Tiroler Tageszeitung 1945
Monat:12
- S.117
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Montag, 31. Dezember 1945
Tiroler Tageszeitung
Nr. 160 Seite 7
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„DAS SCHWEIGEN DER SEE“
Vercors, der Dichter der französischen Widerstandsbewegung
Von Alfred Kerr
„Le silence de la mer“ ist der dichterische Ausdruck der französischen Widerstandsbewegung. Die Novelle wurde in alle europäischen Sprachen übersetzt und überall viel bewundert. Sie wird demnächst auch deutsch erscheinen. Ihr bis dahin unbekannter Schöpfer, Vercors, wurde mit einem Schlag weltberühmt. Alfred Kerr berichtet hier über eine Unterredung, die er jüngst mit Vercors in London hatte.
1.
Als ich im Frühling 1924 durch Amerika fuhr (ich war zum drittenmal drüben), las ich auf einer Warnungstafel für Autos:
„Fahre vernünftig — und du sichst unsere Stadt; fahre wild — und du siehst unseren Richter“
Das Epigrammatische des Ausdrucks entzückte mich (man ist Schriftsteller — oder man ist es nicht); ich schrieb es begeistert auf und gab es begeistert wieder in einem begeisterten Buch, betitelt: „Yankeeland“.
Heute ist mir klar: diese Warnung galt nicht nur für Autolenker; auch für Politiker. Ich dachte daran, wenn ich in England Gäste traf, denen Deutschland einst eine Liebe war, doch sein politisches Autorasen dann ein Abscheu.
II.
Was ich sagen wollte.., Mich verfolgen in der Erinnerung jene Warnungstafeln für Autos. Jetzt wieder eine, und wieder war der Sinn wie für gewisse Politiker geschrieben: „Gib acht — eh du heulst!“ „Look — before You weep!“. Das Achtgeben geschah leider nicht — das Heulen geschah.
Einer hat es ebenso bedauert wie wir selber: das war der Franzose Vercors — der mit seinem jungen, über Nacht entstandenen Ruhm in London gefeiert wurde. Wieder ein entgötterter Deutschenfreund. Ich traf ihn bei der kultivierten Schriftstellerin Henrietta Leslie. Ihr habt gewiß von seiner Novelle gehört (falls man sie Novelle nennen kann), die als das Meisterstück aller Kriegserzählungen gilt — und die auf kaum fünfzig Seiten die Einquartierung eines deutschen Offiziers bei einem betagten Franzosen und dessen Nichte malt.
Ein Untergrundkämpfer schrieb sie — doch an der Stelle platter Feindschaft ist das menschliche Nahesein des antifaschistischen Offiziers betont.
III.
Der alte Mann und das Mädchen bleiben hartnäckig stumm. Deshalb heißt die Erzählung „Das Schweigen der See“ („Le silence de la mer“). Die zwei sind bitter verletzt im Leid ihres Landes. So redeten sie kein Wort mit dem Zwangsgast. Er spricht — sie antworteten nicht. Er spricht sich alles vom Herzen herunter, hält jeden Abend vor ihnen seine Monologe — sie antworten nicht. Sie fühlen unterschwellig, daß er vielleicht Glauben verdient ... doch sie bringen es nicht über sich, zu antworten. Zuletzt, als er eines Tages weiter muß, nach Jahresfrist, sagt das junge Mädchen (und dieses Wort enthält mehr, als in seinen Silben liegt): „Adieu“
IV.
Das Ist, so klingt es, eine rührende Geschichte. Sie ist es nicht. Vielleicht nur darin ein bissel unwahrscheinlich, daß dieses Schweigen (so lange, so unterbrechungslos, so grundsätzlich) zu sehr auf das Schlußwort hin gearbeitet scheint — nicht wahr?
Doch man empfindet es kaum. Alle Wehleidig
KLEINE WINSCHE
*
Von A
*
Da ein Wünschlein, dort ein Wünschlein, plötzlich sind es viele, viele, vorne, hinten, unten, oben,
Keller, Stube voll und Diele.
Mag sich eines froh erfüllen, kommt es mit zehn Jungen nieder, und so geht es weiter, weiter, immer wieder, immer wieder.
Immer wieder, weiter, weiter, erst ein Grüpplein, dann ein Heer, und ich seh" vor lauter Wollen was ich wollte nimmermehr.
Originalzeichnung für die „T. T.“ von W. Gotschke
IE
ZAHLEN UND OUALEN
*
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Zähle nie die grauen Haare
und die schnell versunk"nen Jahre.
