ich geschlafen habe und ob ich nicht im Theater oder bei einem Konzert gewesen sei. Auch die Bücher die ich las, interessierten ihn. Einmal sprachen wir fast eine Stunde lang über den Dichter Maugham, der Stalin stark beaeisterte, während
ich etwas kritischer eingestellt r Eines Tages erblickte Stalin einen Ehering meiner Hand „Sie haben sich also verheiratet und mir darüber
gar nichts berichtet, Genossin Kamneva? Das ist aber nicht nett von Ihnen“, sagte er etwas enttäuscht. Am nächsten Tage mußte ich ihm das meines Mannes zeigen. „Er sieht sehr energisch aus, Ihr Gatte. Aber das gefällt Ihnen ja sicher, nicht wahr?“ sagte er. Nach einigen Monaten erkundigte er sich nach meiner Ehe. An diesem Tage hatte ich mit meinem Mann gerade einen Streit gehabt und so antwortete ich ohne Begeisterung. „Lassen Sie sich nicht entmutigen, Genossin Kamneva“, sagte er, „auch das eheliche Zusammenleben will gelernt werden.“ über sich sprach Stalin nur selten Es war fast unmöglich, etwas über sein Privatleben zu erfahren. Es stimmt nicht, daß Stalin asketisch Er selbst lacht immer, wenn ähnliche Nachrichten über seine angeblich asketische
Lebensweise in Weltpresse auftauchen. Stalin raucht nicht nur gerne, sondern ißt auch mit Vorliebe. Da er reits um sieben Uhr morgens frühstückt, ist er um zehn Uhr vormittags schon hungrig und so trinkt er täglich um die gleiche Stunde ein großes Glas Milch, das seiner Meinung nach die Müdigkeit gleichzeitig mit dem Hunger verscheucht. Stalins Vorliebe für Süßigkeiten ist sprichwörtlich. Ständig trägt er gezuckerte Mandeln bei sich, die er manchmal, wenn er bei guter Laune ist, an seine Mitarbeiter verteilt. Da Stalin jedoch nierenleidend ist, haben ihm die Arzte verboten, zu viel Süßes zu sich zu nehmen. Mit seinen steht Stalin übrigens meist auf Kriegsfuß wollen ihm das Rauchen verbieten, doch in diesem Punkt gibt er ihnen nicht nach. Stalin hat viel Sinn für Humor
und lacht stets, wenn er Karikaturen über seine Person entdeckt. „Ich kann es eigentlich nicht verstehen warum mich alle Karikaturisten mit einem Schnurrbart darstellen, wo der meinige doch gand klein ist“, sagte er einmal lustig zu mir. wird Stalin nur, wenn man über sein angeblich lässiges Außere schreibt. Tatsächlich ist er stets mit angezogen und legt großes Gewicht auf sei Uniform Niemals habe ich Stalin nrasiert ge
sohen und auch sonst verrät sein Außeres sorgfältige Pflege. (Aus „Record“, Boston)