Zähle nie die Bitterkeiten, die in deine Freuden gleiten.
Zähle nie auf fremde Güte und des Zufalls Wunder-Tüte.
Zähle nie auf ferne Stunden ungeborner Sonnenrunden.
Zähle nie zu den Verzagten, zu den Schwachen und Geplagten, denn du wirst mit solchem Zählen nur dein liebes Herz zerquälen.
DIPLOMATEN
Anekdoten von Charlos Bach Erklärung
Metternich wurde eines Tages von seiner jugendlichen Nichte gefragt, was eigentlich ein Diplomat sei.
Metternich überlegte einen Augenblick, dann sagte er: „Mein liebes Kind, ein Diplomat ist ein Mann, der die Aufgabe hal, die vielen politischen Verwicklungen zu entwirren, die gar nicht vorhanden wären, wenn es keine Diplomaten gäbe in dieser wunderlichen Welt.“
Eine Lehre
Ein junger Beamter im Dienste Talleyrands enthüllte dem Minister in idealistischer Weise seine Auffassung von Aufrichtigkeit und Freimut.
„Sie sind sehr jung“, sagte Talleyrand lächelnd, „ich bitte Sie deshalb, eine Lehre von mir anzunehmen: Goti gab dem Menschen die Sprache nicht, damit er seine Meinung äußert, sondern damit er sie verhüllt.“
Der schlagfertige Fuchs
Es gibt eine Flugschrift von Fouché, in der er offen bekennt, daß er als Mitglied des Nationalkonvents seine Stimme für die Hinrichlung König Ludwics XVI. gegeben habe. Napoleon kannte diese Flugschrift, und als er einmal mit Fouchés Polizeimaßnahmen völlig unzufrieden war. fuhr er ihn wütend an:
„Sie sind ein Mensch, der einen König gemordet hat
„Ja“, erwiderte Fouché lachend, „um Platz zu machen für das Genie eines Kaisers!“
Der Schwätzer
Metternich pflegte nichts Überflüssiges zu sagen, und alle Schwälzer waren ihm verhaßt. Während des Wiener Kongresses setzte sich einmal ein italienischer Diplomat zu ihm und redete mit höchstem Temperament auf ihn ein, indem er vom Hundertsten ins Tausendste kam. Er begleitete seine Rede mil einem höchst aufgeregien Spiel der Hände. Metternich hörte dem Manne eine Weile schweigend und höchst unwillig zu, endlich aber. als es ihm zu viel wurde, sagte er kühl: „Ihre Hände langweilen mich.“
„Das tut mir leid“, meinte der Italiener, „aber die Atmosphäre macht so nervös, daß ich wirklich nicht weiß, wohin ich sie legen soll.“
„Auf den Mund“, riet ihm Metternich.
Zuvorkommend
Talleyrand hafte zu einem Abendessen in sein Palais eingeladen. Aber man konnte nicht zu Tisch gehen, denn ein bedeufender Gast fehlie noch, der berühmte General Montbrun. Man wartete also. Als der General endlich mit reichlicher Verspälung eintraf, bat er Talleyrand nachdrücklich um Enischuldigung.
„Mein Gott. gewiß. Sie sind zu spät gekommen, Herr General“, enlgegnete Talleyrand mit zuvorkommender Geste. Jaber was bedeutet das? Sie sind ja nur zu einem Abendessen gebeten. Hätte man Sie auf ein Schlachtfeld eingeladen, Sie wären sicher der erste gewesen!“
Bescheidenheit
Einmal saß bei einem Essen neben Anton Bruckner eine junge Dame, die zu seinen glühendsten Bewunderinnen zählte. Sie hatte sich für den Abend besonders schön gemacht, und zu gern hätte sie die Aufmerksamkeit des Komponisten erregt. Es wollte ihr aber nicht gelingen. in eine Unterhaltung mit ihm zu kommen. Endlich neigte sie sich zu Bruckner hinüber und flüsterte: „Herr Professer. Ihretwegen habe ich heute mein schönstes Kleid angezogen, haben Sie das nicht bemerkt?“
Bruckner schaute auf, errötete und meinte in seiner verlegenen Bescheidenheit: „Wie hab’ ich das verdient. Fräulein? Von mir aus hätten S" gar nix anzuziehen brauch"n.“
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keit ist fern. Es gibt im Grund nur karg berichtete Tatsachen. Aber der Schluß ist nicht mehr karg, nicht mehr schweigend — in dem einen Wort. In einem einzigen Wort.
Es bleibt ein Griff.
So vieles, was die Tragik, was der Zwiespalt dieser großen und unseligen Zeit in sich birgt, das wittert und zittert hier ungesagt. Ja, es ist ein Griff.
V.
Ich fand in Vercors (sein bürgerlicher Name ist anders, vielleicht elsässisch) einen lichten jungen Mann, schlicht, kaum dreißig. Im Alltagsleben ist er Graveur. Wir sprachen von der gefährlichen Tiefenarbeit — er tat sie als unerheblich ab. Als unerheblich die Fahrten durch Eng
land wo man mit Recht darauf bestand, ihn zu grüßen und zu ehren. (Heute liegt bereits eine Schulausgabe der Erzählung vor, mit angehängtem englischem Lexikon.)
VI.
Ich dachte wieder an die Warnungstafeln. Und an die Kriegspolitiker, die nachher durch die Geographie gerast sind, Haltzeichen überrannten, Grenzpfähle zerbeulten, ganze Bevölkerungen überfuhren, blühende Jugend, blühendes Leben .. und Sittengesetze zermalmten.
Sie haben „den Richter gesehn“, sie wissen heut, was für ein Irrtum alles war; sie wissen. daß den rollenden Rädern zuletzt bestimmt blieb, den Leib des eigenen Landes unsäglich zu verwunden.
SILVESTERTRUBEL IN ALT-WIEN
Die Nacht, in der man nichts übelnahm
Von Johannes Weland
Wenn vor mehr als hundert Jahren in Wien die Neujahrsnacht kam, dann füllte sich der Stephansplatz schwarz mit Menschen. Im allgemeinen war der übergang vom alten zum neuen Jahre eine Stunde, die man nicht auf der Straße verbrachte. Man blieb daheim in seinen vier Wänden und lud sich Gäste ein. oder man fand sich in einem der schönen Kaffeehäuser zusammen. Dennoch war es für viele Menschen Tradition, die entscheidende Minute auf dem Stephansplatz, im Anblick des ehrwürdigsten Wahrzeichens der Stadt, zu verbringen. Sowie die Uhr ausholte und der letzte Schlag in der Frostnacht zitternd verklang, begannen die fremdesten Leute einander Glück zu wünschen, und eine ausgelassene Stimmung brach durch, die bald zu einer allgemeinen Verbrüderung
führte. Daran hat sich während eines Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag nichts geändert. Immer noch streben die ürenkel jener Alt=Wiener Bürger in der Silvesternacht dem Stephansplatz zu, Rauchfangkehrer drängen sich durch das Gewimmel, rosige Schweinchen. mit Bändern geschmückt, quietschen. Immerhin findet sich nur ein Bruchteil der Wiener auf dem Stephansplatz ein. Die andern aber..
Die andern gingen schon vor hundertzwanzig und hundertdreißig Jahren am Silvesterabend gern ins Theater, wo damals die Alt=Wiener Volkskomödie blühte. Hier konnte man unter Lachen und Fröhlichsein den übergang ins neue Jahr feiern. Hier aber wurde man auch sogleich
an eine Sitte gemahnt, die im allgemeinen erst am Neujahrsmorgen einsetzte und über deren Zweckmäßigkeit und Annehmlichkeit man geteilter Meinung sein kann. Da es damals üblich war, daß zu Neujahr die eine Hälfte der Wiener Bevölkerung der anderen Hälfte gratulierte und dafür ein Geschenk erwartete, so schlossen sich auch die Wiener Komiker nicht aus. Schon die lustigen Darsteller des Hanswursts im 18. Jahrhundert hatten den Brauch eingeführt daß sie den Theaterbesuchern Kulender verkauften, die mit derben Späßen angefüllt waren. Im Jahre 1713 überraschte der berühmteste Hanswurst, Stranitzky, das Publikum mit seinem „Hauß=Calender“.
Diese Kalendergaben, in denen kein Blatt vor den Mund genommen wurde, und von denen Prehauser selbst meinte:
„In Demuth dediciert eum notula darneben,
Daß es wird ganz umsonst um baares Geld gegeben
leiteten in einer Nacht, in der man nichts übelnahm, hinüber zu jenem ersten Tag im Jahre, an dem die Wiener Bürger das unaufhörliche Gratulieren nachgerade doch ein wenig verdroß. Es gratulierten, um mit dem Eipeldauer, dem berühmtesten Wiener Chronisten, zu sprechen, so ziemlich alle: „Ein Gratulant hat dem andern die Tür in d" Hand geb’n. Da ist ein Amtsdiener kommen mit ein vergold"ten Kalender, und der hat d" Hand aufg’halten, ehe ich noch den Kalender g’habt hab". Drauf ist der Hausmeister mit ein Rosenmarinstraußen eintreten und hat mir für ein neuen Gulden g’wiß um ein Million Glück( und Segen g’wunschen, und so freundlich und höf= lich ist er g’wesen, daß ihn kein Mensch für ein
Hausmeister g’halten hätt". Dann ist der Lakey, von der gnädigen Frau kommen... Gleich drauf hat ein Portier seine Aufwartung g"macht... Drauf sind noch ein Dutzend andere Lakeyen kommen ...“ Diese Gratulationscour machte man daheim durch. Aber wenn man sich etwa in sein Stammkaffee begab, dann ging die Sache von neuem los: „Die Marquir (Zahlkellner) z" Wien hab"n auch so ein christlichs Herz. Wie der Herr Vetter in ein Kaffeehaus tritt, wartens dem Herrn Bettern mit ein Fingerlkalender auf und wünschens neue Jahr" Der alte Chronist seufzt beklommen auf: „Das Wünschen dauert oft 8 und 14 Täg nach dem neuen Jahre fort. Da kommen d" Nachtwachter und Trager von der Hauptmauth und d" Postklepperer und d" Rauchfangkehrer und d" Zettelaustrager und
d" Herren, die "s Kreutzerblattl herumtrag"n, und die sagen dem Herrn Vetter ein Glückwunsch auf, der allein ein neuen Zwanzger wert ist. Nein, das ist wahr, in der ganzen Welt gibt"s keine Menschen, die "s so gut und aufrichtig mit ihren Nächsten meinen als z" Wien.“
Immerhin, dieses Gutmeinen konnte einem auf die Dauer ein wenig zuviel werden. Darum erlebten die Theaterbesucher in den Jahren zwischen 1826 und 1831 die überraschung, daß in der Neujahrsvorstellung Ferdinand Raimund seiner Rolle ein Couplet einfügte, worin er aufforderte, die Spenden, die man bisher allen möglichen Neujahrsgratulanten gegeben hatte, in Hinkunft den Armen der Stadt zuzuwenden.
Man darf sich nun nicht vorstellen, daß die Glückwünsche von Anno dazumal von lauter lustigen Leuten an lauter lustige Leute gerichtet wurden. Denn die sogenannte gute alte Zeit hatte
ihre großen Sorgen, und gerade das BiedermeierWien mußte schwer leiden. Man kann es verstehen, wenn der Eipeldauer im Jahre 1806 schreibt: „Wir Wiener haben einander bloß
g’wunschen, daß "s neue Jahr besser ausfalln möcht als "s alte und daß für uns bald der Tag der Erlösung kommen möcht.“
Indes, die Wiener waren ein Volk, das das Leben zu meistern verstand, und so trachteten sie denn, aus der Neujahrsstimmung in guten und in bösen Tagen das Beste herauszuholen. Weil sie niemals vergaßen, daß mit dem neuen Jahr der Fasching begann, so aß man in der Silvesternacht zum erstenmal ein berühmtes Wiener Gebäck, die Faschingskrapfen, die nur in der Zeit zwischen Neufahr und Aschermittwoch erzeugt wurden. Und in Alt=Wien mehr als in Neu=Wien war es üblich, einander zu Neujahr Ulkgeschenke zu geben oder sich mit Dingen zu bewirten, die einen Aufsitzer bedeuteten. Auch darüber weiß der Eipeldauer zu berichten. Man servierte etwa Faschingskrapfen, die statt mit Marmelade mit Schinken und Würsten (was no“ angehen mochte), manchmal
aber auch mit Gurken und Rettich gefüllt waren und also abscheulich schmecken mußten. Biskuits brachte man auf den Tisch in die kleine Kalender eingebacken waren Auch in Schokoladenbonbons (der Eipeldauer nennt sie Tschukuladizeltl) konnte man Kalender oder einen Spiegel finden. Im allgemeinen waren die Silvesternacht und der Neujahrstag auch im alten Wien wie überall eine Zeit, die dem Spaß, der Ausgelassenheit jede Freiheit gewährte. Und so durfte man damals trotz Kriegsnot hoffen, mit einem Not=Lächeln die Schwelle zum neuen Jahr zu überschreiten.